1000 Mark für ein Pokalspiel

Christoph ist ein St.Pauli-Fan aus Westfalen, der seit über 20 Jahren in Hamburg wohnt und u.a. auch für das St.Pauli Fanmagazin „Übersteiger“ schreibt. Er hegt seit jeher gewisse Sympathien für die Blau-Weißen und ist, seit er mit B. (die aus seiner Geschichte) zusammen lebt, wieder häufiger in Gelsenkirchen oder irgendwo in Europa anzutreffen.

Wenn einer eine Reise tut, dann kann das nicht nur spassig sondern auch teuer werden. Erst recht, wenn man sich nicht auskennt und nicht auf die „Eingeborenen“ hören mag.


Wir schreiben das Jahr 2000. Am 01.11. jenes Jahres traf der FC Schalke 04 in Hamburg am Millerntor im DFB–Pokal auf den FC St. Pauli. Rund zwei Wochen vorher hatten wir Fans des FC St. Pauli zu viert einen unserer gelegentlichen Fußballwochenendausflüge Richtung Ruhrgebiet unternommen. Dabei trafen wir uns mit einem meiner blau-weißen Freunde vom Fanclub Werl-Büderich und damit nahm das Unheil seinen Lauf. Wir fuhren nämlich mit deren Bus zum Heimspiel gegen Frankfurt. Mit an Bord waren damals noch die Enser Knappen. Unsere Sympathien für den S04, gute Laune und reichlich Bier sorgte für beste Stimmung im Bus, so dass prompt eine Verabredung für das zwei Wochen später in Hamburg statt findende Pokalspiel getroffen wurde. H. , E. (Gott hab` ihn selig!) und L. wollten bereits einen Tag vorher für nächtliche Erkundungsgänge im Hamburger Amüsierviertel anreisen. Gesagt, getan.

Die ersten bizarren Szenen erlebten wir bereits beim Treffpunkt am berühmt, berüchtigten ehemaligen Hotel Stern an der Reeperbahn. H. musste sein Wagen in einem Erdloch verschwinden lassen und weigerte sich behände „Wenn ich den nicht wieder kriege!“. Das Erdloch entpuppte sich natürlich nur als eine Art Doppelparkeranlage, die es damals aber noch nicht häufig gab. H.`s Gepäck bestand nur aus einem winzigen Kulturbeutel. „Mehr brauch` ich nicht für eine Nacht.“. Die drei brachten also ihr „Gepäck“ auf ihr 3-Bett Zimmer und los ging`s ins Viertel. L. hatte fortan größtes Mitleid mit allen Personen, die keinen festen Wohnsitz hatten, und darum in den Straßen auf der Suche nach etwas Essbarem oder Geld herumlungerten. Und davon gab es viele. Als wir in unserer Stammkneipe ankamen, hatte er schon einen beträchtlichen Teil seines Budgets an die Bedürftigen verteilt. Ist ja eine feine Einstellung, aber wir rechneten ihm vor, dass seine Spendenbereitschaft in zwei ganzen Tagen unweigerlich zu seinen finanziellen Ruin führen würde. Es folgten ein paar Bierchen bei Fred (so hieß der Wirt der Gaststätte „Zum Kicker“; bis zu seiner krankheitsbedingten Aufgabe war Fred die Hamburger Anlaufstelle aller Exil- und Nord-Schalker zum Spiele gucken) und ernst gemeinte Instruktionen an die drei Landpomeranzen für die noch folgende Nacht (wir mussten schließlich ins Bett und am anderen morgen Arbeiten): „Vermeide grundsätzlich im Zweifelsfall eine große Klappe. Erst recht in einschlägigen Etablissements, in zweifelhaften Kaschemmen oder Kneipen, deren Besitzer oder Gäste, sagen wir mal, ein Auge auf den Kiez haben. Macht auch bitte insbesondere in Kneipen letzter Gattung keine hübschen Frauen an. Geht am besten erst gar nicht in irgendwelche Strippschuppen, man kann sich auch anderswo gut amüsieren. Wir zeigen euch gleich noch wo. Und wenn ihr dann doch in einem dieser Schuppen landen solltet, trinkt ausschließlich eine Knolle Astra. Die kostet 10 Mark und fertig. Bestellt bloß nichts anderes und lasst schon gar nicht weibliche Personen irgendetwas bestellen. Am besten die Damen bleiben nicht länger als 5 Sekunden bis zu einem entschiedenen „Nein Danke“ neben euch sitzen. Anfassen und so schon mal gar nicht, denn das kommt richtig teuer.“

Die Generalprobe missglückte prompt.

Als aus der Nachbarkneipe (Gattung `wir haben ein Auge auf den Kiez`) eine wirklich hübsche Südländerin bei Fred Zigaretten holen kam, wurde gegraben, was das Zeug hielt. H. und E. wollten sofort mit ihr rüber in die Kneipe. Nur L., noch nicht ganz so benebelt, konnte die beiden davon abhalten. „Die haben uns doch gerade erst erklärt, was wir nicht machen sollen“. Auf dem nach Hause Weg ahnten wir bereits, wie das ausgehen würde. Ich konnte H. am anderen Morgen nicht erreichen. Ich machte mir große Sorgen. Am Nachmittag erreichte mich die Meldung: „Oh Mann, uns ist vielleicht etwas passiert. Wir sitzen bei Fred. Später mehr.“ Mehr nicht. Nachdem wir so ca. drei Stunden vor dem Spiel wieder bei Fred auftauchten, war der Deckel wieder voll. H., E. und L. ebenso. Ihre Gesichter verrieten uns irgendetwas zwischen „Boa ey, ist das peinlich“ und „Mann, was hatten wir heute Nacht einen Spaß“.

Die Kommunikation mit der Nachhut aus Ense und Werl wurde mir so überliefert: H. ruft bei Fanclub Präsi G. aus Ense an und bittet ihn, 1000 Mark in bar mit zu bringen. Er erklärt ihm nicht, warum, nur dass es ziemlich wichtig ist und so. Sie könnten sonst nicht wieder nach Hause fahren. Präsi G. konnte sich daraus keinen Reim machen und war auch nicht unbedingt gewillt, 1000 Mark in bar auf eine Auswärtsfahrt mitzunehmen. Er beriet sich noch mit Mitfahrerin B. aus Werl-Büderich. Sie einigten sich schlussendlich nach mehreren Telefonaten darauf, jeweils 500 Mark mitzunehmen. Freunde lässt man schließlich nicht im Stich.

Als sie im strömenden Regen in Hamburg ankamen und H, E. und L., inzwischen wieder gut gelaunt, bei Fred antrafen, regte sich erster Unmut: „Pleite wie sonst was, aber schon wieder den Deckel voll machen? Typisch!“ H., E. und L. erklärten etwas nebulös (was wirklich geschah, wissen wir alle bis heute nicht), die unweigerlichen Folgen der Nacht: Stripshow, Getränke, waren „gut drauf“, leicht bekleidete Damen, hohe Rechnung, Ärger mit den Barkeepern, Polizei, Besuch auf der Davidswache, Frag` jetzt nicht, usw.. Das volle Programm unvorsichtiger und abgezockter Touris halt. Und ich sach` noch…

Letztendlich hatten alle aufgrund der Geschichte (Schadenfreude ist bekanntlich die beste Freude) dann doch noch ihren Spaß. H. und E. trugen die Vorfälle sowieso mit Fassung, nur L. überlegte fieberhaft nach Ausreden und Strategien seiner Frau gegenüber. Es war schließlich ein unverhältnismäßig teurer Ausflug! Schalke gewann an jenem Mittwochabend 3:1 nach Verlängerung und alle kamen, nachdem tags drauf bei wem auch immer die Schulden beglichen wurden, auch wieder irgendwann wohlbehalten in Westfalen an. Bis heute freue ich mich, H. immer mal bei Spielen der Blau- Weißen, meistens auswärts, wieder zu sehen. Und natürlich wird zu dessen Leidwesen immer mal wieder diese Anekdote hervorgekramt. So ist das eben mit dem Spott und so.

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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