Versprochen ist Versprochen

Detlef Aghte ist seit bald sechs Jahrzehnten Schalker, hat Tausende von Sportzeitungen zuhause und ist Stadt und Club umso mehr verbunden, je schlechter es ihnen gerade geht.

Sommer 1991. Schalke schlägt am letzten Spieltag der 2.Bundesliga den SV Darmstadt 98 und wird fortan endlich wieder erstklassig antreten. „Und wenn Schalke wieder aufsteigt“, das hatte Detlef versprochen, „dann lauf ich zu Fuß nach GE!“


Es ist schon wieder über 20 Jahre her, und ich sitze hier stark erkältet, hab obendrein ein verlorenes Auswärtsspiel in den Knochen und bin mal wieder todtraurig. Seltsamerweise kann ich immer nur traurig sein, nicht wie die vielen anderen, die ich bei Facebook lese, wütend und böse. Ich hab ne Flasche Badischen weißen Burgunder bei mir, mag ich gar nicht….scheißegal Hauptsache er wirkt. Ich erinnere mich an „bessere“ Zeiten…

1991 war es, dass ich mit Manfred, einem Freund aus Marienheide-Müllenbach (bei Gummersbach) nach Gelsenkirchen lief, weil Schalke aufgestiegen war. Ich hatte es versprochen, zu der Zeit nahm ich das Maul ab und an mal bisschen voll. Aber versprochen ist versprochen. Es musste nur der richtige Zeitpunkt gefunden werden. Ich hätte es auch nicht gerade Manfred erzählen müssen da war es eigentlich klar dass ich nicht umhin kam. Manfred, er ist einige Jahre tot, war Rektor an einer Schule, Sportler durch und durch. In den 50ern gewann er die Westdeutsche Meisterschaft im Skifahren für Flachländer:-) trainierte in Wuppertal mit diversen Olympioniken auf den Strecken von 1500m bis 10000. Bei Lambert, den sah ich Wuppertal noch mit 85 Jahren 25km laufen. Aber ich schweife ab. Manfred war das wandelnde Sportalmanach, er kannte die Schwiegermutter eines Finnischen Olympiasieger über 10000m Skilanglauf mit Mädchennamen.. Und sprach sie richtig aus!!!! Wir ergänzten uns insofern, das ich auch ne Menge wusste, Fußball Leichtathletik und Boxen vorne weg. So trafen sich in dieser buckligen Welt zwei Artverwandte die sich gut ergänzten. Der Profit lag auf meiner Seite, denn Manfred war wahnsinnig gescheit.. man konnte nur lernen. Und das ohne einmal den Oberlehrer raushängen zulassen. Er war Heimatforscher und als solcher ausgezeichnet mit dem Rheinischen Taler. Eine Auszeichnung für Verdienste um die Heimat. Wir beide liefen an vielen Dienstagen durch das Oberbergische Land und ich sperrte Augen und Ohren auf, um einigermaßen was mit zu bekommen . Dienstags deshalb: ich war Kneipier und hatte da meinen freien Tag.
Manfred war also derjenige mit dem ich mein Versprechen einlösen wollte. Ich hatte gesagt: wenn die hoch gehen lauf ich dahin, nichts spektakuläres, ganz stickum und allein. Manfred bereitete die Wanderung vor. Er kam mit einer Topografischen Karte an auf der jeder Höhenmeter stand, alles war geregelt auch das, was ich nicht brauchte. Ich hab gesagt ich lauf am ersten Tag nach Schwelm , da hab ich gewohnt, da ist meine Frau her. Da werde ich mir den Arsch dermaßen voll gießen, dass ich eh nicht mehr weiter komm am nächsten Tag.
Aber ohne Plan lief nichts bei meinem Kumpel. Wir verabredeten uns für einen Montag Morgens um 7.00 bei uns vor der Tür, wenn man den nördlichsten Punkt von Marienheide genommen hätten, hätten wir schon 15km gespart, aber wir wollten uns nicht selbst betrügen
Also ging es los vom Unnenberg, 506m über dem Meeresspiegel, quietschvergnügt in dem Bewusstsein, das halte ich eh nicht durch, küsste ich meine Frau und sagte ihr sie werde uns am Abend irgendwo auflesen können.. Mein Rottweiler schaute ganz bekloppt weil er nicht mit kam, normalerweise hatten wir ihn immer mit. Aber wir wollten ja an zwei Tagen in GE sein und wer weiß wie sich der Hotelier in Schwelm anstellte wo wir ein Zimmer gebucht hatten. Und überhaupt brauchte Karin, meine Frau einen Beschützer in dem finsteren Wald, so ganz allein
Wie stiefelten los, lustig daher schwatzend weil wir ja nicht achten mussten woher wir liefen. Hier kannte man sich aus. Wir kamen an die Brucher Talsperre. Die gerade restauriert wurde, weiter ging es in Richtung Lingese, die nächste Talsperre. Zwischendurch ne Geschichte über einen der Tuch färbte und in einer Freien Wählergemeinschaft war, so den arrivierten Parteien auf den Sack ging. Manfred war ne ganze Zeit im Kreistag und auch auf dem Gebiet fit.. Nun erreichten wir Wipperfürther Gebiet. Wipperfürth, weil die Wupper immer noch Wipper heißt, hier könnt ihr noch was lernen. Mittlerweilen goss es in Strömen und das kreuzfidele hatten wir uns abgeschminkt. Hintereinander her latschten wir durch kleine Orte, dem Zaun der Kerspetalsperre entlang in Richtung Radevormwald. Ich haute mir isoterische Getränke rein, nicht wissend warum ich als Wirt so ein Scheiß trinke. Wir erreichten die Bever, also die vierte Talsperre, dabei habe ich die Genkel nicht mal mitgezählt. An der Bever vorbei ging es in den Ort Radevormwald. Natürlich laberten wir über Osenberg und Heide Rosendahl die hierher kamen und Sportgeschichte geschrieben haben Aber auch ein bekannter Chirurg hat hier viele Fußballer operiert. Damals fiel mir noch ein, dass es ein schreckliches Zugunglück gab, mit vielen toten Kindern. Heute würde mir zuerst einfallen, dass im Vorort Dahlerau sich ne Menge Nazis breit gemacht haben und das Umfeld terrorisieren
Im Dorf war Kirmes, aber für uns war nur ein Eis drin. Ich staunte über die Konsequenz von Manfred, denn er mochte gern einen.Weiter ging es in Richtung Schwelm. Quasi immer gerade aus. Ich kannte mich aus und Manfreds Karte kam nicht richtig zur Geltung. Obwohl ich mir schon einige Sachen hab angehört. über Erdverkrustung, Hohlwege aus der Zeit vor 200 Jahren Usw. Ich saugte alles auf, weil ich wusste, das Manfred keinen Stuss redete, aber alles zu seiner Zeit. Ich hatte runde Füße, war 90 Pfund schwerer als mein Kumpel und schleppte mich dahin. Da ich aber jederzeit wusste wo ich war, war mir auch bewusst, das in 2 Stunden Schwelmer Bier lockte, und nicht zu knapp also hielt ich durch. Worauf ich lauerte, war Helmut, Jahrelang mein Stammwirt in Schwelm. Ich habe ihn eigentlich versprochen, dass er ausgestoppt ins Foyer der Fa. Johnny Walker kommt, wenn er den Löffel abgibt. Denn das ist sicher ein Ungewöhnlicher Mensch. Er hat 20 Jahre jeden Tag mindestens 1l von dem Whisky getrunken. Nennt mich Münchhausen, es ist so. Ich wartete schon 5km vor Schwelm auf sein Gesicht, wenn wir da reinkommen und er bekommt mit, dass wir zu Fuß sind
So kam es dann auch. Er glaubte uns kein Wort, als wir abends um 7 einkehrten. 12 Stunden für 50 km, nicht gut, aber überlebt. Wir tranken ein paar Bier, und checkten dann im „Prinz von Preußen“ ein. Ich hatte mir in weiser Voraussicht ein Entspannungsbad gekauft, weil ich dachte, Morgen früh kriegst du kein Bein mehr voreinander. Aber das erste Haus am Platz hatte nur ne Dusche. Zurück nach Helmut, hauten wir uns richtig ein in die Glatze, wie es sich gehört für zwei irre, die gerade 50km gelaufen sind Mittlerweilen hatte Helmut wohl ein bisschen getrommelt, denn einige Kollegen von früher liefen ein. Wir lachten und sprachen über Sportfreunde Schwelm, über die alten Zeiten und die Schalker Saison 1965/66. Eine Wahnsinnssaison. Vom ersten Tag an auf verlorenem Posten kämpften die Burschen, die eigentlich für die zweite Liga geholt wurden. Es begann mit dem Selbsttor des jungen Fichtel in seinem ersten Spiel für die Blauen in Stuttgart. Ich sage nur Weikamp, Kolbe, Grau, Werner. Alles Namen die kein Mensch mehr kennt.
Wir schwelgten in Erinnerungen und vergaßen fast, dass wir am nächsten morgen wieder los mussten. Also kratzten wir die Kurve und fielen in unsere Betten
Am nächsten Morgen, ich war mir sicher, dass ich kein Fuß mehr voreinander setzen konnte, schälte ich mich behutsam aus den Laken und checkte ab, wie es denn wohl sei.. Ganz vorsichtig stand ich auf und merkte meine verhärteten Waden. Aber es ging. Körperpflege gemacht und runter an den Frühstückstisch. Das Frühstücken kann mir nichts verleiden, weder Muskelkater noch dicke Birne. Ich speiste nach Herzenslust, ging wieder hoch und schnürte meinen Ranzen. Mein Kumpel war auch fertig, dem machte die Lauferei natürlich nichts aus. Schließlich war er den Kilimandscharo hoch, hatte den Wasalauf mitgemacht und ich glaube sogar die Eigernordwand erklommen. Der lachte über so Sachen, dafür hatte er nen dicken Kopf von der Sauferei, da wiederum sah ich bei mir Vorteile. Schließlich war ich Wirt.
Raus ging es aus Schwelm, längs der Eisenwerke, denen dasselbe Schicksal widerfuhr wie den vielen Werken und Zechen im Revier. Es war dicht. Hoch nach Linderhausen und rüber zur Fertighausausstellung. Ich taperte hinter Manfred her, nach 2km ging es auch wieder ziemlich rund. Er hatte seine wassergeschütze Karte und ich folgte, obwohl ich jeden Meter kannte.
Zwischen Haus Juliana und dem Landhaus Hiby ging es ab ins Grüne. Ich war in beiden Läden lange Zeit in der Sauna. An der Hauptstraße sprang Manfred in einen Kiosk um seine Getränke aufzufüllen. Als der neugierige Besitzer wissen wollte wo wir denn wohl hinwollten, bekam er bereitwillig Auskunft. Da erzählte er uns, dass Herr Ristic noch kürzlich da gewesen war und die bekannten Bonbons gekauft hatte, die er den Schiedsrichtern zu schenken pflegte. Schalke stieg zu dieser Zeit ab und an im Haus Juliana ab, eine noble Herberge, die in den 60ern noch ein Tanzschuppen war, Konkurrenz von meinen Eltern, bis da warm umgebaut wurde. Sagten die Leute.
Aber nun zogen wir weiter, vorbei an einem wunderschönen, fast komplett denkmalgeschützen Örtchen Namens Schee vorbei in die Elfringhauser Schweiz. Ich schaute mich um und folgte meinem Spannmann blind, das war ein Fehler, denn ich merkte, dass wir munter auf Herzkamp zusteuerten. Wir hatten ein Wanderschild übersehen, das waren mal eben hin und her 4km. Das ist eine Menge, mitti Füße. Aber wir waren hart im Nehmen und erreichten bald das Wodantal um dann durch jede Menge Ilex hoch nach Hattingen zukommen. Kein Auge für die Wunderschöne Altstadt trieb es uns über die Ruhr nach Bochum Linden. Hier versagten Manfreds Wanderkarten, er kaufte einen Stadtplan. Wir liefen runter nach Dahlhausen und mussten wieder steiler hoch als irgendwo im Oberbergischen. Bald erreichten wir die Landstraße Wattenscheid-Hattingen. Hunderte Male bin ich sie gefahren um zu meinen Club zu kommen. Für Ruhris, die auf dem Heimweg von der Arbeit waren müssen wir einen Exotischen Eindruck gemacht haben. So deutete ich zumindest die Gesichter.. Zwischen „irre“ und „wo wollen die denn hin“ konnte man alles in den Mienen lesen. Kurz marschierten wir durch Eppendorf, um dann wieder schnurstracks Richtung GE zu laufen. Ich ging mittlerweile automatisch. Muss ein jämmerlicher Anblick gewesen sein. Wir kamen unserem Ziel aber Meter um Meter näher. Ich hatte wohlweislich gesagt :Ich laufe bis zum Stadtschild in Ückendorf und dann ist Schluss. Das erreichten wir auch abends um 19.00 ungefähr. Das schöne Stadtwappen, unter dem ich mich knipsen lassen wollte war leider nicht mehr da. Das andere tat es auch. Rein in die Kneipe am Ückendorfer Platz und 15 Bier geordert. Die Dame hinter dem Tresen guckte und wartete auf den Club, der da wohl käme. Aber es kam nur Manfred. Wir tranken, was ich bestellt hatte, bestellten ein Taxi und fuhren in den Theaterpavillon, weil ich dort sicher ein paar Kollegen von früher traf. Ich rief meine Frau an, erzählte, dass wir gut angekommen sind und sie könnte sich dann auf die Socken machen um uns abzuholen.
Ne Stunde und 10 minuten vielleicht dauerte es und mein liebes Weib stand vor der Tür. Das fand ich, der gerade zweimal 12 stunden marschiert war richtig frustrierend.. Nichttestostrotz, ich hatte mein Versprechen eingelöst, hatte zwei Tage richtig Spaß, allerhand gelernt unterwegs.
Und bisken stolz war ich auch.

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Versprochen ist Versprochen

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