Mit Schalke bei den Scheichs

Michael Harling, besser bekannt als „Fischkopp22“, wurde in den Sechzigern geboren, ist Schalke 04 Fan aus Rheinland-Pfalz, Auswärtsfahrer und Trainingslager-Besucher.

Ein Bericht über die Reise zum Trainingslager in Katar.


Als ich Ende November 2011 erfahren habe, dass es nach Katar ging, war die Vorfreude sehr groß. Also ab ins Reisebüro und versucht eine Reise zu buchen. Aber die Preise haben mich auf den Boden der Tatsachen zurückgebracht. Da kam das Angebot unseres Vereines, dem ich natürlich nicht widerstehen konnte: Für knapp 1000€ ins unbekannte Land, das war schon ein Schnäppchen. Also meinen Kumpel Dö, jeder der ihn kennt, weiß, wen ich meine, angerufen und die Reise in das Land der Scheichs und des Geldes gebucht.

Am 04.01.2012 um 11:05 Uhr war Abflug vom Airport Frankfurt/Main. Eine Hälfte der Mannschaft flog mit 33 Schalker Fans von Frankfurt und die andere Hälfte der Mannschaft von München aus. Gab halt nicht so viele Business Sitze im Flieger, sodass die Mannschaft aufgeteilt werden musste. Der Non-Stop Flug dauerte ca. sechs Stunden und mit zwei Stunden Zeitverschiebung erreichten wir um 19 Uhr Doha/Katar. Weiter zum Hotel ging es mit dem Bus.
Dann sollte uns das erste Problem erwarten. Wo bekommt man(n) etwas Alkoholisches zu trinken? Es gibt in Doha nur in ca. zehn Hotels eine Bar, die Alkohol ausschenken darf. Der Fußmarsch zum nächstmöglichen Hotel betrug zehn Minuten. Also kurz frisch gemacht und ab ging es. Im besagten Hotel angekommen musste man den Reisepass abgeben, damit er eingescannt werden konnte – eine Vorsichtsmaßnahme der Kataris? Bei einem Preis von umgerechnet 7,5 Euro für einen halben Liter Bier ließ uns dann allerdings nicht so lange dort verweilen. Ist schon der Hammer gewesen. Uns wurde klar, dass dieses Trainingslager sehr trocken werden würde.

Am nächsten Morgen ging es mithilfe des organisierten Shuttle Services zum Training. Die Fahrtzeit variiert dort allerdings von 25 bis 50 Minuten, je nachdem, wie die Ampeln dort geschaltet sind. Ich habe da bis heute noch nicht durchgeblickt. Am Trainingsgelände angekommen blieb uns allen erstmal die Spucke weg. Top Anlage, es fehlt an nichts und man sieht wo die Scheichs ihr Geld lassen. Wahnsinn.

Zwischen den Trainingseinheiten am ersten Tag gingen Familie Dö, mein Zimmerkollege Robert und ich in das angrenzende Shopping-Center. Der Rundgang, ohne an den Schaufenster stehen zu bleiben, dauerte ca.1,5 Stunden. Im Center befanden sich eine integrierte Eisbahn, ein Spieleparadies mit Achterbahn, ein FreeFall-Tower und andere diverse Fahrgeschäfte. Eine Gondelierenfahrt entlang der Schaufenster konnte man auch unternehmen. Echt Wahnsinn!

Am Donnerstag haben wir, mit wir sind immer auch Familie Dö und Robert gemeint, die Stadt Doha erkundet. Ein altertümlicher Markt weckte unser Interesse und wir schlenderten so durch die Gassen. Bizarr war es, dass dort bunte, angemalte Küken zum Verkauf standen. Ich nenne das Tierquälerei, aber wenn die Kinder dort keine Interesse mehr an den Tieren zeigen, geht die Farbe nach ca. zwei Monaten wieder weg. Uns fiel dort ein Laden auf, der die einheimische Tracht der Scheichs zum Verkauf anbot. Dö und ich hinein und für umgerechnet 25 Euro kauften wir uns diese Tracht, wollten damit beim morgendlichen Training auftreten.

Am nächsten Morgen nutzten wir dann nicht den Shuttle Service, sondern fuhren 20 Minuten später mit dem Taxi los. Niemand wusste Bescheid – erst die ungläubigen Gesichter der anwesenden Fans und einiger Spieler war es schon wert so zu erscheinen. Natürlich haben es sich einige Pressevertreter nicht nehmen lassen, uns in Beschlag zu nehmen. Nach den Erfahrungen dieses Vormittags möchte ich nicht Prominent werden, die Anweisungen der Fotografen waren zum Schluss nur noch nervig. Aber das war trotzdem ne gelungene Aktion.

Das erste Testspiel sollte dann in das ca eine Stunde entfernte Stadion gehen. Da kein Fahrer von uns den Weg kannte, beschloss man, dem Mannschaftsbus zu folgen. Nur, der wusste auch nicht den genauen Weg. Also eine kleine Stadtrundfahrt durch Al-Chaur inkl. Kreiselrundfahrt zum Einsammeln der einzelnen Busse durchgeführt. Das Spiel wurde, wie schon bekannt, beim Stand von 4:0 für die Guten nach 77 Minuten abgebrochen, weil sich eine Nebelwolke in das Stadion festgebissen hatte.

Die nächsten Trainingseinheiten verliefen ohne weitere Besonderheiten. Die Laune innerhalb der Mannschaft war positiv und es wurde sehr viel gelacht. Wie schon im Januar 2011 in Belek lief unser Farfan seine einsame Runden um den Platz 🙂

Für die WM 2022 sehe ich persönlich schwarz. Die wollen die Stadien in einem kleinen Umkreis halten. Eins soll sogar unter der Erdoberfläche gebaut werden. Da kann es schonmal passieren, dass sich die rivalisierenden Fans in der Halbzeit treffen können, sich die Rübe einhauen und in der 2.Halbzeit wieder im Stadion sind. Und dann der Alkoholmangel und die Preise. Da muss sich etwas ändern, ansonsten sehe ich schwarz.

Der ebenfalls hier anwesende Verein aus dem Süden von Deutschland begann sein Training zeitversetzt. Vielleicht, damit die angeblich 15 Mitgereisten „Fans“ oder besser gesagt „zahlende Mitglieder“ ausschlafen konnten.

Einen Nachmittag begaben wir uns an den nahegelegen Strand. Beim Betreten des Sandstrandes verlangte man 20 Euro Eintritt. Für diejenigen, die den ganzen Tag am Strand verweilen wollten, war es in Ordnung. Aber für uns, die nur Fotos machen wollten oder das Wasser spüren wollten, war’s zu viel. Wir gingen weiter und wollten mit einem Holzboot eine kleine Bootstour machen. In unserem gebrochenen Englisch einigten wir uns auf einen Preis. Da kam ein Typ, der gehörte zum Bootsverleih, und fragte uns auf Deutsch ob es uns hier gefalle. Bis auf Alkoholmangel gefiele uns es gut hier. Seine Antwort: „Auf dem Schwarmarkt bekommt man alles!“ Ab da gehörte er uns!

Der Deal wurde während der Bootsfahrt klar gemacht. Eine Palette 0,5 ltr Fosters Bier, mit Alkohol, wurde für 80 Euro gebucht. Macht umgerechnet ca.3,5 Euro pro Büchse. Nicht billig, aber billiger als in den Hotels. Nach der Bootsfahrt kamen seine Kumpels und wir machten uns auf eine Schmuggelfahrt. Mehrmals die Fahrzeuge gewechselt, in verschiedene Viertel gefahren und zum Schluss die Büchsen versteckt im Rucksack ins Hotelzimmer geschmuggelt.

Eine Führung durch die Aspire Zone, so hieß die Trainingsanlage, machte uns klar, dass hier das Geld keine Rolle spielt. Laut Guide hat die Anlage ca 1 Milliarde US Dollar gekostet. Das Mannschaftshotel „The Torch“ ist ein ca 300 Meter hoher Turm, der für die Asien Spiele 2008 gebaut wurde. Jetzt entsteht in Inneren des Turmes ein Hotel. In einer Halle des Geländes befand sich ein Kunstrasenplatz für ca. 5.000 Zuschauerplätze, eine Turnhalle mit einem Fassungsvermögen von 6 bis 7 Tausend Zuschauern. Und noch vieles mehr. Wir haben uns angeschaut, gestaunt und die Katarer für verrückt erklärt.

Das Highlight der Reise für mich war die Einladung von VW zu einer Wüstenralley. Nagelneue Touaregs standen für uns Schalke-Fans bereit und ab ging es. Spruch vom Dö: „Hätten se uns nicht geben sollen, selbst dran Schuld!“ In der Wüste angekommen musste man erstmal Luft aus den Reifen nehmen, damit wir auf Sand mehr Angriffsfläche hatten. Und ab gings. Rauf, runter, rechts Drift, links Drift bergab und bergauf. Alles war dabei. Einige mussten aus dem tiefen Sand befreit werden. Da half auch kein „Internationaler Führerschein“. Die dabei waren, wissen wer gemeint war 🙂 Auf der Rückfahrt schlug unser Lenkrad wie verrückt. Dö hatte es ja gesagt: „Hätten se uns nicht geben sollen, selbst dran Schuld!“

Die Blau Weiße Nacht am selben Abend war auch eine gelungene, wie immer offene Veranstaltung der besonderen Art, die im grandiosen Mannschaftshotel stattfand. Bei einem gemeinsamen Abendessen (Buffet) wurde sehr viel gelacht und man tauschte interessante Eindrücke aus Katar, der erfolgreichen Hinrunde usw. aus. Raul war natürlich einer der begehrtesten Spieler um Autogrammwünsche zu erfüllen und natürlich auch, um Fotos zu schießen. Ich unterhielt mich kurz mit Seppo Eichkorn, der meine Frau vermisste, die diesmal berufsbedingt nicht dabei sein konnte. Wir sprachen über die erste Halbzeit beim DFB Pokalspiel in Gladbach und waren beide derselben Meinung, dass diese Halbzeit die schlechteste Leistung der kompletten Hinrunde war. Die Verantwortlichen des FC Schalke 04 bedankten sich bei den Fans für den gemeinsamen Aufenthalt in Katar, „Ihr seid und bleibt eben die besten Fans der Welt“, und nach gut zwei Stunden war die Blau-Weiße-Nacht dann auch zu Ende.

Am nächsten Tag, dem 10. Januar, stand das zweite Testspiel auf dem Programm. Es fand im „Jassim Bin Hamad“-Stadion in Doha statt, etwa fünf Kilometer vom Trainingsgelände entfernt. Das Spiel gegen Al-Sadd, endete mit einer 1:2-Niederlage, verlief ansonsten eigentlich ohne nennenswerte Besonderheiten. Rein ins Stadion, Spiel angeschaut und raus aus dem Stadion.

Es nahte die Abreise und uns allen war klar: Man(n) musste das hier einmal gesehen haben, – aber müsste man nochmal? Würde mich aber nicht wundern, wenn der FC Schalke 04 im Januar 2013 sein Lager wieder dort aufschlägt. Die Trainingsbedingungen waren sehr gut und für den Verein billig, da sie vom Scheich eingeladen worden waren. Auch die Reise der Fans wurde teilweise vom Scheich übernommen. Was kostet die Welt? In Katar macht man sich darüber nicht so große Gedanken.
Noch nicht.
Denn irgendwann geht denen auch das Öl aus.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Mit Schalke bei den Scheichs

  1. Toller Erlebnisbericht! Danke!

    Es steht ja schon fest, dass wir im Januar wieder in Katar das Trainingslager haben werden.
    Abschiedsspiel mit Raul ist ja auch geplant.
    Bin gespannt, für wieviel Geld die Reise nun angeboten wird und wieviele Schalker mitfliegen würden.

    Ich hätte da grundsätzlich mal Interesse daran. Mal sehen…

    Glückauf

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