Asyl auf Schalke

Davor Vutuc ist in Baden-Württemberg zuhause und seit 40 Jahren Schalker, verpasst fast kein Spiel, muss die meisten aber in der viereckigen Kiste gucken.

In Bochum, auf Zeche Hannover, gibt es dieser Tage eine Ausstellung zum Thema „Fußball und Integration“, bei der von großen Namen, „von Kuzorra bis Özil“ die Rede ist. Auf Schalke kämpfte man vor wenigen Jahren (erfolgreich) um das Bleiberecht für einen ihrer Nachwuchskicker, dessen Eltern aber gehen mussten, und da gibt es sicher noch viel mehr – zum Beispiel diese Erlebnisse:


Sommer/Herbst 2015: Seit Monaten beherrscht ein Thema die Bundesrepublik. Es vergeht kein Tag, an dem nicht im Fernsehen, im Radio oder in der Presse darüber berichtet wird. Nein, es ist nicht unser S04, auch wenn der gute Start in die Saison 2015/2016 mit 5 Siegen, einem Unentschieden und nur einer Niederlage durchaus ein positives Echo in den Medien gefunden hat. Es geht vielmehr um die zahlreichen Flüchtlinge und asylsuchenden Menschen, die nach Deutschland kommen, um hier eine neue Heimat zu finden. Sogar die Bundesliga hat dieses Thema aufgegriffen, als beim vorletzten Spieltag bei einer Sonderaktion auf dem linken Trikotärmel statt des sonst üblichen Sponsorenlogos (Hermes) der Aufdruck „Wir helfen – #refugeeswelcome“ zu sehen war.

Das Thema ist für mich selber nichts Neues, da ich als Diplomverwaltungswirt (auf gut deutsch auch Beamter im gehobenen Verwaltungsdienst) bei meinem Arbeitgeber bereits seit vielen Jahren mit der Aufgabe der Unterbringung und Versorgung mit Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz der uns zugewiesenen asylsuchenden Menschen beauftragt bin. Da ich doch 400 km vom Ruhrgebiet weg wohne und arbeite, hätte ich nie gedacht, dass ich im Rahmen dieser Tätigkeit auch mit meinem FC Schalke 04 konfrontiert werde. Dies ist mir gleich zweimal passiert und hiervon soll diese Geschichte berichten.

Allerdings verbietet mir der Sozialdatenschutz Ross und Reiter zu benennen, so dass ich nur in anonymisierter Form und ohne Namen zu nennen meine Erlebnisse schildern kann.

Einmal wurde uns von der Oberen Aufnahmebehörde mitgeteilt, dass wir in einem Sonderfall einen Asylfolgeantragsteller, der bereits vor ca. 20 Jahren unserem Kreis zugewiesen war, wieder aufnehmen und in unserer Flüchtlingsunterkunft unterbringen müssten.

Der Tag der Aufnahme kam und vor unserer Flüchtlingsunterkunft fuhr ein ziemlich dicker Schlitten vor, dem ein über 50 Jahre alter Mann und eine geringfügig jüngere, blondierte, aufgedonnerte, vollschlanke Frau entstiegen. Der erste Eindruck den ich hatte und dessen ich mich bald schämen sollte war der, dass da Klientel aus dem Rotlichtmilieu vor mir sitze. Aber Nein, es war der angekündigte Asylfolgeantragsteller und seine Ehefrau, die sogleich begannen mir ihre Lebensgeschichte zu erzählen und mir ihr Leid zu klagen.

Nach ca. 30 Minuten Klagen und Lamentieren und Schimpfen der Ehefrau über die deutschen Behörden und mehrfachen vergeblichen Versuchen, den Redefluss der Dame zu stoppen, begann ich langsam geistig abzuschalten als plötzlich der Name Schalke 04 fiel. Hellwach geworden hörte ich wieder zu und erfuhr, wie die gute Dame behauptete die Mutter eines Schalker Spielers zu sein und dass mein Klient der Stiefvater sei. Sie seien daher finanziell sehr gut situiert und auf keine Leistungen unsererseits angewiesen und es würde dem Ehemann daher sehr schwer fallen, wieder in einer Flüchtlingsunterkunft mit zahlreichen anderen Menschen leben zu müssen und ich solle ihm doch einige Privilegien gewähren.

Natürlich glaubte ich zuerst, die beiden würden reichlich übertreiben und mir ein X für ein U vormachen wollen und es würde sich beim besagten Sohn allenfalls um einen unbekannten Schalker Amateur oder Jugendspieler handeln. Aber nein, die gute Dame, die mit einem deutlich erkennbaren Dialekt sprach, zog aus ihrer Handtasche jede Menge Beweisfotos, die sie und ihren Ehemann mit einem sehr bekannten Schalker Spieler zeigten. Ich war baff. Da saß leibhaftig die Mutter eines Schalker Spielers vor mir. Ich muss gestehen, dass mir gleich einige, eines deutschen Beamten unwürdige Gedanken durch den Kopf schossen. Es lag sicherlich daran, dass ich erst einige Tage zuvor mal wieder den Film „Das Schweigen der Lämmer“ gesehen habe. Jedenfalls kam mir a la Hannibal Lecter der Gedanke „Quid pro quo“. Ich kümmere mich ein bisschen um den guten Ehemann und bekomme als Gegenleistung ab und zu ein paar Karten für Schalke Spiele zugesteckt (Schäm!). Zum Glück habe ich mich alsbald besonnen, dass ein guter Deutscher Beamter unbestechlich ist und ich, so leid es mir tut, den Ehemann der lieben Dame auch nicht anders behandeln kann als den Rest der mir anvertrauten Asylbewerber.

Als Schalke Fan habe ich mich trotzdem zu erkennen gegeben und noch ein bisschen mit der guten Dame geplaudert, aber schnell erfahren, dass diese selber mit dem Verein nicht viel am Hut hat und mir wenig dazu erzählen konnte. Das unglückliche Ende bestand darin, dass ich der Dame dann doch versprochen habe, ihr Mann könne sich jederzeit an mich wenden, wenn er Probleme mit anderen Flüchtlingen haben sollte. Dies führte dazu, dass mich die gute Dame umarmte und mir einen dicken Schmatzer auf meine Backe verpasste. Da sie reichlich parfümiert war, habe ich den „Duft“ ihres „Wässerchens“ trotz Lüftens den Rest des Tages nicht mehr aus meinem Arbeitszimmer bekommen und wurde sogar am Ende des Tages nach Dienstschluss von Freunden, mit denen ich mich zum Skat spielen getroffen hatte, gefragt, ob ich denn heute aus dem Puff zum Spielen gekommen sei.

Leider ist es nicht bei dem einen Schmatzer geblieben. Zwar hat der liebe Asylfolgeantragsteller seine Residenzpflicht nicht so genau genommen und hat sich in dem ca. halben Jahr bis über den Folgeantrag entscheiden wurde, nur selten in unserer Flüchtlingsunterkunft aufgehalten, aber die drei, vier Mal, die ihn seine Ehefrau besuchte, hat sie jedes Mal genutzt bei mir vorbeizuschauen. Das Ende vom Lied war jedes Mal das Gleiche. Trotz Ausweich- und Fluchtversuchen meinerseits wurde ich zum Schluss abgeknutscht und war daher dann doch froh, als dieses Kapitel ein Ende hatte und der Mann bei uns ausziehen durfte.

Das zweite Erlebnis begann wieder mit einer Order der Oberen Aufnahmebehörde. Wir sollten einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling aufnehmen. Einige Tage nach dieser Zuweisung klingelte bei mir im Büro das Telefon und die zentrale Telefonvermittlung meldete mir einen Anrufer, der wegen eines zugewiesenen Flüchtlings anrufe. Nichtsahnend nahm ich das Telefonat entgegen, als sich am Ende der Leitung ein mir namentlich bekannter Vereinspräsident eines deutschen Profifußballclubs (Nein es war nicht Herr Tönnies und der es ist ja auch kein Vereinspräsident) meldete.

Er teilte mir mit, dass der oben erwähnte minderjährige Flüchtling die letzten Wochen bei seinem Verein mittrainiert habe. Er sei ein vielversprechendes Talent, den der Verein ungerne verlieren würde und ob wir als künftig zuständiger Träger nicht bereit wären, ausnahmsweise eine Unterbringung außerhalb unseres Zuständigkeitsbereiches zuzulassen und den Jugendlichen dort wohnen zu lassen. Der Verein würde auch eine Unterbringungsmöglichkeit für ihn finden.

Ich kam mir ziemlich geschmeichelt und in diesem Moment wichtig vor, mit einem Vereinspräsidenten über einen Spieler zu verhandeln (nicht so richtig, aber doch mal was anderes als Fußballmanager auf dem PC). Ich erwiderte, das Gesetz sehe eine Möglichkeit vor, wenn eine kostenlose Unterbringung und die Sicherstellung des Lebensunterhaltes des Jugendlichen gesichert sei. Wenn daher der Verein für den Jugendlichen aufkommen will und ihm eine kostenlose Unterkunft sicher stellt und zudem bereit wäre regelmäßig mit unserer Jugendhilfebehörde zusammen zu arbeiten, könnten wir darüber reden. So gut scheint dann der Jugendliche doch nicht gewesen zu sein, denn der liebe Vereinspräsi hat gleich abgewunken, der Verein könne für ihn nicht aufkommen. Er würde schon erwarten, dass unsere Behörde den Lebensunterhalt nach dem Asylbewerberleistungsgesetz zahlt und auch für die Kosten der Unterkunft aufkomme. Nein, dem könne ich nicht zustimmen, denn davon hätte ja unsere Behörde nichts, wenn wir für alle Kosten aufkommen müssen und ihn diesem Fall müsse der Jugendliche zu uns kommen. Der Präsi wollte keine Zugeständnisse machen und sein Verein nichts für den Jugendlichen übernehmen, so dass das Gespräch ohne Ergebnis endete.

Eine Woche später hatte ich dann einen heulenden 16-jährigen in meinem Büro sitzen, der sich kundig gemacht hatte, dass es in unserem Kreis keinen höherklassig spielenden Fußballclub gebe, dem er sich anschließen könne und dass er daher nicht zu uns kommen wolle. Ich musste dem armen Kerl mitteilen, dass er aber keine andere Wahl habe und zu uns kommen müsse. Zwei Tage später hat sich dann plötzlich ein Onkel des bisher „unbegleiteten“ minderjährigen Flüchtlings gefunden, der in einer anderen Deutschen Großstadt wohnte und der die Vormundschaft und sämtliche Kosten für den Jugendlichen übernahm, so dass er letztendlich nicht zu uns kam. Was hat diese Geschichte mit Schalke zu tun? Zwei Sachen :

1) Ca. ein Jahr später spielte mein FC Schalke 04 in der Sommersaisonvorbereitung in meiner Nähe bei einem unterhalb der Bundesliga rangierenden Verein. Ich bin natürlich zu diesem Freundschaftsspiel gefahren und hatte im schmucken Stadion einen Sitzplatz hinter einem der beiden Tore. Während des Warmmachens habe ich wie immer die ganze Zeit die Schalker auf der gegenüberliegenden Seite beobachtet, als mein Blick zufällig auf einen Spieler der gegnerischen Mannschaft fiel, der mir bekannt vorkam. Ich fragte einen in meiner Nähe sitzenden Heimzuschauer, ob er mir sein Stadionheft kurz leihen könne und tatsächlich, da stand es Schwarz auf Weiß. Es war der oben besagte minderjährige Flüchtling, der es also nicht bis ganz oben, aber doch recht weit geschafft und sich einem doch höher klassig spielenden Verein anschließen konnte.

2) Das Erlebnis mit dem Vereinpräsi hat mich auf den Gedanken gebracht, dass ich doch mal aufpassen muss, ob nicht bei „meinen“ Asylbewerbern mal ein begnadeter Fußballer dabei sein könnte. Seitdem schaue ich immer wieder zu, wenn diese auf dem Bolzplatz hinter unserer Flüchtlingsunterkunft spielen. Meinem untrüglichen Fußballerauge wird sicherlich kein Talent entgehen. Ich verstehe immer noch nicht, wie Schalke meine Bewerbung ausschlagen und Herrn Breitenreiter den Job geben konnte. Der macht diesen bislang recht gut, aber am 2. Spieltag gegen Darmstadt hätte ich z.B. nie Marco für Leon spielen lassen und mit meiner offensiveren Aufstellung hätten wir sicherlich gewonnen und 2 Punkte mehr. Überhaupt wären wir mit meinen Aufstellungen die letzten 30 Jahre zwischenzeitlich garantiert 20-facher Deutscher Meister und schuldenfrei. Ich schweife ab. Was wollte ich sagen? Ach ja, Ihr könnt sicher sein, sobald ich den zweiten Messi oder den fünften Sane bei „meinen“ Flüchtlingen entdeckt habe, werde ich diesen umgehend als Spielerberater unter meine Fittiche nehmen und unseren Horst kontaktieren, damit dieser auch garantiert bei Schalke landet. Ich werde auch die Finanzen meines Clubs berücksichtigen und moderate Gehälter für meinen Schützling und eine moderate Spielerberatergebühr aushandeln.

Also keine Bange! Die Zukuft Schalkes ist gesichert.

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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