„Ich bring euch Schalke!“

Kay Schernikau, Jahrgang 1973, verheiratet und ein Sohn, lebt in der Altmark. Seit 25 Jahren leidender St Pauli Fan mit Dauerkarte auf der Süd. Wuchs in der DDR auf und ist seit der Kindheit seinem Heimatverein Lok Stendal verbunden. Sein Lieblingszitat stammt von Rudi Michel: „Der Fußball hat mir immer etwas gegeben.“

Eine Pokalsaison mit einem „kleinen“ Club, ein Schalke-Fan als Stürmer, ein großer Traum. Ein Abenteuer.


Wer wie ich aus einer sehr ländlichen Gegend kommt, wo es weit und breit keinen Spitzensport gibt, der kennt das. Man findet die Liebe zum Spiel zuerst über den Verein, bei dem man sein erstes Stadionerlebnis hatte. Für mich war es mit neun Jahren ein Liga Spiel in der DDR. Lok Stendal, ein ehemaliger Erstligist und nur etwas mehr als zwanzig Minuten entfernt von zu Hause, spielte gegen Altenburg. Etwa fünf Jahre später schlug meine kleine Lok die große aus Leipzig im Pokal. Es war eine der größten Sensationen. Nur vier Tage danach traten die Stars aus Leipzig gegen den SSC Neapel mit dem grandiosen Diego Maradona an. Diese Sternstunde brachte mich erstmals auf einen Zaun und ließ mein Fußballherz in Stendal. Ich blieb lange da, erlebte eine Fahrstuhlmannschaft zwischen Liga zwei und drei. Egal, ich fuhr hin mit Zug, mal auf dem Rücksitz eines Mopeds und später mit dem Auto. Auch wenn es für viele immer unverständlich ist, man kann zwei Vereine lieben. Parallel war ich St. Pauli Fan. 5.11.88 – es war ein Beitrag im ZDF Sportstudio…Die Mauer stand ja noch und Bundesliga, ach Bundesliga war das Unerreichbare, die Liga unserer Träume. So konnte ich eben zwei kleine Vereine, zwei mit geringer Spielkunst und viel Kraft anfeuern, mit ihnen leiden und mich ab und an freuen. Die Wahrscheinlichkeit, dass die beiden einmal aufeinander treffen könnten, war nicht berechenbar. Aber dann kam alles anders und die Wiedervereinigung brachte alles näher. Plötzlich hatte mein Heimatverein Stendal eine Mannschaft, eine Truppe voller Talent und Willen. Vorbei die Zeiten, wo die besten Spieler sofort nach Magdeburg gehen mussten. Wir waren stark und schafften die Qualifikation zur Liga 3. Da spielten wir ganz gut mit und nebenbei gewannen wir den Landespokal und waren damit qualifiziert für den DFB Pokal!!! Ein Traum. Wie hatten wir immer geschwärmt, wenn gelost wurde, wenn der Pott in Berlin hoch gehalten wurde. Wir waren dabei. Das erste Mal ging es furchtbar schief. Wir verloren gegen den fast vergessenen FSV Salmrohr. Aber dann 1995 – da sollte unsere Zeit kommen.

Unser Star war ganz klar der wuchtige aber recht lauffaule Rainer Wiedermann. Ein Stürmer, der einfach da war, wo es nötig war und einen unglaublich guten Schuss hatte. Er war und ist bekennender Schalke Fan und hoffte auf dieses Los. Es wurde aber der gute Zweitligist VfL Wolfsburg, damals mit noch weniger Fans in der Hinterhand als heute. An einem Augustnachmittag kamen höchstens 20 Leute mit aus der VW Stadt und die ist gerade mal etwa 70 km weg. Der Unterschied damals war immens, viel größer als heute zwischen Liga zwei und drei. Eine knappe Niederlage wäre akzeptabel dachte ich. Allein wir waren verdammt gut an dem Tag, grätschten und rannten. Ich hatte mit Siggi Reich mein Zielobjekt. Schön, wenn man bei 2.000 Zuschauern hörbar rufen kann. Ich schreibe mal nicht, was ich rief…

Wir gingen mit 1-1 in die Verlängerung und sollten etwas Einmaliges erleben. Kurz vor Ende wurde das Spiel abgebrochen – Dunkelheit! Nein, wir hatten kein Flutlicht und warum das Spiel dann so spät angesetzt wurde, dürfen sich viele einmal fragen. Besonders kurios, bereits ein Jahr zuvor wurde im Elfmeterschießen (!) ein Landespokalspiel gegen Magdeburg abgebrochen. Selbst ein LKW mit Standlicht hinter dem Tor half da nicht! Nun also gegen Wolfsburg wieder! Die Wiederholung fand an einem Mittwochnachmittag statt. Wieder war ich da, nervlich angespannt. Schaffen wir noch einmal so ein Spiel? Wieder ein Kampf und ein Spiel für die Ewigkeit. Alle Pokalklischees waren gebündelt in diesen 120 Minuten. David gegen Goliath. Ich war nicht so vermessen, zu glauben wir schlagen diese Mannschaft. Ich hoffte und bangte, ich schrie und verzweifelte. Das erste echt wichtige Elfmeterschießen für mich – live im Stadion. Vor uns wurde eine Reihe Sicherheitskräfte aufgebaut. Alle zehn Meter stand ein Muskelmann, nur bei meinem Kumpel und mir boten sie eine kleine Frau an. Zu uns rief noch einer, dass wir nicht rüber laufen sollten, sonst gäbe es Ärger. Wir hatten gar nicht die Absicht! Dann hielt unser Torwart der letzten Elfer, ausgerechnet vom Reich. Mir klickten die Synapsen durch, alle Sicherungen brannten durch. Ich rannte auf den Zaun, über den Zaun, über die kleine Frau hinweg und war einer der ersten in der Spielertraube. Ein Moment, der alles herausbrechen ließ. Tage später festgehalten in der Zeitung.

Wir trugen die Spieler auf Schulter, auf den Armen. Erst den kleinen Ungarn Topor, dann den Star. Rainer Wiedemann, getragen von fast zwanzig Mann, die nicht Herr der Sinne waren. Und Rainer rief: „Jungs, ich bring euch jetzt Schalke. Ich bring euch Schalke!“ Und wie entfesselt schrieen wir, wie nur verrückte Fans schreien können. „Ja, Rainer. Wir wollen Schalke. Rainer, Rainer….“. Ein einmaliger Moment meinten wir und hofften auf das große Los.

Und wurden enttäuscht. Wieder ein Zweitligist, diesmal Hertha BSC. Nun, wenigstens ein Name mit Klang mit großer Tradition und mit ein paar Fans mehr. An einem Septembernachmittag in der Woche waren es mehr Zuschauer, ein Hauch von Euphorie durchzog unsere Lande. Die Altmark, sonst ruhig und verschlossen, wurde nun vom Pokalfieber erwischt. Hertha? Ja klar, aber nicht besser als Wolfsburg. Da geht was! Wir lagen schnell zurück und doch traf dann „Fliesenleger“ Hofmann, ein herrliches Zitat aus dem regionalen Fernsehen. Wieder Verlängerung, wieder ein Drama. Wir standen etwas höher im Block und sahen einen langen Pass genau vor unseren Augen auf den alten und sehr langsamen Ronny Dau. Er war ein Hüne mit Vollbart und vielen Kilos und noch mehr Routine und Übersicht. War es Absicht? War es Zufall oder Kraftlosigkeit. Er schoss vom Strafraumeck einen ziemlich langsamen Ball. Selbiger trudelte und hüpfte vorbei am Torwart und dann hinein ins Tor. Gab es je einen überraschteren Jubel?! Ungläubig mit einem Lachen hüpfte selbst der letzte Opi im Block und es dauerte nur Sekunden bis es endlich passierte. Das ganze Stadion stimmte in unser „Berlin, Berlin. Wir fahren nach Berlin!“ ein.

Je näher das Ende umso weiter gingen wir an den Zaun. Ein letzter Konter. Rainer Wiedemann vom eigenen Strafraum führte sein Weg über das ganze Feld. Wir stiegen hoch auf den Zaun. Ein Schreien, ein Kreischen: „Rainer, mach ihn!“ Und Rainer lief mit letzter Kraft und es folgte ein „Jaaaa, Toooooooor!“ so heftig, das mir schwarz vor Augen wurde. Mit dem Abpfiff fiel das 3:2, aber egal. Wir waren weiter und ab ging es wieder auf den Rasen. Wieder trugen wir die Spieler davon. Alle waren schmutzig, alle strahlten. Und am Ende hielten wir Rainer wieder oben und was rief er? „Jungs, aber diesmal bring ich euch Schalke, ich bring euch Schalke!!!!“

Wie hat er sich eigentlich angefühlt, als das Los Waldhof Mannheim hieß? Wir waren bitter enttäuscht. Aber wir hatten auch Hoffnung. Wolfsburg, Hertha…wer ist Mannheim? Und es sollte ja wieder in der Woche gespielt werden. Erneut konnten wir im Aberglauben schweben und Tatsache, es wurde noch ein Tag wie für uns geschaffen. Die Führung der Waldhof Buben glich Rainer mit einem Freistoß aus 30m in den Dreiangel aus. Wahnsinn! Mario Basler der Regionalliga nannte ihn abends der Reporter. Tor des Monats – wir waren uns sicher. Er war später nicht mal in der Auswahl, daran änderte auch kein Protestbrief meines Freundes etwas. Zurück zum Spiel. Am Ende des typischen Pokalspiels stand es 2:2 und wieder ging es in die Verlängerung und am Ende sogar ins Elfmeterschießen. Muss ich mehr sagen als „den letzten hielt unser Torwart“?! Wir waren im Viertelfinale. Konnte uns einer halten? Nein. Die Tore gingen auf, wir strömten auf das Feld. Wieder trugen wir die Jungs wie Helden. Was waren das noch für Zeiten. Heute bist Du ein Taliban, ein Verbrecher. Damals waren wir glückliche Fans! Die meisten Spieler standen oben am Sprecherturm als wir immer noch Rainer zwischen uns trugen und ihm die Schulter bald zerschlugen. „Jetzt aber Schalke sag ich euch…jetzt Schalke!!!“

Wir trauerten wohl alle, als wir hörten, dass ausgerechnet Schalke ausgeschieden war. Der Traum zerplatzte. Es kam Leverkusen mit Bernd Schuster und Rudi Völler. Spieltag 31.10. – bei uns ein Feiertag. 10.000 Zuschauer waren vor Ort und ich? Ich fehlte. Bundeswehr in Hannover. Keine Chance auf Urlaub. Während alle in unserem Stadion am Hölzchen den größten Vereinstag erlebten, musste ich Wache halten im militärischen Schutzgebiet. Ich wartete auf „Rotland“ und innerlich ging ich kaputt. Handy? gab es nicht bei uns. Radio? Aber nicht beim Bund. Ich wusste rein gar nichts! Verzweifelt sah ich zumindest die letzten Minuten der Verlängerung und dann ein Elfmeterschießen, dessen Ende ohne mich nicht gut gehen konnte. Der junge Sven Bergen verschoss und Sergio traf…ich habe selten aus Trauer beim Fußball geweint, sehr selten. Aber an jenem Tag schon. Ich aß nichts mehr. Bis heute trauere ich diesem Tag nach.

Und Rainer? Er wurde bald Geschäftsführer von Lok Stendal. Die Finanzen gingen bergab, zu viele dachten, es muss noch besser werden. Aber einen großen Tag hatten wir noch. 1999 im März, da kam endlich sein Schalke 04. Es war nur ein Freundschaftsspiel, aber es bedeute ihm sehr viel und mir auch. Wir hatten doch einst diesen Traum. Er sagte mal vor einem Spiel, am Zaun, „gegen Schalke will ich noch spielen!“. An jenem Tag schaffte er es. Es war eine große Show rund um das Spiel, offiziell zum 50. Jahrestag des Vereins. Schalke kam mit vielen Euro-Helden. Sie alle verblassen für mich. An dem Tag verloren wir nur 0:1, doch es war der letzte große Auftritt. Noch einmal waren wir alle da. Rainer und seine Schalker – ein Pokaltraum wurde ein wenig wahr.

Heute ist mein Lok Stendal ein Verbandsligist, hat eine Insolvenz hinter sich. Hoffnung? Kaum. Mit dem Ende der Generation um Rainer Wiedemann ging auch ich. Warum? Kann man das immer genau sagen. Ich gucke heute noch, wie sie gespielt haben. Ich träume noch von Berlin. Das Stadion sieht anders aus und ich bin nur noch auf St. Pauli. Vielleicht war es eine Jugendliebe…aber die vergisst man ja nicht, heißt es. Lok bleibt tief im Herzen und eben Rainer und sein Schrei “Ich bring euch Schalke!“.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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2 Antworten zu “„Ich bring euch Schalke!“

  1. Wundervolle Geschichte.

  2. Soeben über diesen Bericht gestolpert…. Geile Sache…! Ich war damals selbst als „neutraler Beobachter“ bei beiden Spielen gegen Wolfsburg und gegen Mannheim im Stadion – und auch als „Neutraler“ (mein Verein war und ist Stahl Brandenburg) konnte ich mich sehr über die doch recht sensationellen Siege von Lok Stendal freuen. Und es stimmt schon… Der Fußball war damals ein anderer, als Fan hatte man noch Freiheiten, von denen man heute nur noch träumen kann… Schöne Zeiten, nur der Gedanke, dass das auch schon wieder 20 Jahre her ist, macht mir etwas Angst………

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