Das schwarze Meer ist blau-und weiß!

Mathias Krümpel wurde ohne familiäre Vorbelastung 1972 im Alter von 6 Jahren Schalker, obwohl der gesamte Freundeskreis der Gladbacher Borussia nachhing. Sechs Jahre später konnte er erstmals seinen Vater überreden, mit ihm erstmals ins Parkstadion zu fahren. 1994 war er Mitgründer des heute 600 Knappen starken Fanclubs „Attacke 94“.

Europapokal auswärts – das ist immer ein Abenteuer. Erst recht, wenn es in den Osten der Türkei geht.


Man meint, man kann heutzutage nichts mehr erleben. Weit gefehlt, es gibt sie noch, die letzten Abenteuer dieser Welt. Trabzon war eines davon. Unser glorreicher FC Schalke 04 gegen Trabzonspor Kulübü, so hieß die Auslosung in der zweiten Runde des Uefa-Pokals 1996/97. Ein schneller Blick auf die Karte zeigt, dass Trabzon rd. 4.000 Flugkilometer von Köln entfernt liegt, eingeengt zwischen Georgien und dem schwarzen Meer. Rein geografisch hat Trabzon mit Europa nichts mehr zu tun, man befindet sich längst in Asien. Eine Anreise per Bus und Bahn hätte mehrere Tage (man munkelte so rund 4 Tage allein quer durch die Türkei) gedauert. Sei es drum, wir wollten dahin! Wir, das waren die blau-weißen Abenteurer Hansi, Josef, Berthold und meine Wenigkeit vom Fan-Club Attacke 94 im münsterländischen Wettringen. Sofort wurden erste Informationen über den Gegner eingeholt. In der Türkei nannte man das Stadion die „Hölle von Trabzon“. Trabzonspor ist die einzige türkische Fußballmannschaft die den Istanbuler Hauptstadtklubs Paroli bieten kann. Superstar der Mannschaft war Hami Mandirali, der den Schalkern doch gehörig Respekt einflößte und ähnlich wie später die Spieler Edi Glieder und Pukki nach glanzvollen Auftritten gegen uns direkt per Scheckbuch verpflichtet wurde.

Meine Mutter hatte bei dieser Fahrt Angst um mein Leben. „Bliev leiwer to hus“. Der verheerende Absturz eines türkischen Flugzeugs der Gesellschaft „Birgin Air“ lag gerade ein paar Wochen zurück. „Womit fliegt ihr denn?“, fragte sie immer wieder. Ich hatte es zwar geahnt, nachgefragt hatte ich aber beim Fanclubvorsitzenden Berthold lieber nicht. Keine Pferde unnötig Scheu machen, hieß die Devise. Als wir dann am Flughafen Köln-Bonn angekommen waren, genügte ein schneller Blick auf das Rollfeld um zu sehen, dass gleich eine ganze Handvoll von Flugzeugen der ebenfalls türkischen Airline „Pegasus-Air“ bereit stand. Pegasus sollte also uns Schalker ans Ende der Türkei bringen. Einige hatten jedoch das Glück, mit Condor-Maschinen der Lufthansa zu fliegen, was beim Einschecken zu hämischen Rufen führte. „Wir fliegen Condor und ihr nicht!“. Gut, dass meine Mutter das nicht hören konnte, die hätte mich vom Bundesgrenzschutz aus der Maschine zerren lassen.

Der Flughafen war fest in blau-weißer Hand und die Gesänge erschallten bald durch die ganze Halle und übers Rollfeld, „…und zum Döner Essen flieg`en wir zur Türkei…….“ usw.. Das hatte was! Im Flugzeug dann herrschte eine riesige und gespannte Stimmung. Nur Schalker im Flugzeug: alles in blau-weiß. Unglaublich! Als der Pilot sich im lupenreinen Englisch mit Harry „weiß der Geier“ vorstellte, kam es wie aus einem Munde aus 250 Schalker Kehlen „Harry gib Gas, Harry gib Gas“. Die Stimmung stieg, auch die Stewardessen hatten alle Hände voll zu tun. Der Vorteil an diesen türkischen Airlines stellte sich schnell heraus. Es gab Freibier in Dosen bis zum Abwinken. Was wollte man mehr. Nach ein paar Dosen türkischen Effes-Bier war auch die fehlende Schwimmweste unterm Sitz vergessen.

Fast fünf Stunden später sind wir dann auf dem Militärflughafen von Trabzon gelandet. Warum auf dem Militärflughafen weiß keiner so genau. Jedenfalls sammelte man vorsichtshalber beim Aussteigen alle unsere Pässe und Ausweise in kleinen Plastikeimern ein. Buch geführt hierüber hatte niemand. Zum Schluss war nur noch ein Haufen mit hunderten deutscher Pässe zu sehen. „Wie sollten die jemals wieder zugeordnet werden?“ schoss es uns durch den Kopf. Einige sahen sich schon in einem Grenzdorf nahe Georgien in einer kleinen Zelle ohne Ausweis und Papiere schmachten.

Dann ging es mit einem Buskonvoi hoch über die Berge von Trabzon. Hier erwartete uns ein Landgasthaus mit herrlichem Blick über die Stadt und das schwarze Meer. Drei Fahnen waren dort gehisst; eine von Schalke 04, eine von der Fluggesellschaft Condor und eine deutsche Fahne. Das Erstaunlichste: Es gab wiederum freie Getränke für alle. Man wollte wohl mit dieser Aktion die Schalker aus der Innenstadt fernhalten. Hier haben wir dann auch ein paar Bekannte vom benachbarten Fanclub „Pottbäcker“ aus Ochtrup getroffen. Ca. zwei Stunden vor Spielbeginn ging es dann in die Stadt zum Atatürkplatz. Hier waren schon einige hundert Schalker anwesend. Aber auch die türkischen Fans machten sich allmählich lautstark bemerkbar. In einem Fotogeschäft wurde mir dann durch einen kurzen schnellen Handgriff eines türkischen Jungen die Schalke Mütze vom Kopf gerissen. Na ja, besser als wenn der später mit einer schwarz-gelben Mütze rumläuft, habe ich noch gedacht.

Den Schalkern wurde offiziell nahegelegt, keinesfalls alleine oder zu Fuß zum Stadion zu laufen. Hierzu sollten die bereitgestellten Busse genutzt werden, die uns durch die engen und verwinkelten Gassen der Stadt zum Stadion brachten. Dass ab und zu ein kleiner Stein gegen die Scheiben flog sei hier nur am Rande erwähnt. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir dann doch eine Gruppe Schalker zu Fuß, angeführt vom berühmt berüchtigten „Handy-Man“ vom Fan-Club Emspower aus Rheine, durch die Stadt laufen sahen und haben deren Mut (oder war es Leichtsinn) bewundert.

Vorm Stadion sahen wir dann nur noch eine riesige Betonwand, mittendrin der Einlass in Größe einer Zimmertür. Der Einlass bei unserem Heimatverein Vorwärts Wettringen war jedenfalls professioneller angelegt worden. Der Vorplatz mit Kieselsteinen ausgelegt war umringt von hunderten Türken, die heißspornig irgendwas herumschrien. Wir wollten uns schon gegenseitig an die Hände fassen und haben überlegt, warum wir uns das angetan hatten. Wohltuende heimatliche Gefühle kehrten ein, als „Handy-Man“ Kopien hochhielt und alle fragte: „Wer will nächste Woche mit nach Freiburg. Getränke und Fahrt für 89 DM“. Das hatte so was Normales. Auch ein kurzfristiger Stromausfall und völlige Dunkelheit vor dem Stadion hinderten uns letztlich nicht daran in unseren Block zu kommen. Treppenstufen von einer Höhe, dass man fast schon eine Leiter anlegen musste, machten einen Positionswechsel im Stadion fast unmöglich. Trotz allem, die blau-weiße Wand aus rund 1.500 Schalkern, 4.000 Flugkilometer vom Parkstadion entfernt, stand. Drei Tore haben die Schalker in der Hölle von Trabzon geschossen, allerdings auch drei kassiert, so dass das Spiel letztlich 3:3 endete. Ein Schalker Fan hatte sich bei einem bösen Sturz im Block beide Beine gebrochen, zur „Belohnung“ durfte er dann aber – unter Obhut des Schalker Vereinsarztes – mit der Mannschaft zurückfliegen.

Nach dem Spiel konnte ich einen Stutzen von Olaf Thon erhaschen, den ich aber gleich weiterreichte. Wie lauthals bereits beim Hinflug angekündigt, aßen wir am Militärflughafen dann auch wirklich noch einen Döner. Auch die Pässe haben wir während des Rückfluges aus gelben Plastikeimern im Flugzeug zurückerhalten. „Das schwarze Meer, das schwarze Meer, das Schwarze Meer ist blau und weiß“ hallte immer wieder lautstark durch den Flugzeugrumpf. Irgendwann in den frühen Morgenstunden sind wir dann wieder in Köln gelandet. Übermüdet aber doch glücklich, denn wir hatten gefühlt an einem der letzten Abenteuer dieser Welt teilgenommen.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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4 Antworten zu “Das schwarze Meer ist blau-und weiß!

  1. Berthold Bültgerds

    Jau Mathias, so wars. Eine tolle Erfahrung, nachdem unser S04 viele viele Jahre nicht mehr International dabei war.
    Heute ist Jammern auf hohem Niveau angesagt.

    Gruss
    Berthold

  2. Super Story, ich bereue immer noch das ich die Tour damals nicht mitgemacht habe…

  3. Haaaach, da geht einem das Herz auf!!!
    Fast jede Europapokaltour scheint mir mehr oder weniger ein Abenteuer zu sein, im Nachhinein möchte ich keines davon missen!

  4. Das Hinspiel war schon ein Erlebnis. Aber das Rückspiel war wohl doch noch eine Nummer toller. Bei dem Beitrag von Mathias Krümpel kann man neidisch werden auf diejenigen, die die Tour gewagt haben.

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