In der Kurve!

Uwe Porcks erstes Wort war nach glaubhaften Aussagen seiner Mutter „Ball“. Heute, mit deutlich größerem Wortschatz, werkelt er als stellvertretender Marktleiter in der Soester Gegend und freut sich, dass seine Tochter mit 20 endlich auch dem königsblauen Fieber verfiel.

Nach dem Herzschlagfinale um die Deutsche Meisterschaft 76/77, bei dem Schalke knapp hinter Borussia Mönchengladbach Vizemeister wurde, kommt es in der neuen Saison zum ersten Aufeinandertreffen der beiden – und erstmals ist Uwe mit dabei. Zusammen mit einem Freund in den falschen Farben…


Ich werde wohl nie meine erste Begegnung mit dem Parkstadion vergessen: Wir schrieben den 12. November 1977, ich war 15 Jahre alt, stand in der Nordkurve in Block 5, ausgestattet mit einer Jugendkarte für heute unvorstellbare DM 3,00 und „was out of my bloody mind“! Meinen Eltern verschwieg ich geflissentlich den Stehplatz in der Kurve. Damals als Jugendlicher von außerhalb, ich bin gebürtiger Soester, war so etwas ja viel zu gefährlich, da hatte man allerhöchstens an der Gegengerade zu sitzen, wenn nicht sogar auf der Haupttribüne und das auch nur in Begleitung Erwachsener versteht sich.

Eigentlich war es natürlich für mich ein zu hohes Alter, für das erste Mal auf Schalke, aber dennoch war ich quasi auf Kohle geboren worden und es gab nur S04 für mich. Mein Vater war zeitlebens Schalker und hatte sogar nach eigener Aussage mal ein Angebot für die damalige A-Jugend des S04. Da er aber kurz nach dem zweiten Weltenbrand der Alleinverdiener einer ansonsten mittellosen Großfamilie in dem mittlerweile Kurort gewordenen Bad Sassendorf an der B1 war, kam ein Wechsel des Vereins für ihn nicht in Frage. Ich denke, das hat er nie verwunden, denn sein Herz schlug immer für Blau und Weiß. So ist es kaum verwunderlich, dass ich ein Knappe wurde. Aufgrund der Lungenerkrankung meines Vaters war es mir leider nie vergönnt, mit ihm zusammen die Glückauf-Kampfbahn oder das Parkstadion zu besuchen.

Nun aber war ich endlich am Ziel. Nordkurve! Der harte Kern und ich mittendrin, unfassbar! Und dann ging es an diesem Samstag auch noch gegen die Fohlenelf, den amtierenden Deutschen Meister Borussia Mönchengladbach.

Ich war damals mit ein paar Freunden, mit denen ich zusammen in der C-Jugend das Soester Spielvereins Fußball spielte, nach Gelsenkirchen aufgebrochen. Ich kann mich nicht mehr an alle Namen erinnern, aber einer wird mir nie entfallen: „Nolle“ Norbert Majonika, seines Zeichens glühender Gladbach Fan, wie so viele beim Soester Spielverein in den siebziger Jahren, nicht zuletzt da Hartmut Bleidick aus Soest damals für die Borussia kickte. Ansonsten gab es wie wohl in jeder Jugendmannschaft Fans aller möglichen Schattierungen, allen voran Schalker, Gelb-Schwatte und die unvermeidlichen Bayern Fans.

Ich weiß nicht mehr so genau, wie wir Haufen Jugendlicher es geschafft hatten von Soest nach Buer zu gelangen, aber ich weiß noch, dass wir sehr früh vor Ort waren. Außer uns hatten sich erst ein paar Unentwegte in das Halbrund unter der Anzeigentafel verirrt. Mutig – oder vielleicht dummerweise – war auch Norbert dabei und das sogar mit Schal und Mütze in den Farben von M’gladbach ausgestattet, ausgerechnet in der Nordkurve des Parkstadions!

Es dauerte auch nicht lange, da verdunkelte ein mächtig massiger Schalker mit der Ehrfurcht gebietenden Jeanskutte der Nordkurvenfans die Sonne und sprach uns an: „He Leute, ich will euch ja nichts Böses, aber kann euer Kumpel nicht in die Südkurve wechseln? Wenn die Jungs gleich kommen, dat gibt nix Gutes…“ Nolle, 1,65 m hoch aufgeschossen und mit dem Selbstverständnis eines afrikanischen Wasserbüffels ausgestattet, erwiderte nur: „Nein, ich bleibe genau hier bei meinen Kumpels.“ Der Große wieder: „Aber ehrlich, wenn die Jungs gleich kommen, zieh wenigstens die Klamotten aus. Dat könn‘ die Jungs gar nicht so ab, inne eigenen Kurve!“ Norbert aber blieb standhaft und mir wurde doch etwas mulmig im Gedärm. Das Stadion füllte sich nun zunehmend, die Kurve wurde richtig picke packe voll und meine Hosen wurden es auch.

Als das Spiel endlich begann und Helmut Kremers in der 17. Minute das 1:0 für den S04 erzielte, hatte ich meine Angst jedoch vergessen, vor lauter Jubel und der plötzlichen Gewissheit, dass wir den amtierenden Deutschen Meister jetzt sicherlich schlagen würden. Jedenfalls blieb das zehn Minuten so, bis Kulik der Ausgleich für die einzig wahre Borussia gelang. Das Ende vom Lied war, wir verloren in der 88’sten 1:2 durch ein Tor unseres viele Jahre später als Schalker Trainer wiederkehrenden Jupp Heynckes. Heimniederlage gegen die Gladdies also und Nolle war nichts Schlimmeres geschehen, als dass er seine Mütze eingebüßt hatte, die ihm ein Fan irgendwann während des Spieles von hinten vom Kopf stahl.

Ich fand mein erstes Mal auf Schalke trotz der Niederlage und Norberts Mützenverlustes zwar ein wenig beängstigend, aber in erster Linie doch überwältigend und die Nordkurve keineswegs so schlimm, wie Uneingeweihte damals zu behaupten pflegten. Für mich wurde sie von meinem ersten Spiel an zum Kult. Jetzt ist sie ja leider nur noch Geschichte, aber diese blau-weiße Wand im Norden der Arena ist auch nicht ohne. Die Zeiten ändern sich halt, gestern Fußball, heute Event, aber im Herzen für immer Schalke 04.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “In der Kurve!

  1. Jörg Paschedag

    die Situation in Deiner Jugendmannschaft war identisch mit meiner, i.d.R. S04- oder MG-Fans, ich hatte allerdings das Glück, keinen einzigen schwach-gelben im Team zu haben

  2. War natürlich auch die Zeit für MG-Fans,weil die ach ganz oben waren.
    Aber der echte Fan zeigt auch in schlechten Zeiten seine Farben.
    Kenne übrigens jetzt noch viel zu viele Bekloppte Vom Borsigplatz.

  3. Immer wieder schön zu lesen!

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