Ballade eines Schalkers in der Diaspora

Walter Schauer lebt in München, hatte aber trotzdem bis vor kurzem immer eine Dauerkarte für die Arena auf Schalke. Fürs Parkstadion brauchte er keine, “da war ja meistens Platz genuch”, sagt er.

Schalker können nicht nur nicht nicht lesen, nicht reimen können sie auch nicht. Bewies jedenfalls der Walter schon vor über zehn Jahren mit diesem Rückblick auf seine königsblaue Karriere (Anm. MB: um dieser gerecht zu werden, hätte das Gedicht eigentlich homerischen Umfang annehmen müssen, aber dafür ist’s Internet zu klein, sach ich mal)


Der Ballade Erster Teil

Zwischen Isar und Loisach, da bin ich geboren
Ein paar Tage später ham’ die Schalker gleich verloren
Gegen die Bayern aus München, die kamen grad empor
Rainer Ohlhauser schoß das „goldene“ Tor

Aus mir wurde trotzdem nie ein richtiger Bayer
Mir bedeuteten nix Beckenbauer, Müller oder Maier
Fischer, Abramczik und Rüssmann, das waren meine Helden
Doch mit denen hatte ich hier nicht viel zu melden

Als Schalker in München dazu bedarf es Mut
Doch mein Vater vererbte mir halt nun mal königsblaues Blut
Jedes Jahr kamen wir mindestens einmal ins Revier
Und besuchten den FC Schalke 04

„Mein erstes Mal“, das war kein Entzücken
Der Gegner hieß 1. FC Saarbrücken
Wir verloren das Spiel und am Ende auch die Schale
Deutscher Meister wurde Gladbach zum bis heut’ letzten Male

In den folgenden Jahren gab’s viel zu leiden
Denn der Abstieg ließ sich nicht länger vermeiden
Wir spielten gegen Lüttringhausen, Unterhaching und Meppen
Und die Bayern-Fans fragten mich, „Wos wuist’n mit Deine Depp’n?

Und mußt Du mal scheiss’n und hast kein Papier
Dann nimmst Du die Fahne von Schalke 04“
Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen
Die Jungs aus meiner Klasse verhöhnten mich Morgen für Morgen

Für die gab es fast jedes Jahr irgendwas zu feiern
Und ich begann ihn zu hassen, den FC Bayern
Mit den „Löwen“ dagegen teilte ich meinen Kummer
Die waren inzwischen eine noch kleinere Nummer

Am 2. Mai 84 schoss Olaf Thon
Drei Tore gegen die Bayern im Parkstadion
Anderntags ging ich zur Schule ganz in Blau und Weiß
Und die Bayern-Fans fragten, „Wos wuist’n Du Preiß’?“
In meiner Kutte, mit Trikot und mit Schal
Schritt ich stolz auf mein Schalke durchs Loisachtal

Mir wuchs mein erster Bart und meine Haare wurden länger
Und für meine Schalker wurd’s immer enger
Zweite Liga, Abstiegsplatz, kaum noch Geld, keine Tore
Skandale gehörten bei uns zur Folklore

So war’s in den Achtzigern, Ihr werdet Euch erinnern
Die Schalker gehörten wahrlich nicht zu den Gewinnern
Doch wir fuhren fort, unser Schicksal zu ertragen
Zu lieben und zu ehren in guten wie in schlechten Tagen….

Der Ballade Zweiter Teil

16. Juni ´91, ich werd’s niemals vergessen
Die Darmstädter Lilien kamen aus Hessen
„Attacke!“, La Ola fürs Buch der Rekorde
Und dann stürmte sie den Platz, die blau-weiße Horde

Wir feierten gleich weiter bis zum Dritten Advent
Und sangen das Lied, das noch heut‘ jeder kennt
„Schaaaalke und der FCN!“ Kann’s was Schöneres geben?
Einst harte Rivalen, heute Freunde fürs Leben

Rolf Rojeks erster Samba-Zug, wisst Ihr es noch?
Ich fuhr von München nach Nürnberg hoch
Dort wurden wir wie die Könige hofiert
Und mit rot-schwarzen Devotionalien dekoriert

Nürnkirchener und Gelsenberger kunterbunt durcheinander gemischt
Und so manches frische Veltins und Tucher wurde zusammen gezischt
Ja, das waren noch Zeiten, so wird nur gefeiert
Wenn man ansonsten in der Liga rumeiert

„Jeder Weg geht mal zu Ende, jede Ehe mal zerbricht.
Selbst Atome kann man spalten, aber unser Bündnis nicht.“
Verzeiht mir, „Pokalmatadore“, ich musste Euch das klauen
Für mich gehören diese Worte in Stein gehauen

Schon Max und Berni haben sich sehr gut verstanden
Wenn sie gemeinsam in der Nationalmannschaft standen
Mein Kumpel Rainer und ich, wir pflegen diese Tradition
Meine Eltern nahmen ihn auf wie den eigenen Sohn
Und auch ich geh bei ihm Tag und Nacht ein und aus
Und fühl mich an der Rednitz ganz wie zu Haus

Königsblau und Weinrot, Ruhrpott und Franken
Gebe Gott, sie mögen sich niemals zerzanken
Denn so etwas gibt’s nicht noch mal auf der Welt
Der Verlust wär unersetzlich, wenn die Freundschaft zerfällt

SCHALKE UND DER FCN

Der Ballade Dritter Teil

Mein Haar wurde grau mit den Jahren und licht
Aber noch verroste und verkalke ich nicht
Bin auch noch nicht erlahmt und liebe königsblau
Manche Frau nahm’s mit der Treue nicht so genau

Bin grade erst zum zweiten Mal Achtzehn gewesen
Und lasse Euch jetzt hier meine Lebensbeichte lesen
Ich schreib’ sie hier auf Papier ganz ungeniert
Dabei weiß ich eigentlich gar nicht, ob sie Euch interessiert

Jeder von uns wüsste soviel zu berichten
Jeder von uns kennt so tolle Geschichten
Stunden, nein Tage könnte man sich über Schalke erzählen
Also mich vermag damit keiner zu quälen

Wißt Ihr es noch, wart Ihr auch dabei
In Valencia, auf Teneriffa und in der Lombardei
In Trabzon wurde das Schwarze Meer blau und weiß
An der Leine machten wir den „Roten Teufeln“ die Hölle heiß

Kennt Ihr noch die Sportfreunde aus Eisbachtal
Wir schlugen sie zweimal nur knapp im Pokal
Auch in Linx, in Vorsfelde und in Rain am Lech
Hatten wir Glück – und in Mainz leider Pech

„Eisern Union“ gegen „Kohle und Stahl“
Ein Jahr später eroberten wir den Ku’damm gleich noch einmal
Mayer-Vorfelder hat unseren Tomasz Waldoch nicht erkannt
Und dem Rudi, hackenstramm, flog der Pokal aus der Hand

Als im November 89 in Berlin die Mauer fiel
Hatten wir gegen Blau Weiß 90 auch kein so leichtes Spiel
Dietmar Schacht und Bjarne Goldbaek wird wohl jeder noch kennen
Aber wer kann noch Kotas und vor allem Wildoer nennen

Die Pillendreher in der Farbenstadt trauten nicht ihren Ohren
1:6 hatten die Knappen dort gerade verloren
Und die Schalker Gemeinde oben auf den Rängen
Feierte unsere Mannschaft mit lauten Gesängen

Neulich in Pasching wurde das Freibad gestürmt
Und damals, erinnert Ihr Euch, ist die Borussenfront getürmt
Um Einfälle waren Schalker niemals verlegen
Seit dem 2. Mai 87 sogar mit päpstlichem Segen

Auch am unsäglichen 11. September hat Schalke gespielt
Doch die Beine waren schwer, es wurde kein Tor erzielt
Die Köpfe unserer Gegner aus Athen waren auch nicht frei
Aber die hatten halt zu ihrem Glück ihr Kleeblatt mit dabei

Gegen die „Kleeblatt-Piraten“ aus Dublin reichte es zum Sieg
Damals war in Irland noch Bürgerkrieg
„Right Wing“ mit „White Ring“ verwechselte unser „Schtann“
So geht’s einem halt, wenn man kein Englisch kann

Ach ja, unser „Schtann“, ich hab ihn auch noch gekannt
Als kleiner Junge starrte ich voll Ehrfurcht auf ihn wie gebannt
Leider hab ich ihn nicht mehr spielen gesehen
Sondern eben nur hinter seiner Ladentheke stehen

Er war immer höflich, hilfsbereit und nett
Eines Abends klingelte ihn mein Vater wohl aus dem Bett
Wir brauchten Karten für irgendein Spiel
Dem „Garrincha vom Schalker Markt“ war nix zu viel

Aber ich merke schon, jetzt werde ich sentimental
Ich denke, das lassen wir lieber mal
Sonst kommt mir noch der alte Ernst Kuzorra in den Sinn
Der war auch fast immer bei Bosch, wenn ich da gewesen bin

War nett mit Euch zu plaudern, ich dank Euch recht schön
Ich hoffe wir werden uns bald mal wiedersehen….

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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