Sommerloch

„Schmiddy“ fährt seit den frühen achtzigern mehr oder weniger regelmäßig zu den Spielen, hat einen der ältesten Fanclubs mitbegründet, DK in Block 2, Raucher, Schwimmer, Führerscheininhaber, Beamter, Wanderer, Vater, Deutscher, Europäer, Pantheist, Hesse, Hase im chinesischen Sternzeichen, Widder im anderen, Wähler, Manchmalnixkapierer, Frauenversteher, Videofreak, Buchleser und Schalker.

Der Sommer, wenn er nicht verregnet ist, ist eigentlich eine schöne Zeit. Urlaub, Erholung, alles erscheint in besserem Licht – sollte man meinen. Wäre da nicht die drastische Lücke, die das Fehlen von Pflichtspielen einer gewissen Sportlertruppe reißt…


Da ist sie wieder, die fußballlose Zeit, oder war sie wieder, denn wo ich das hier schreibe, ist sie auch schon fast wieder vorbei. Macht mir gar nix aus. Oder doch? Seltsam. Irgendwie fühlt es sich dumpf und taub an, das Gefühl für Schalke. Wie eine verblasste Erinnerung. „Schalke? Ja, da war mal was, ist schon lange her, das hab ich hinter mir.“ So ähnlich. Was ist denn bloß los, mit Schalke, mit mir und so insgesamt?

Aber kein Grund zur Panik, das Ganze kenn ich zur Genüge von mir. Ist doch fast jedes Jahr dasselbe. Kaum ist die Saison rum, hab ich so richtig von ganzem Herzen keinen Bock mehr auf die ganze Kacke. Kostet ja auch einen Haufen Zeit und Geld, die ganze Auswärtsfahrerei, Karten, die gekühlten Getränke, vom Sprit ganz zu schweigen. Die Dauerkarte wird ebenso immer teurer, nee, das macht doch alles keinen Spaß mehr. Könnte man doch eigentlich sehr gut für andere tolle Dinge verwenden, das viele Geld und die viele Zeit. Für neue Hobbys zum Beispiel, fürs Reisen oder ganz einfach nur mal was sparen für noch schlechtere Zeiten. Oder man liest einfach mal ein gutes Buch anstatt sich von diesem Prollsport weiterhin versklaven zu lassen, verdammt nochmal.

Nö, denke ich, nun ist mal Schluss mit dieser blöden Hinterherfahrerei von die Schalkers. Will ich nicht mehr, brauch ich alles nicht mehr, ist ja auch nicht mehr so wie früher, wo alles bekanntermaßen besser war, weil aus Holz. Leitbilder brauchten wir damals nicht, wir waren höchstselbst unsere eigenen Leitbilder, haben uns an uns selbst ausgerichtet. War auch schön, war alles selbstverständlich und musste nicht irgendwie schriftlich in Worte gepackt werden. Anders, aber schön. Notwendig finde ich das Leitbild aber schon, bitte nicht falsch verstehen. Man muss den ganzen Neuschalkers ja irgendwie mal verständlich machen, wie das früher so war, was da so selbstverständlich war, damit es wieder so wird, wie es mal war, oder wieder ist oder sein soll oder so ähnlich jedenfalls. Weiß auch nicht, ich hoffe, ich habe es verständlich formuliert.

Überhaupt, die Jahreshauptversammlung. War ich ja wieder da. Kann ich mir dann ab sofort auch schenken, fein, weil ich will nicht mehr so viel mit den Schalkers machen, hab ich ja schon erwähnt. Dort machte uns der Peters klar, wie notwendig die klitzekleine Zutrittsberechtigungsausweispreiserhöhung doch ist, essentiell, sozusagen. Hat mich voll überzeugt, der Peter. War ja auch unmissverständlich, hängt ja der ganze Verein dran und wenn doch der ganze Verein dran hängt und doch die Spielers bezahlt werden müssen und doch die Arena und doch die Schulden und alles und so. Richtig traurig war ich, wie gebannt hing ich an seinen Lippen, weil es uns ja so schlecht geht, weil ja alles so traurig ist und es uns doch schließlich irgendwann auch mal besser gehen soll, finanziell. Zahl ich doch gerne, auch weil ich sehe, was die anderen Vereine so aufrufen. Leverkusen, zum Beispiel. Da soll ich doch für einen Platz, wo ich letztes Jahr noch mit 35 Griechenspanienzypernhilferettunswährungseinheiten Euro dabei war, stolze 59 von eben diesen berappen. Prima, ein Spiel weniger, über das ich nachdenken muss. Tja, da relativiert sich doch unsere Preiserhöhung schlagartig und ich möchte am liebsten Herrn Peters umgehend dankbar umarmen und ihm raten, das Ganze nochmals zu überdenken. Kann nicht sein, was die können, müssen wir doch längst können, wir sind schließlich kein kleiner Popelverein mehr und schon mal gar nicht so aus Plastik wie die da. Da geht noch was!

Von der unsäglichen Posse ums „Sozialticket“ will ich gar nicht anfangen. Wo kämen wir denn da hin, wenn wir auch noch die Leute ins Stadion lassen, die sich das gar nicht (mehr) leisten können. Aber hier wird ja gottseidank ein Riegel vorgeschoben, 20 18 € sollen es dann schon sein, bitte sehr. Bravo! Am Ende kommt noch jemand auf die Idee, Freikarten für diese Schmarotzer zu verteilen, ohne das an die große, medienwirksame Glocke zu hängen, ohne dass sich diese Menschen(!) entwürdigend offenbaren müssen. Furchtbarer Gedanke, wo es dem Verein doch so schlecht geht.

Spaß beiseite, das macht alles irgendwie gar keinen mehr. Und derselbe ist vonnöten, will man die Kraft aufbringen, wieder eine Saison mehr mit den Blauweißen durch die Lande ziehen. Geht doch ganz prima ohne, wie die elend lange Sommerpause zeigt. Ich vermisse absolut gar nichts, und was gäbe ich denn wirklich auf? Nix, genau nix. Ist so ruhig im Verein wie noch nie in meiner aktiven Zeit. Ekelhaft ruhig, professionell ruhig, da kann ich nicht mit umgehen, das macht mich körperlich fertig. Keine Skandale, nicht mal Skandälchen, auch wenn sich der Boulevard hier und da sichtlich Mühe gibt, welche zu konstruieren. Das ist nicht mehr mein Schalke, ganz sicher nicht. Ich bin bereit, den Schalker in mir ein für allemal um die Ecke zu bringen und nur noch sinnvolleres mit meinem Leben anzufangen. Schluss, aus, Ende. Über 30 Jahre rumeiern mit dem Verein ist doch auch genug. Angekündigt hab ich das bei meinen Kumpels schon mehrfach, eigentlich vor jeder Saison, wenn ich es genau überlege. Diesmal ist es anders, das spüre ich tief in mir, diesmal mache ich ernst, wirklich.

In knapp 2 Wochen geht’s dann Sonntags zu dritt nach Saarbrücken, in den altehrwürdigen Ludwigspark, das wird was ganz Besonderes, endlich mal wieder Stehplätze satt. Und am Sonntag drauf nach Hannover, ich will ja wieder das köstliche Mett im Brauhaus verspeisen, bevor es dann endlich, endlich das erste Heimspiel gibt.

„Warum“, fragt ihr? Entschuldigung, ich verstehe diese Frage nicht.

Blöde Sommerpause, blöde.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Sommerloch

  1. So kenne ich dich Schmiddy…hauptsache mal hü,mal hott…;-) Sehen uns…

  2. beim Versuch zu unterschreiben den Monitor vollgekritzelt…
    doofen Pause 😦

  3. So sind Sie die alten Herren, ewig gestrige aber haben Recht 🙂
    Man sieht sich in der Arena…

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