Rolli Rüssmann und eine Straßenecke im Münsterland

Peter Krevert ist seit 1966 Schalke-Fan, sammelt seit 1972 Autogramme und veröffentlichte 2005 im AGON-Verlag sein „Schalker Autogrammbuch“. Im Netz findet man ihn unter www.peter-krevert.de

Peter erinnert sich an einen der Großen im Königsblauen Dress.

Seit meiner Grundschulzeit Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre zählte Rolli Rüssmann zu meinen Idolen. Unvergessen geblieben sind mir bis heute regelmäßige Trainingsbesuche an der Glückauf-Kampfbahn, zu denen wir Jungs uns nachmittags nach der Schule aufs Fahrrad schwangen, um den scheuen Stan Libuda (meinen absoluten Lieblingsschalker), den immer leicht knurrigen Ivica Horvath, Rolli Rüssmann, Norbert Nigbur (den schönsten Mann aus Buer), Klaus Fischer und Co. aus der Nähe zu erleben. Ohne den anderen Schalke-Idolen zu nahe treten zu wollen: Rolli Rüssmann gehörte zu denen, die ganz besonders freundlich waren und sich für kindliche Autogrammwünsche am Trainingsplatz oder an den Spielerautos immer ausreichend Zeit genommen haben. Nur sonntags früh um acht mochte er nicht so gern aus dem Bett geklingelt werden, wenn Kinder einige Sammelbildchen aus dem Fenster geworfen haben wollten.

Rund ein Jahrzehnt später, Rolli war als Spieler gerade in eine Nachbarstadt gewechselt und ich selbst mittlerweile im Besitz einer recht umfangreichen Fußballsammlung, gelang es mir zusammen mit einem Gelsenkirchener Pfarrer, Rolli zu einer Talkrunde in unser kirchliches Jugendheim einzuladen. Am Rande dieser Veranstaltung kam es erstmals zu einer Besichtigung meiner Ordner. Er war sehr interessiert und sein aufmunterndes Lob machte mich stolz. Außerdem brachte er als Überraschung ein von Pierre Brice signiertes Winnetou-Foto mit, das er unmittelbar vorher in einer Massagepraxis organisiert hatte (der Schauspieler trat damals bei Karl-May-Festspielen im Sauerland auf). Auch in den folgenden Jahren, vor allem als Rolli lange Jahre in Gladbach und zuletzt noch in Stuttgart als Manager aktiv war, bestand immer mal wieder Kontakt. Er hatte natürlich vielfältige Verbindungen und konnte manches Mal mit besorgten Stücken, die meist per Post eintrafen, überraschen, speziell auch zur Historie unserer Nationalmannschaft.

Nach seiner Zeit in Stuttgart war er als selbständiger Unternehmensberater tätig und nahm sich gerne die Zeit für Traditionsspiele, Besuche bei Fanclubs „seiner“ alten Vereine sowie diverse Nostalgieabende und Benefizaktionen rund um die Themen Fußball und Golf. Während seiner Jahre als vielbeschäftigter Manager musste er solche Anfragen und Aktivitäten zu seinem Bedauern noch oft absagen. Als ich vor einigen Jahren anfing, Teile meiner Sammlung in Ausstellungen zu präsentieren, war Rolli als ehrenamtlicher Schirmherr und Stargast bei einigen Events mit von der Partie.

Zuletzt sah ich ihn drei, vier Monate vor seinem Tod (2009): Wir waren auf dem Rückweg von einer Veranstaltung, und ich nörgelte noch leicht rum, wie er denn nur auf die Idee gekommen sei, sich Autogrammkarten machen zu lassen, auf denen das königsblaue Logo neben dem eines anderen Ruhrgebietvereins zu sehen war. Dabei wäre auf der Rückseite der Karten doch noch reichlich Platz gewesen.

Er setzte mich an einer Straßenecke im Münsterland ab, drei Gehminuten von meinem Wohnhaus entfernt. Eines Tages nahm mich ein befreundeter Nachbar zu einem Amateurspiel eine Ortschaft weiter mit. Wir waren kaum eingestiegen und rollten soeben auf besagte Straßenecke zu, als in den Radionachrichten Rollis plötzlicher, viel zu früher Tod gemeldet wurde…

Das Fußballspiel nahm ich – obwohl einige gute Bekannte mitkickten – mehr oder weniger benommen wahr, und auf der Rückfahrt bat ich meinen Freund, einen kleinen Umweg zu fahren. Es dauerte einige Zeit, bis an der täglich zu überquerenden Straßenecke die Trauer um Rolli von der Erinnerung an einen trotz einer gewissen Jugendsünde in der gesamten Bundesliga geschätzten Sportsmann abgelöst wurde, der in seinem Herzen immer ein Schalker geblieben war.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Rolli Rüssmann und eine Straßenecke im Münsterland

  1. Sehr schöne, wenn auch bewegende Geschichte!
    Erinnere mich gerade daran, dass ich damals dem Fußball abschwören wollte, falls Fischer, Abramczik oder Rüssmann den FC Schalke 04 verlassen würden!

    GA, Enatz

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