München ist bunt, auch königsblau

Walter Schauer lebt in München, hatte aber trotzdem bis vor kurzem immer eine Dauerkarte für die Arena auf Schalke. Fürs Parkstadion brauchte er keine, “da war ja meistens Platz genuch”, sagt er.

Die Fremde und die Fremden, auch als Ruhrgebietler in München ist das Thema, aber für Walter – und für andere Schalker – eben nicht nur des Fußballs wegen.


„In dieser Stadt werd‘ ich immer nur ein Fremder sein…. „ heißt es in einem der populärsten Lieder von Udo Jürgens. Ich bin ein Schalker in der Diaspora und verstehe diesen so leidenschaftlich besungenen griechischen Gastarbeiter nur zu gut.

Schalker bin ich in der zweiten Generation, mein Vater hat mir mein königsblaues Blut vererbt. Während er aber trotzdem ein Bayer durch und durch war, wurde aus mir mit den Jahren ein Junge aus dem Kohlenpott. Nur dass ich nicht im schönen RuhrGEbiet lebe. Weil der Mensch Geld verdienen muss, weil der Schornstein ja irgendwie rauchen muss, verdiene ich mein Geld eben in München. Man könnte sagen, ich bin ein Bayer mit Migrationshintergrund, weil meine Mutter in Herten in Westfalen geboren wurde. Ich würde eher sagen, ich bin ein Gastarbeiter aus dem RuhrGEbiet. Das ich als Heimat empfinde und wo ich eines Tages sterben möchte. Wenn ich dort schon nicht leben darf, weil ich zumindest einen Job in der Güteklasse wie ich ihn habe, dort nicht finden kann.

Das Schönste an München ist für mich die Autobahn nach Gelsenkirchen. So oft ich kann, fahre ich die ziemlich genau 704 km Richtung Westen. Bis letzte Saison hatte ich in der Arena eine Dauerkarte, zehn Jahre lang. Alle paar Wochen oder wenigstens alle paar Monate brauche ich meine Dosis Ruhrgebietsluft und zwar dringend. Sonst ticke ich nicht richtig.

Im Land des Deutschen Rekordmeiers war ich dagegen nie wirklich gewillt, mich zu integrieren. Meine guten Freunde hier waren immer schon handverlesen. Erst recht die Frauen, denen ich mein Herz schenkte. In meiner Schulzeit, die ich noch weiter südlich, im tiefsten Oberbayern, verbrachte, hätte ich mir einen Dortmunder, Essener, Duisburger oder Bochumer an meiner Seite gewünscht. Irgendjemand aus dem RuhrGEbiet eben, der mich versteht, der meine Sprache spricht, mit dem ich meine Emotionen teilen kann. In der achten Klasse gab es dann mal sogar einen Schalker und wir wurden ziemlich beste Freunde. Er kam mit seinen Eltern aus Holzminden. Nach etwa einem Jahr zog die Familie aber weiter nach Berlin. Irgendwann brach der Kontakt ab. Seit Ende 2003 bin ich jetzt Mitglied im Fanclub Isar-Schalker München, der hat aktuell über 104 Mitglieder. Bis dahin schien ich ganz allein auf weiter Flur. Die meisten von uns sind wegen der Arbeit hier, wie ich, manche auch der Liebe wegen.

Mein Herz schlug immer schon links. Wo auch sonst? „Es gibt nur eine Rasse und die heißt Mensch. Es gibt keine Zweite.“ Ein Zitat, das ich neulich aufgeschnappt habe und das für mich den Nagel auf den Kopf trifft.

Meine Eltern waren zum Zeitpunkt meiner Geburt beide schon Deutsche, also bin ich das auch. Weil das in einem Gesetz so reglementiert ist. Von meinem Großvater gibt es aber ein Foto in K und K-Felduniform aus dem Ersten Weltkrieg. Meine Vorfahren väterlicherseits verschlug es nämlich irgendwann von Laibach in Oberkrain nach Penzberg in Oberbayern. Laibach heißt inzwischen schon lange Jahre Ljubljana und liegt im heutigen Slowenien. Die Vorfahren meiner Mutter wurden als Protestanten aus dem Salzburger Land vertrieben und fanden im Ruhrgebiet eine neue Heimat.

Ich bin hetero und finde das gut so. Aber es ist mir fremd, Menschen, die dazu eine andere Einstellung haben, zu verurteilen. Die Frau mit der ich meine erste längere Beziehung hatte, ging später eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft ein.

Eine andere Verflossene von mir ist Halbiranerin. Ich war außerdem mal in eine Türkin schwer verliebt und hätte eine Kurdin beinahe geheiratet. Zum Schein. Damit sie in Deutschland bleiben darf. Mein Leben war immer schon bunt.

Zu meinem beruflichen Werdegang gehören vier Jahre im Flüchtlingsamt München. Ich bin sogar ein Veteran des Flüchtlingsamts. Als ich im September 1992 dort anfing, hieß das noch gar nicht so. Damals waren das noch einzelne Büros in den verschiedenen, aufs Stadtgebiet verteilten, Sozialamts-Außenstellen. Das Büro in dem ich zuerst war, war sogar im Gebäude des Fundbüros untergebracht. Erst ein Jahr später wurden wir alle zusammengezogen und heute heißt das Amt für Wohnen und Migration.
Etwa zeitgleich formierte sich die heutige Schalker Faninitiative. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, war es das Spiel gegen Eintracht Frankfurt am 21. November 1992. Ich stand an diesem Tag in der Nordkurve. Auf dem Rasen im Parkstadion wurde das Banner „Schalker gegen Rassismus“ entrollt und Irgendjemand drückte mir wahrscheinlich einen Flyer in die Hand. Ich kann mich jedenfalls daran erinnern, einen solchen Flyer gehabt zu haben, wie er heute noch in der Historie auf der web-Seite der Fanini zu finden ist. Es kann aber auch sein, dass ich im Schalker Kreisel oder in der Reviersport nochmal etwas von der Initiative gelesen habe. Jedenfalls konnte ich Wort für Wort auf diesem Flyer unterschreiben und nahm deshalb Kontakt auf. Drei Wochen später, am 12. Dezember, Schalke spielte hier in München, traf ich Bodo Berg und seine GleichGEsinnten in einer Kneipe hier am Hauptbahnhof.

Bis heute habe ich kaum ein Schalke Unser versäumt, hatte es in letzter Zeit abonniert und bin vor kurzem wieder Mitglied in der Fanini geworden. Auch um ein Zeichen zu setzen und mich eindeutig gegen diese unsägliche HoGe-SA und gegen Pegida zu positionieren.

„Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht, ja Farbenpracht, hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht….“

Montags treffen wir uns jetzt immer bei diversen Anti-Pegida-Versammlungen. München ist bunt, auch königsblau….

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “München ist bunt, auch königsblau

  1. „Ich bin hetero und finde das gut so. Aber es ist mir fremd, Menschen, die eine andere Neigung haben, zu verurteilen.“ Genau so habe ich das gemeint und hätte es wohl auch so schreiben sollen um sicher zu gehen . So wie ich es geschrieben habe, könnte das auch Jemand missverstehen….

  2. Schöner Blog und eine sehr schöne Geschichte. Bitte weiter so ich freue mich auf die nächste.

  3. Klasse Eintrag! Super Charakter!

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