Ich bin ein böser Mensch

Thorsten Lueg schrieb schon im Reviersport-Blog und anderswo über Schalke

Gedanken übers Fußballfan-sein, kurz vorm Revierderby, damals im November 2011.


Ob meine Frau eigentlich weiß, dass ihr Ehemann neuerdings zu einem Kriminellen mutiert ist? Sechzehn lange Ehejahre hat es gedauert, bis die scheinbar bürgerliche Fassade meines Daseins eingerissen wurde und die dahinter liegende Fratze einer schlimmen, schlimmen Subkultur zum Vorschein kam. Ja, ich gestehe: Ich bin Angehöriger einer mehr und mehr unerwünschten Spezies, deren Ausrottung nur noch eine Frage der Zeit ist. Ich bin Fußballfan!

Ich stehe nicht nur beim Torjubel auf, ich mag den Anblick einer pyrotechnisch verschönten Kurve, ich rauche im Stadion, ich trinke Bier, ich gröhle, ich pfeife gegnerische Spieler aus und schleudere gegnerischen Fans Schmähgesänge entgegen. Ich pflege meine Feindbilder. Abgerundet wird dieses schändliche Tun noch dadurch, dass es mich herzlich wenig interessiert, ob einer der von mir zeitweise beschimpften Protagonisten – seien es Spieler, Trainer oder Schiedsrichter – dem Druck der Kulisse nicht standhält. Ich bin ein böser Mensch. Für mich ist ein Fußballspiel keine von mir gesponsorte Therapiestunde für überforderte Einzelschicksale.

Ich liebe die Rivalität, die neunzig Minuten währende Konfrontation mit einem sportlichen Gegner, an deren Ende ich das Glücksgefühl des Sieges genießen darf, oder die Schmach der Niederlage tragen muss. Dafür bezahle ich Eintritt, dafür nehme ich im Laufe einer Saison tausende Kilometer Wegstrecke auf mich. Und dafür will ich sein dürfen, was ich immer war – subjektiv und emotional. Was kann daran falsch sein?

Nennt mich altmodisch, aber die einzige, wirkliche Nähe zum Ereignis Profifußball und zu meinem Fußballverein ist und bleibt für mich der Stadionbesuch. Ich lasse mir nicht vorgaukeln, dass ich schon alleine deshalb Fan bin, weil ich einen Bezahlsender gebucht habe, weil die neueste Trikotkollektion bei mir im Schrank hängt, oder weil ich auf den unzähligen Internetplattformen meinen Kommentar zu den künstlichen Hupen irgendeiner dümmlichen Spielerbraut absondern darf. Wenn mitteilungsbedürftige Internetkommunarden im Stundentakt ihren Gerüchtemüll über die andächtig vorm Computer versammelte Buddy-Gemeinde ausschütten, befällt mich das gleiche Ekelgefühl, als hätte eine nicht immer nur in Ehren ergraute Lichtgestalt des deutschen Fußballs gerade die Abschaffung aller Stehplätze gefordert. Ob virtuelle Parallelweltbastler oder berufsempörte Marionetten – mit dem, was Fußball tatsächlich ist und sein kann, haben diese wahrnehmungsgestörten Figuren nichts mehr zu tun!

Morgen ist Derbytag. Morgen spielt Königsblau bei Schwattgelb. Morgen werde ich im Stadion sein und zwar – man höre und staune! – ohne jede Angst um die Unversehrtheit von Leib und Seele. Das Derbyfieber kommt auf Temperaturen. Und solange dieses einmalige Erlebnis noch nicht zu einer keimfreien Veranstaltung auf dem Niveau eines Familienbesuches im Freizeitparkt verkommen ist, und solange das nächste Gerücht aus südamerikanischen Quellen noch keine Tore schießt, wird meine Frau ihre schwere Last auch weiterhin tragen müssen. Ich bin nämlich ein Fußballfan, ein stinknormaler Fußballfan!

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s