Ernüchterndes Finale

Matthias Berghöfer liest gerne über Fußball, schreibt manchmal auch drüber und geht bisweilen auch mal live angucken. Nur selber kicken, das hat er eigentlich nie gekonnt, typisch.

Der dritte Teil der „Auswärtssieg-Trilogie“ vom 16. und 17.Oktober 2004. Die Schalker Amateure treten an gegen die Sportfreunde Lotte, im damals noch wunderbarsten Stadion vonne ganzen Welt – der Glückaufkampfbahn.


Nach einem erwarteten Auswärtssieg (die Profis gestern in München) und einem erhofften Auswärtssieg (die B-Jugend vorhin in Rheydt) sind wir nun unterwegs zum dritten, und befürchteten, Auswärtssieg dieses Wochenendes.

Unsere zuletzt arg schwächelnden Amateure treffen in der Oberliga auf die Mannschaft der Sportfreunde Lotte. Auf der Fahrt nach Gelsenkirchen kommen uns die Busse mit Fans von Borussia Mönchengladbach entgegen, deren Spiel erst beginnen wird, wenn unseres schon Vergangenheit sein wird. Also haben die Gladdies noch viel Zeit, und können es sich leisten, im dicken Stau vor Essen auf der Autobahn zu stehen – bei uns ist alles frei, und wir kommen nach langer Zeit endlich mal wieder an auf dem kleinen, heute erstaunlich freien Parkplatz vor der Glückaufkampfbahn.

Entweder lässt mein Gedächtnis schon arg nach, oder seit unserem letzten Besuch (vor vier Wochen) haben tatsächlich irgendwelche Vandalen am historischen Toilettentrakt ein paar Scheiben eingeworfen. Skandal. Glücklicherweise sind die meisten Lichteinlässe dort aus massiven Glasbausteinen gefertigt, aber selbst so sieht’s grauslig aus. Bestimmt zieht’s jetzt da drin wie Hechtsuppe, im Winter wird das…äh…da wollen wir gar nicht drüber nachdenken.

Lieber wenden wir uns dem Bratwurststand zu, der Meister winkt, die Penunzen wechseln den Besitzer, der Senf wird geübt verteilt, und die Wurscht ist so großartig wie immer. Hatte ich das Ding am Olympiastadion gestern wirklich für eine brauchbare Bratwurst gehalten? Lächerlich! Das hier ist und bleibt das Maß der Dinge.

Wir treffen ein paar Kollegen aus dem Schalke-Forum, Ben und Günni und Sandra und und und, und sie sehen ähnlich skeptisch aus wie wir – ob das heute endlich mal wieder klappen wird? Ein paar Lotte-Fans sind da, auch in Blau, und sie haben eine Pauke mitgebracht und verbreiten Lärm. Besonders laut wird das Getrommel unter dem Dach der Tribüne, da hilft es auch nicht, dass sie außen rechts stehen, während wir weit links Platz nehmen, da, wo wir immer hocken. Vor, neben und hinter uns in den Bänken sitzen auch die üblichen Verdächtigen.

Unten auf dem Rasen ist man mit Aufwärmen gerade fertig. Mike Büskens humpelt an Krücken und mit großer Manschette am Bein zur Trainerbank – es scheint fast, als hätte seine Krankengeschichte direkten Einfluss auf die Ergebnisse der Mannschaft, denn immer wenn Buyo die Krücken auspacken muss, dann spielen seine, unsere, Jungs ziemlich unterirdisch. Das war letzte Saison in der Regionalliga doch auch schon so, oder?

Und dann seh ich da unten Bilal Aziz, statt im feschen Fußballdress eingepackt in Wollmütze und dicker Jacke, sieht aus, als wär’s um ihn herum minus zwanzig Grad, so dick ist er eingewickelt. Vor lauter Daunen in der Jacke stehen die Arme seitlich ab. Und Dennis Vogt fehlt auch, und Tim Hoogland ist gesperrt. Oweh. Auf der Bank sitzt Sebastian Boenisch, fast noch B-Jugendlicher, und noch einiges an jungem Gemüse mehr.

Und es gibt noch weiteren Grund zur Sorge: In Blau-Weiß laufen nicht die Schalker, sondern die Gäste auf. Unser S04 versuchts stattdessen in der Orange-Blau-Kombination, die den Profis letztes Jahr schon so manches Spiel versaut hat. (Nein, natürlich bin ich nicht abergläubisch. Aber man weiss ja nie.)

Pünktlich zum Anpfiff verspeise ich den letzten Rest der Leckerei, und noch bevor ich richtig zugebissen habe, liegt die verdammte Kugel schon im falschen Tor. Nicht mal die beste Bratwurst der Welt bringt es fertig, den animalischen Reflex zu unterdrücken, der bei Schreck das Kauen sofort unterbricht. Ist ja wohl nicht zu fassen. Da rennt dieser Mensch mit dem Ball links Richtung Eckfahne, flankt zurück an den 16er, ein Kerl in Blau steht frei und schlenzt das Leder wunderschön über den sechs Meter vorm Tor stehenden Ünlü in den Winkel. Tolles Tor, unhaltbar, unglaublich.

0:1 nach 40 Sekunden. Selbst die B-Jugend hat vorhin in Rheydt zehn Sekunden länger fürs erste Tor gebraucht. Mir ist zum Heulen zumute, und passend dazu fällt mir auf, dass die Spieler der gerade in Führung gegangenen Elf aussehen wie Tempo-Packungen auf Beinen. Unten weiß, oben viel blau und darauf eine Reklame, die auf die Ferne und mit etwas Phantasie für den Tempo-Schriftzug durchginge. Auch die Bäume rundum scheinen traurig zu sein. Sie stehen in der Herbstsonne und wie Tränen vergießen sie ihre Blätter auf die kaum bevölkerten Rasenränge unter ihnen.

Aber immerhin, in der Folge spielt nur noch Schalke. Cebe vernascht immer wieder seine Gegenspieler, scheitert zweimal sehr aussichtsreich am Gästetorwart. Der hat zu kämpfen bei Ecken von rechts, denn dann schaut er in die schon tiefstehende Sonne – aber der Ecken-Weltmeister Aziz ist ja nicht dabei… Vorne geht also einiges, aber hinten stolpern die Abwehrspieler die Bälle durch die Gegend, dass es einem graut davor, dass Lotte irgendwann mal so ein Ei erliefe. Nur Talarek spielt da hinten souverän, rettet nach leichtsinnigem Ballverlust von Seiffert zusammen mit Beckmann vor zwei anstürmenden Gegnern.

Die Leute auf der Tribüne werden mürrisch, insbesondere wenn Bälle unbedrängt verloren gehen, und das passiert tatsächlich noch öfter als es Hasan Salihamidzic gestern noch so wunderbar zelebriert hat (höhöhö). Jedesmal rauscht ein globales Stöhnen durch die altehrwürdigen Ränge, ein paar böse Rufe kommen auf, weil Antwerpen immer wieder mal unnötig im Abseits steht (ansonsten ist er aber wie immer ganz agil), und dann endlich braust Jubel auf: Christopher Seiffert schießt ein Tor! Ehrlich! Er wühlt sich durch, wie es so typisch für ihn ist, rackert sich in den 16er hinein, Doppelpass mit „Ante“, tunnelt den Torwart und „zupp“ stehts 1:1.

Hochverdient. Die Schalker sind eine Klasse besser als Lotte, haben in den letzten fünf Minuten noch zwei gute Chancen durch den sehr gut aufgelegten Hesse, aber es bleibt beim Unentschieden zur Pause.

Zu meinem größten Erstaunen spricht mich ein Unbekannter an, und sagt „Gut, dass ihr wieder aus dem Urlaub da seid – dann hab ich ja bald wieder was zu lesen, oder?“. Musste ja irgendwann mal passieren, dass man enttarnt wird, wenn man ständig bei kaum besuchten Spielen auftaucht und dann im Internet drüber schreibt, aber das ist trotzdem schon sehr seltsam. Der Papa von Niko Bungert aus der A-Jugend ist es, den wir so kennenlernen und so sprechen wir über die Saison, die Zukunft, über Hannes Bongartz, der da drüben steht, über „Mucki“ Kucucovic in Hamburg und was dessen Vater gerade so macht und derart vergeht die Pause wie im Fluge – und ohne die eigentlich fällige zweite Bratwurst. Na ja, ist vielleicht auch mal ganz gut.

In der zweiten Halbzeit kommt Lotte wieder sofort vors Tor, aber „Wolle“ taucht hinab und hält den Fernschuss sicher. Die Sonne ist inzwischen ziemlich gewichen, kalt, grau und nass ist es jetzt, und die Schalker sind lange nicht mehr so überlegen wie noch vorhin. Trotzdem fällt schon bald das 2:1 für OrangeBlau: Bork zeigt mit dem Rücken zum Tor einen Trickschuss, über den eigenen Kopf hinweg zu Cebe an der linken Strafraumgrenze, der umspielt einen Gegner und zieht den Ball hart und flach nach innen, wo Antwerpen aus drei Metern keine Mühe hat, das Tor zu erzielen.

Schalke führt, und jetzt plätschert das Spiel dahin. Die Knappen tun nicht mehr viel. Kurios wird es, als ein Gästespieler verletzt am Boden liegt, und Ünlü versucht, den Ball ins Aus zu schlagen – sein Schuss misslingt völlig und der Ball segelt zum anderen Torwart. Der wills besser machen, schafft es aber auch nicht – sein Schlenzer zur Linie dreht sich wieder ins Feld hinein, läuft parallel zur Auslinie und wird vom Schalker Trainer Kleppinger, der einen Schritt nach vorne macht, vom Feld geholt. Der Linienrichter rennt mit bösem Gesicht und erhobenem Zeigefinger zu ihm, so schnell wie nie zuvor, und bedroht Kleppo mit der Todesstrafe – und auch sein Kollege, der Schiedsrichter, ist ob der Verwirrung in der Folgezeit nicht mehr ganz bei der Sache, pfeift fortan ziemlich miserabel.

Der Himmel im Osten wird bedrohlich duster, während der Platz und die Bäume überraschend wieder in hellen Sonnenschein getaucht sind – wie bei Ruisdael sieht das aus. Wunderschön, aber das Spiel wird richtig unansehnlich. Ein Gehacke und Gebolze, man meint bisweilen, man wäre bei der F-Jugend, wenn fünf Leute zum selben Punkt – dem Ball – rennen. Der beste Gästespieler, der mit der #6, findet Gefallen am Fallen und Jammern, kann aber immer wieder ruck-zuck weiterspielen.

Auch dem vielleicht vierjährigen Zwerg hinter uns wird langweilig, er überklettert die Bankreihen nach unten hin, mit äußerster Anstrengung, so als sei’s der Gletscher am Mt.Everest, liegt schließlich entkräftet auf der letzten Reihe und leckt die Bank ab. Erstaunlich. Jetzt fällt mir wieder ein, dass wir heute – anders als sonst – die Bank vorm Hinsetzen nicht vom Staub befreien mussten, und ich merke mir schonmal einen Termin mit der Waschmaschine vor.

72 Minuten sind gespielt, und aus dem Nichts fällt der Ausgleich. Die erste wirkliche Torchance seit der „halbten Minute“. Ein unberechtigter Freistoss wird per Kopf verlängert und am langen Pfosten ebenfalls per Kopf versenkt. Gibt’s doch nicht. Aber es sind ja noch fast zwanzig Minuten, denk’ ich, schüttle den Kopf, und da liegt das Ding schon wieder im Netz. 2:3 ! Wieder von links, wieder per Kopf, wieder hat Ünlü aus nächster Nähe keine Chance. Ach du Schande.

Boenisch, der sich beim Stand von 2:1, also vor 70 Sekunden, noch warm machte, kommt nun für Seiffert, macht gerade mal vier Schritte auf den Platz, bevor der Ball vom Anstoss zurück zu Beckmann läuft, der ihn verstolpert und dem heranstürzenden Stürmer aus Lotte überlässt. Rumms. 2:4. Vor zwei Minuten lagen wir noch in Führung. Ist ja wirklich sehenswert, was hier heute abgeht. Offenbar soll der Anstoß geübt werden, anders ist sowas doch wohl nicht zu erklären?! Diesmal gelingt er ohne Ballverlust, und Antwerpen wird richtig übel gelegt, springt auf und macht den „Ailton“ – soll heißen, wie der kugelige Ex-Bremer neulich gegen Hansa wischt „Ante“ dem Übeltäter „zärtlich“ übers Gesicht. Rot gibts dafür diesmal nicht, aber das alles hier ist so traurig, dass jetzt auch der Himmel zu flennen beginnt. Leicht und zögerlich, passend zur schleichend wachsenden Enttäuschung. Gedrückt und trostlos hocken sie da unten im Nieselregen auf der Bank, Kleppinger und Büskens, und die symbolträchtigen Krücken.

Stijepic kommt für Grauer, 15 Minuten werden noch gespielt, doch in dieser Zeit, in der andere – moment, mal kurz überschlagen, drei Tore in zwei Minuten, das macht in einer viertel Stunde.. – 22 Tore schießen könnten, tja in dieser Zeit hat Schalke absolut keine Gelegenheit zum Tor mehr. Ganz im Gegenteil. Ünlü rettet bei mehreren dicken Chancen der Gäste, deren Fans inzwischen verhalten feiern.

Schließlich ist es vorbei. Kleppinger schießt wie von der Tarantel gestochen von der Bank und verschwindet Richtung Kabinen. 2:4 verloren. Obwohl man 70 Minuten lang klar überlegen war, eigentlich hoch hätte gewinnen müssen. Wir stapfen kopfschüttelnd hinaus. Stampfen mit den Füssen, die richtig kalt geworden sind – wird wohl doch bald Winter. Wenigstens regnet es jetzt nicht mehr.

Leicht geknickt und vom Geschehen so verblüfft wie die meisten hier, ziehen wir gen Heimat, und so geht als Tragödie zu Ende, was im Triumph begann: Das Drei-Auswärtssiege-Wochenende.
Unvergesslich.

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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