Schluss, Aus, Ende, Vorbei

”Oberrangbär” war mit 5 Jahren dank der Dauerkarten seiner Eltern das erste Mal auf Schalke. Und nahm 2009 Abschied vom aktiven Schalke-Leben. Sowohl aus blau-weißen, als auch aus privaten Gründen.

Von 30 Jahren Schalke, vom Anfang und vom Ende…


Mein erster Besuch eines Schalkespiels war der 18. August 1979. Heimspiel gegen Bayern München, Endstand 1:1. Ich war gerade mal 5 Jahre. Mein letzter Besuch war dann ein Testspiel. Am 7. Juli 2009 traten die Königsblauen in Meppen gegen Twente Enschede an. In Nachhinein möchte ich fast sagen: Ausgerechnet in Meppen. Meppen war der Inbegriff in einer Zeit, als ich für Schalke alles gab. Fast auf den Tag genau 30 Jahre folgte ich den Schalkern durch ganz Deutschland und Europa, sah Niederlagen und Erfolge. Nicht nur sportlich. 30 Jahre voller Stolz, Leiden, Dummheiten, Freude und Trauer. Mit einer Frau hätte man das alles nicht mitgemacht. Mit Schalke schon. Schalke bestimmte das Leben, der Spieltag war das wöchentliche Weihnachten. Am Ende war es jedoch eher Karfreitag oder Aschermittwoch. Komischerweise dann, als der Verein sportlich auf der Erfolgsspur war. Aber der Preis dafür war verdammt hoch.

Mai 2001. Schalke war gerade 4 Minuten Meister. Konsterniert verlasse ich das Parkstadion. Zum letzten Mal. Es war sein Abschiedsspiel. Beim Blick zurück auf das Stadion merke ich Tränen. Nicht, weil es mit der Meisterschaft nicht klappte. Die Truppe hätte neben den Eurofightern absolut diesen Titel verdient gehabt. Irgendwie passte es auch zu Schalke, einen Titel auf diese Art und Weise nicht zu bekommen. Es war halt irgendwie typisch Schalke. Viel mehr berührte mich der Abschied vom Parkstadion. Hier hatte alles begonnen. Hier erlebte ich unvergessliche Geschichten, mit denen man alleine ein Buch füllen könnte. Ich erlebte dort alles. Auch zahlreiche Erlebnisse neben den Spielen. Nachts stieg man über die Zäune und kickte auf dem Rasen Szenen und Tore nach, Silvester saß man auf der Gegengerade. „Dir fehlte nur, dass du Sex mit einer Frau in diesem Stadion hattest.“ sagte mal ein Freund zu mir. So unrecht hatte er nicht. Aber der Sex mit diesem Verein war oft auch geiler.

Zu meiner linken Seite sah ich die Arena. Bis jetzt war ich da noch nie drin. Keine Baustellenbesichtigung und auch das Eröffnungsturnier wollte ich mir klemmen. Ich wollte das erste Mal in diesem Stadion sein, wenn es so richtig rund geht. Die Dauerkarte war sicher. Vorfreude empfand ich aber nicht. Neugier eher. Die ersten Spiele waren phänomenal. Es war die erhoffte Donnerhalle. Aber mit zunehmender Zeit merkte man, dass viele alte Strukturen aus der Betonschüssel erst mal verloren waren. Der Flair, das Besondere, war irgendwie weg. Dinge, die Schalke ausmachten. Ehrliche Dinge. Die Mannschaft konnte spielen, wie sie wollte. Die Turnhalle war ausverkauft. Selbst zu Spielen, wo im Parkstadion nur 20.000 gekommen wären. Für mich ging recht früh schon die Ehrlichkeit flöten, die ich auf Schalke kennen und lieben gelernt habe. Mit diesem Tempel bröckelten auch die Dinge, die den Mythos Schalke ausmachten. Die Arena wirkte auf mich viele Nummern zu groß. Nicht von der Kapazität her. Wer fährt denn Jahre lang Käfer und steigt dann auf Ferrari um? Mit zunehmender Zeit beneidete ich den Nachbarn aus Lüdenscheid um sein Stadion. Köln, Mönchengladbach, Hamburg und Bochum auch. Hier merkte man noch, dass es um Fußball ging, auch wenn sie teilweise neu waren. Ich vegetierte auf Schalke nur noch dahin. 90 Minuten Fußball am Wochenende und das war es dann für eine Woche.

Es veränderte sich vieles. Für alles brauchte man Mitgliedschaften, Fancards oder sonstigen Kram. Ohne Geld zu investieren war an die Sache, ein Fußballspiel zu sehen und eine Karte dafür zu bekommen, nicht mehr zu denken. Ich meinte auch zu spüren, wie dem Verein der einzelne Fan immer unwichtiger wurde. Die Nachfrage war halt stärker als das Angebot. Entweder man machte es mit oder man wäre einfach ausgetauscht worden. So nahm man Preiserhöhungen einfach hin, biss auf die Zunge, wenn die Dauerkarte früh und unangekündigt abgebucht worden ist. Man war eine ersetzbare Nummer für den Verein und kein Fan mehr, auf den man nicht verzichten wollte. Dementsprechend steril wirkte auf mich dann auch vieles. Auch die Fankultur änderte sich. Die „Ultras“ hielten auch auf Schalke richtig Einzug. Sie zogen Fans in ihren Bann, sie sorgten für gute Stimmung, für Missstimmung. Mit den Jahren lernte ich dort viele nette und gute Leute kennen. Aber mit der Sache „Ultra“ als Gesamtbild konnte ich mich nie anfreunden. Es blieb bei großzügiger Toleranz mit viel gutem Wohlwollen von meiner Seite aus und den besten Wünschen für die Jungs. Ich fragte mich aber oft, ob die Jungs mehr auf ihren Capo als auf das Spiel schauen. Verstanden die überhaupt das Spiel? Ich ärgerte mich über unpassende „Lalalalalala“-, „Allez, allez“- oder „Ohohohohoho“-Gesänge in vielen Situationen. Stimmung war nicht mehr auf das Spiel bezogen und nicht mehr entsprechend angepasst. Es wirkte eher wie ein Wettstreit unter den Fangruppen. Das Brachiale war weg. Der Einfallsreichtum der Fans. Früher reichte im richtigen Augenblick ein doofer Gedanke aus und die Kurve übernahm ein neues Lied und hatte ein neues Lied. Von einer einzelnen Person. Jetzt wirkte irgendwie alles wie aus der Konserve. Aber ich sah bei allen negativen Dingen irgendwo auch immer noch überall was Gutes. Ich wollte nicht altmodisch oder gar spießig sein und akzeptierte all diese Dinge eben und redete mir ein, dass so halt die Zeiten nun mal sind. Viele Generationen machten ja solche Neuerungen über Jahrzehnte mit. Jetzt war ich eben in dem Alter, wo ich das erste Mal was kritisch sah und nicht mehr mit dem Strom mitschwimmen konnte und wollte. Wir hatten ja alle ein gemeinsames Interesse, eine gemeinsame Liebe: Schalke 04. Und darum sollte es doch auch gehen.

Ich lief also nebenher. Dabei merkte ich aber, dass ich mehr und mehr die Lust verlor. Ich musste um die Liebe kämpfen, um sie nicht zu verlieren. 2007 dann die grandiose Idee. Mehr und mehr Schalker trauerten den alten Zeiten nach. Als Schalke noch Schalke war. Als der Spieltag noch mehr war als 90 Minuten und die Woche mehr als nur der Samstag war. Als Schalke eben das Leben war.

Man lernte viele tolle Leute kennen, die auch so dachten und so wurden die „Traditionsveteranen“ geboren. Jetzt war Schalke endlich wieder so, wie es sein sollte. Zumindest mit dem näheren Umfeld. Im Stadion war man davon noch meilenweit entfernt und irgendwie merkte man auch, dass man dies nicht mehr ändern könnte. Aber zumindest machte es wieder richtig Spaß, auf und mit Schalke zu fahren. Mit einem Haufen alter, seniler Träumer, Oldschool-Traditionalisten, oder aber auch mit jungen Fans, die eher das Schalke von früher wünschten als das aus der Gegenwart. Obwohl sie es meistens nur aus Geschichten kannten. Es war völlig normal, dass es dort auch mal Meinungsverschiedenheiten gab. Doch mit zunehmender Dauer nagten die ganz schön an der Kraft. Einige Streitigkeiten taten meiner königsblauen Seele auch verdammt weh und das tun sie auch heute noch. Man wurde ja auch nicht jünger und Dinge aus dem anderen Leben veränderten sich. Private Sachen, berufliche Dinge und auch eigene Interessen. Plötzlich stand man am Scheideweg. Ich merkte, wie ich Schalke eigentlich nicht mehr so leben konnte, wie ich es eigentlich leben wollte. Der Preis wäre für mich zu hoch gewesen. Auf Schalke war er ja schon verdammt hoch, eigentlich längst schon über den Verhältnissen. Halbe Sachen gibt es aber für mich nicht und so war dann radikal Schluss. Von jetzt auf gleich. Trennung kann man es nicht nennen. Der Sport auf Schalke interessiert mich ja schon noch. Zudem hat man einfach viel zu viel erlebt, als dass einem dann alles egal wäre. Die blütenweiße Weste beschmutzt, der Mutter mal 20 DM aus der Geldbörse geklaut, eine Freundin wegen Schalke in den Wind geschossen und vieles mehr. Alles für Schalke. Da kann man nicht einfach vergessen und aufgeben. Nicht so ganz. Aber zumindest das Live-Erlebnis Schalke kam für mich nicht mehr in Frage. Die Faktoren, die auf mich störend wirkten, nahmen einfach zu. Ob sportlich, finanziell oder fantechnisch. Es wurde zu viel des Guten. Schluss, Aus, Ende, Vorbei.

Es war einfacher, als erwartet. Natürlich schaut man noch Samstags Schalke. Aber dann halt im TV. Das Konto dankt es einem nicht unerheblich jeden Monat. Wie habe ich nur in Zeiten der Spielbesuche mein Leben jeden Monat hinbekommen? Der Fußballentzug wird gestoppt, indem man sich Sonntags Amateurspiele anschaut. Billiger, ehrlicher, näher dran. Dazu wird wieder selber gekickt und sich beim Heimatverein eingebracht. Kampf gegen den Entzug, aber mit viel Freude. Wenn einem doch die Bundesliga live fehlt, muss der Club, der 1.FC Nürnberg also, herhalten. Bloß nicht mit Schalke wieder anfixen. Bei den Freunden aus Franken wirkt vieles auch NOCH authentischer. Offene Kassenhäuschen bei Heim- und Auswärtsspielen, Fans die wegen dem Verein und nicht wegen dem Event kommen. Fans, die mit Herz und Seele dabei sind. Die wissen, dass es oft nur darum geht, nicht zu hoch zu verlieren. Der Klassenerhalt ist das Ziel. Für Modefans unattraktiv, für Fußballfans verdammt romantisch. So lässt sich das Produkt „Bundesliga“ noch halbwegs ertragen. Zumindest reicht es für ein paar Spielbesuche in der Saison.

Das heutige Schalke hat mir den Spaß auf Schalke genommen. Aber ich wäre wieder da, wenn ich das Gefühl hätte, dass es wieder Spaß machen würde. Glauben tue ich daran allerdings nicht mehr. Leider. Trotzdem „Danke“ für unvergessene Zeiten mit allen Gefühlslagen. Ich werde es nicht verteufeln. Nie und Nichts. Es war ein Stück meines Lebens mit viel gewonnener Lebenserfahrung. Der Schritt war richtig. Wenn ich heute auf die Schlagzeilen auf Schalke gucke weiß ich, dass ich irgendwann angefangen hätte, zu hassen. Doch das will ich doch nur weiterhin den Nachbarn aus Lüdenscheid. Ich wünsche Schalke alles Gute. Ich weiß, dass ich den Preis dafür nicht mehr mitbezahlen muss. Aber wenn du am Boden liegst, kannst du dich auf alte Freunde verlassen. Das wäre dann wieder meine Welt und irgendwie auch meine Bestimmung als Fan.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Schluss, Aus, Ende, Vorbei

  1. Klasse Text. Schade das es soweit kommen muss. Selbst mir als „jungen“ Fan, wirds immer abstruser. Ich hoffe für dich, und auch für uns alle, dass Schalke wieder „unser“ Schalke wird, wo Fans IMMER wichtig sind und nicht nur dann wenn irgendein Sportdirektor, Aufsichtsratboss oder Trainer Politik machen will.

    Danke für diesen persönlichen und emotionalen Text.

    Glück Auf

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