Einmal Arbeitslos, bitte!

Thomas Schönebeck fährt seit 1978 auf Schalke, kann sich aber nicht recht erklären, weshalb – denn eigentlich wollte er doch Fan von Siegern werden, aber Schalke verlor damals oft. Es steckt wohl im Blut!

Es war ein denkwürdiges Spiel im Jahre 1992, als Mike Büskens in Leverkusen zum Torwart mutierte und der Stadionsprecher verzweifelte – aber nicht nur er…


Leverkusen, Ulrich-Haberland-Stadion
26.09.1992 BL 8. Spieltag
Bayer Leverkusen – FC Schalke 04 6:1 (2:0)

Lehmann – Güttler, Linke, Eigenrauch, Scherr (54. Hey), Anderbrügge,
Müller, Mihajlovic, Büskens, Sendscheid, Christensen (46. Borodjuk)

1:0 Hapal (8.), 2:0 Müller (20./ET), 3:0 Foda (57.), 4:0 Scholz, 4:1
Anderbrügge (64./FE), 5:1 Kirsten (73.), 6:1 Thom (90.)

Zuschauer: 23.900

Wer hier dabei war wird dieses Spiel nicht so schnell vergessen. Wir waren damals zu fünft in der Pillenstadt, ich war gefahren und mit mir Ebbi, Marco, Mc Fly und Siggi. Diese hatten natürlich auf der Hinfahrt schon das ein oder andere Bierchen vernichtet und bester Laune ging es zur Kasse. Zu dieser Zeit konnte man bei den meisten Spielen noch Eintrittskarten vor Ort kaufen – ach, wie herrlich!

Der erste von uns der hinein wollte war Siggi und nach einem kurzen Blick auf das Eintrittspreisschild meldete er: „Einmal Arbeitslos“! Man muss anmerken das Siggi ja bei seinen Eltern in der eigenen Textilfirma arbeitet, aber ohne Problem oder geforderte Ausweisung bekam er sein Ticket. Da war es für unseren Schüler und Karnevalisten Mc Fly natürlich schon fast Pflicht zu vermelden: „Auch einmal Arbeitslos!“ Wiederum ohne Probleme bekam auch er sein Ticket; genau wie Marco („Arbeitslos!!!“) und der fast schon stotternde Ebbi mit: „Ich bin auch arbeitslos!“ Nun also ich, der fünfte Nicht-Arbeitslose der Runde. Alle Augen blickten schon mit einem riesigen Grinsen (sie waren ja schon im Stadion) im Gesicht auf die Kassiererin und warteten auf die nächste verbilligte Ausgabe der Eintrittskarte. Somit kam mein Auftritt. Völlig erbost meldete ich, dass ich sofort eine Vollzahlerkarte haben wolle. Ich hätte schließlich Arbeit und wolle das dann auch bezahlen – so ginge das aber nicht, das ein normaler Arbeiter nicht einmal das Recht hätte voll zu bezahlen. Das reichte. Spätestens mein: „Ich gehe keine Schritt weiter, wenn ich hier nicht voll bezahlen darf!“

Links neben mir guckte alles verblüfft umher, rechts neben mir kugelten sich vier Lichtenauer auf dem Boden und vor mir bekam eine Kassiererin das blanke P wie Panik in die Augen. „Ist ja schon gut – sie dürfen ja voll bezahlen!“ stammelte sie und während ich die Karte einsteckte und zum Abschluss noch ein „Na also, geht doch – nicht so wie bei den anderen da vorne!“ dranhängte, verlies die arme Dame völlig ihr Verstand. Mittlerweile grinste die ganze Schlange wartender Fans und spätestens als der nächste nach mir sagte „einmal Arbeitslos bitte“ und sie mit einem hochroten Kopf entgegnete, ob er sich denn ausweisen könne, explodierte alles! Nachher tat sie mir schon fast leid und aus Sicherheitsgründen hoffe ich, sie liest dieses hier nicht und bekommt so meinen Namen heraus.

Dann das Spiel.

Obwohl keiner versteht warum Mihajlovic auf einmal im Mittelfeld spielt, sind unsere Jungs zu Anfang eigentlich gut dabei. Trotzdem liegen wir bereits nach acht Minuten zurück, der erste Angriff der Leverkusener passt gleich. Während unser Team alles zu geben scheint, kassieren wir ganz dumm das 0:2 und bis zur Halbzeit klappt auch eine Ergebniskorrektur nicht. Aus diesem Grund sind die Fans auch gut drauf, man sieht, dass die Mannschaft eigentlich will, gut spielt und alles gibt. Zudem ist ja noch eine weitere Halbzeit da, um das Spiel wieder auszugleichen.

Spätestens mit dem 0:3 in der 57. ist dann aber leider alles vorbei und wir fangen einfach an, uns selbst zu feiern. Eine Bomben-Stimmung bricht aus und von den 3:0-führenden Bayer-Fans ist gar nichts mehr zu hören. Voller Freude feiern wir jedes weitere Tor, das 4:0 genauso wie den Ehrentreffer zum 1:4. Ab etwa hier musste zu allem Überfluss noch Fußballgott Buyo Büskens ins Tor, da sich Lehmann verletzt hatte und Schalke nicht mehr wechseln durfte.

Von den heimischen Fans gab es nur noch einmal einen kleinen Versuch, sich Stimmungsmäßig durchzusetzen: Als der Stadionsprecher nach dem 5:1 die Frage stellte „ob man sich nach dem Tor denn auch einmal melden wollte?“ Dieses hätte schließlich Bayer04 geschossen und er hätte nur den Jubel der Schalker gesehen! Aber dieser Versuch dauerte nur ca. 30 Sekunden, und als dann auch noch das 6:1 fiel brach auf Schalker-Seite wirklich ein Orkan aus während im Bayer-Block fast schon die Arme nicht einmal mehr hochgingen.

Diese Stimmung war wirklich phänomenal! Bis lange nach dem Spiel wurde noch gefeiert und gesungen. Ein wenig enttäuscht war man, dass die Mannschaft nach dem Spiel – trotz diverser Fan-Gesänge – nicht mehr auf den Rasen zu bekommen war. Später konnte man nur hören, dass sie Sorgen hatten, man wolle sie für die Niederlage runter machen. Verstehen konnte man sie ja – bei welchen verrückten Fans kann man auch erwarten, dass sie eine 1:6 Niederlage noch riesig feiern?!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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