Die unglaubliche Reise in einem verrückten Opel

Michael Batke ist als 10jähriger bei seinem 1.Schalke-Spiel 1971 (gegen Lüdenscheid!) nach dem Halbzeitpfiff nach Hause gegangen. Ihm war langweilig!

Das hinterließ allerdings glücklicherweise keinen bleibenden Schaden, denn sonst könnten wir ja jetzt nicht lesen von der Fahrt zu einem im Jahr 1989 kurios zustande gekommenen Heimspiel in Hannover.


In den Achtzigern, erst recht im Jahr 1989, lautete das Motto wohl „Das Königsblau war leicht verblasst..“. Mein Schlüsselspiel war damals das berühmte Arschtritt-Spiel gegen Darmstadt 98, welches ich mit noch verbliebenen 8000 Schalkern miterleben durfte. Ich entschloss mich danach, den bitteren Abstieg in die Drittklassigkeit vor Augen, so viele Zweitligaspiele wie möglich live zu erleben. Nach diversen Auswärtsfahrten (Osnabrück, Solingen, Offenbach) führte uns aus bekannten Gründen – eben wegen des Platzsturms und der „Jagd“ auf Schiedsrichter Prengel bei der Skandal-Niederlage gegen die Lilien – ein „Heim“-Spiel nach Hannover. Allerdings fuhren wir nicht in einem der „Müller Milch“-Busse mit, sondern zogen es vor, mit dem eigenen Pkw den Trip zu machen.

Stichwort Pkw: Autos waren damals nach S04 meine zweite Leidenschaft. Um meinen 12 Jahre alten Alfa Spider zu schonen, legte ich mir für 2000 DM einen nicht ganz so alten Opel Kadett zu, der mich durch den Winter bringen sollte. Da der Alfa leider komplett restauriert werden musste, fuhr ich aber im Mai immer noch Opel.

Mit drei weiteren Mitgliedern des Fanclubs „Bueraner Lausbuben“ (Volli, Bert + Georg), ausreichend Dosenbier und bei strahlendem Sonnenschein starteten wir an diesem Mai-Dienstag von GE-Buer aus in Richtung Hannover. Alles lief bestens bis ca. 20km vor Hannover der Wagen ruckelte, langsamer wurde, und schließlich mit einer riesigen Qualmwolke auf der Standspur ausrollte. Nachdem ich das Warndreieck aufgestellt hatte, gab es nun zwei Alternativen:
1. den ADAC anrufen, warten und wahrscheinlich das Spiel verpassen oder
2. die Daumen rausstrecken und per Anhalter zum Niedersachsenstadion fahren.

Wir entschieden uns natürlich für Alternative 2!

Bert und Georg konnten nach zwei Minuten schon bei Schalkern zusteigen, nach weiteren fünf Minuten hatten Volli und ich eine „Fahrgemeinschaft“ mit zwei Hannoveraner Hausfrauen inklusive sabberndem Kleinkind gebildet. Da der Nachhauseweg der drei nicht am Stadion lag, stiegen wir an einer Straßenbahnhaltestelle aus und fuhren noch 15 Minuten mit der Bahn.

Im Stadion trafen wir uns wieder und konnten ein 3:3 nach 0:2 Rückstand bejubeln.

Nach dem Spiel gingen wir zum Busparkplatz, um uns eine Rückfahrmöglichkeit zu verschaffen. Ein Bus aus Essen hatte noch genügend Plätze frei, unsere Mitfahrer sahen zwar eher nach Teilnehmer einer Butterfahrt aus (Durchschnittsalter ca. 63), aber wir waren froh, irgendwie nach Hause zu kommen.

Die erste Pinkelpause nutzte ich, um mich bei der Autobahnpolizei über mein Auto zu informieren. Mit den Worten „Ah, der weiße Opel, der wurde gerade abgeschleppt!“ gab man mir Telefonnummer und Adresse des Abschleppdienstes. Glücklicherweise hatte der Bus eine gut gefülllte Bordbar, sodaß wir trotz diverser „Fips Asmussen“-Cassetten eine lustige Heimfahrt hatten. Der Busfahrer wollte leider keinen Umweg(?) fahren, wir konnten aber in Essen-Kray aussteigen. Um zurück nach Buer zu kommen, weckten wir (es war mittlerweile 2 Uhr) unseren Freund Berti. Wir konnten ihn überzeugen, dass er unheimliches Glück hat, uns nicht aus Hannover sondern nur aus Essen abholen zu müssen. Gegen 3 Uhr endete dann dieses komische „Heim“-Spiel.

Für mich nicht ganz, denn mein Schrottauto befand sich ja noch in Hannover. Nach einem unerfreulichen Telefonat mit den Straßenräubern (kein Scheck, keine Überweisung, nur Bares!) nahm ich mir am Freitag frei, lieh mir den Wagen meines Bruders und fuhr nach Hannover, um den Opel auszulösen. Über einen Arbeitskollegen konnte ich Kontakt zu einem Opel-Mitarbeiter aufnehmen, der privat an alten Autos „bastelte“. Er holte sich den Wagen und zahlte mir immerhin 500 DM für den Schrott. Zwei Wochen später bekam ich nicht nur eine Anzeige für das verbotene Abstellen auf der A2, sondern auch eine Anzeige von der Polizei Herford, weil ich vor der Panne etwas zu schnell durch eine Baustelle fuhr.

Ein Happyend hatte das Ganze aber dennoch: Bekanntlich hielt Schalke in der Saison 1988/89 doch noch die Klasse und wir feierten den Nichtabstieg wie später die Pokalsiege.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Die unglaubliche Reise in einem verrückten Opel

  1. Ingos linke Klebe

    Hallo Michael, ‚ist eine meiner absoluten Lieblingsstories hier. Vieles was das Schalker Gefühl ausmacht, kommt drin vor – die Ohnmacht der dunklen Zweitligajahre, ein ‚legendäres‘ Spiel in Darmstadt, so wie es wohl nur die Schalker Vereinsgeschichte aufweisen dürfte :), die Fahrt in alten Autos zum Spiel (egal, wie weit, egal wie klapprig, Hauptsache hin), der fast schon unvermeidliche Konflikt mit dem Gesetz dabei, kleinere Unglücke auf dem Weg, so daß der Zeitplan garantiert in die Hose geht, abenteuerliche Mitfahrgelegenheiten mit seltsamen Begegnungen und zuguterletzt der Kumpel, der einen unter widrigen Bedingungen irgendwie und -wo raushaut. Sehr schön geschrieben, vielen Dank dafür,

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