Konnichiwa

Karl Hanisch hat ganz vage Erinnerungen an ein Spiel in der Glückaufkampfbahn im Jahre 1941, das womöglich den Anfangspunkt seiner unzähligen Besuche von Schalker Spielen darstellt. Und selbst lief er auch mal im wunderbaren Königsblau auf den Platz, als Halblinker mit der fünften Schülermannschaft gegen die sechste. Das waren noch Zeiten!

Schalke international – das geht mitunter auch anders, als man denkt. In der 302er Straßenbahn zum Beispiel.


Durch Schalke und die vielen japanischen Fans wurde mein Interesse an Japan und auch an der japanischen Sprache geweckt. Einige Kleinigkeiten beherrsche ich schon: Ich kann mich vorstellen, kann sagen, dass ich Deutscher bin und in Gelsenkirchen wohne, kann mich nach dem Wohlbefinden erkundigen, kann die Tageszeit wünschen und mich verabschieden. Außerdem kenne ich die japanischen Zahlen, zumindest die eine oder andere. Besonders stolz bin ich darauf, in richtiger Grammatik und vielleicht sogar mit richtiger Aussprache sagen zu können, dass ich kein Gemüse aus Dortmund esse. Wie sich das ergeben hat? Ich kann es nicht sagen. Es hat sich ganz einfach so ergeben. Der Satz gefiel mir. Praktisch konnte ich diesen Satz leider noch nie anwenden. Zumindest wäre es seltsam gewesen, wenn ich ein Gespräch mit dieser Formulierung bestritten hätte. Vor kurzem wäre es möglich gewesen. Ich habe es aber dann doch sein lassen und stattdessen eine bessere Möglichkeit gefunden.

Es war so. Nach irgendeinem Nachmittagsspiel, es könnte das gegen Darmstadt gewesen sein, stand ich, zusammengepresst wie eine Ölsardine, in der Linie 302, die in Richtung Hauptbahnhof Gelsenkirchen fuhr. Neben mir, an mich gepresst, stand ein japanisch aussehender Mann, etwas jünger als ich, was bei meinem Alter nicht sehr schwierig ist. Ich kämpfte mit mir und trainierte innerlich, wie ein eventuelles Gespräch verlaufen könnte, natürlich nicht auf Deutsch, sondern auf Japanisch. Das Gespräch könnte also mit einer japanischen Höflichkeitsformel meinerseits beginnen. Fest entschlossen, aber dennoch leicht zögerlich ging ich in Gedanken verschiedene Formulierungen durch und suchte nach einer guten Gelegenheit, ein Gespräch anzufangen. Diese Gelegenheit ergab sich in Höhe der Glückauf-Kampfbahn. Ich sah den interessierten Blick meines vermutlich japanischen Nachbarn, der nacheinander unser altehrwürdiges Stadion und dann mich ansah, ebenfalls altehrwürdig aussehend. Das war die Gelegenheit! Ich sagte freundlich „Konnichiwa!“, also „Guten Tag!“, was er, etwas erstaunt, aber ebenso freundlich, erwiderte. Ein Stein fiel mir vom Herzen. Er war also, wie vermutet, Japaner. Zum Erstaunen der in der Nähe stehenden Fans begannen wir ein munteres Gespräch auf Japanisch. Ich wuchs über mich hinaus. Ich stellte mich vor, verbeugte mich leicht, nachdem er mir seinen Namen genannt hatte. Ich sagte ihm zu seinem Erstaunen, dass ich Deutscher sei und sogar in Gelsenkirchen wohne, worüber er sich sehr wunderte. Ich verzichtete darauf, ihm zu erzählen, dass ich kein Gemüse aus Dortmund esse. „Watashi ha Dorutomunto wo yasai tabemasen“ dachte ich nur, sagte es aber nicht. Nach dieser guten Eröffnung versuchte ich, seinen Blick auf die Glückauf-Kampfbahn zu deuten. Und als er fragte: „Schalke?“, war für mich klar, was er wissen wollte. Wir unterhielten uns angeregt. Ich wunderte mich allerdings, dass er mich während unseres Gespräches mehrere Male mit einem freundlichen “Hi!“ begrüßte. Ich grüßte jedes Mal mit einem „Hi!“ zurück, beide lachten wir, und ich hatte irgendwie den Eindruck, dass wir über Unterschiedliches lachten. Wir unterhielten uns bestens, scherzten, lachten, immer noch zum Erstaunen der anderen Fans, und ehe ich mich versah, hatten wir den Hauptbahnhof Gelsenkirchen, die Endstation, erreicht. Wir stiegen aus, umarmten uns herzlich, verbeugten uns, sagten „Sayonara“, lachten uns noch einmal an und trennten uns.

Es war ein schönes Gespräch. Doch irgendwie hatte ich das dumpfe Gefühl, dass unsere Unterhaltung vielleicht doch etwas schief gelaufen war. Unsere Unterhaltung? Worüber hatten wir gesprochen? Ganz einfach. Ich hatte versucht, meinem japanischen Nachbarn klar zu machen, dass die Glückauf-Kampfbahn von 1928 bis 1973 die Spielstätte von Schalke 04 war. Nicht, dass Ihr jetzt glaubt, ich kenne die japanische Vokabel für „Spielstätte“ oder andere nützliche Vokabeln. Natürlich nicht, ich habe mich nur auf die Zahlen beschränkt. Und das Übersetzen der Zahlen 1928 und 1973 ins Japanische hat genau so viel Minuten in Anspruch genommen, wie die Linie 302 bei stockendem Verkehr von der Glückauf-Kampfbahn bis zum Hauptbahnhof Gelsenkirchen benötigt. Hat mein Japaner mich überhaupt verstanden? Wenn ich seine Gestik richtig deutete, dann hat er mich verstanden. Etwas Anderes macht mich noch sicherer. Die wiederholte freundliche Begrüßung mit „Hi!“ war zwar freundlich, aber keine Begrüßung. Es war, wie es mir später klar wurde, ganz einfach das japanische „Hai!“. Und das heißt „Ja!“. Was kann man daraus ableiten? Unser Gespräch war ein voller Erfolg: Wir hatten Spaß, hatten Kontakt, wir haben die Schalker Fans in der Straßenbahn verblüfft und uns auch noch im wahrsten Sinne des Wortes verstanden.
Wahrscheinlich zumindest!

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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2 Antworten zu “Konnichiwa

  1. Beim dreizehnten Durchlesen ist mir der Fehler aufgefallen, leider zu spät. Die Zahlen 1928 und 1973 wurden nicht ins Deutsche, sondern ins Japanische übersetzt. Entschuldigung!

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