Das große Zittern

Ilona Caroli hat durch die „Gnade der frühen Geburt“ einiges in Sachen Fußball erlebt. Ihre Nachbarn in Oberhausen waren die Feldkamps und wenn der „Boss“ in Oberhausen in der Kneipe „Borchert“ auftauchte, liefen die Buschtrommeln heiß und mit anderen Kindern rannte sie sofort hin und lauschte, wenn der Boss „datt Tor” erzählte.

Aufregend war’s wenn sie als Zwerg Helmut Rahns Geschichten von der Weltmeisterschaft lauschte, noch aufregender war’s viele Jahre später im Mai, als es zusammen mit zigtausend Schalkern in die Lombardei ging. Und die Eintrittskarte noch fehlte.


Es gibt Feiern, für die braucht man keine Einladung. Das Finale im UEFA-Cup 1997 in Mailand war für mich ein solches Ereignis. Etwa 20.000 Schalker und Schalkerinnen waren in der lombardischen Metropole, einige davon – so wie ich – noch ohne Ticket. Mit Flugzeug und Bus angereist, versammelten wir uns am Mittag im Herzen der Stadt und legten die elegante Galleria Vittorio Emanuele II schlichtweg lahm. Die Akkustik unter dem Glasdach animierte uns zum Warmsingen für San Siro. Mehrere Stunden lang machten wir fahnenschwenkend den Fischer-Chören ernsthaft Konkurrenz.

Richtig genießen konnte ich diesen Zauber nicht, da ich zwischendurch immer wieder mein Schildchen mit „Suche Ticket“ hochhielt. Dann sah ich meinen Schalke-Kumpel Horsti freudestrahlend auf mich zurennen und mit Karten wedeln. „Ich hab zwei Karten, 200 Tacken [also DM] das Stück“, schrie er mit sich überschlagender Stimme. Was nun folgte, wünscht man seinem ärgsten Feind nicht.

Die Nerven schon zum Zerreissen gespannt, ging es zum Giuseppe-Meazza-Stadion. Die Schlange der Schalke-Fans
drängte sich durch die Eingangssperre. Ich war ziemlich am Ende der Traube. Und wie heißt es so schön? Den letzten beißen die Hunde. Alle anderen, die mit mir in der Gruppe angereist waren, kamen ohne Problem durch. Bei mir sagte der Ordner auf einmal: „Stopp! Die Karte ist gefälscht!“ Ein Höllenschlund tat sich auf, ich drohte hineinzustürzen. Das darf doch nicht wahr sein! Doch es blieb dabei: Ich durfte nicht rein.

Ein Albtraum, ganz abgesehen von dem „kleinen“ finanziellen Verlust. Das war der Weltuntergang. Mein Schalke spielt im UEFA-Cup-Finale, und ich steh draußen vor den Toren, hör’ die Gesänge, die Sprechchöre, hör’ die Fans aufstöhnen, schreien, jubeln. Was sollte ich tun?

Erst mal ab in eine Bar direkt neben dem Stadion, mit anderen Leidensgenossen, die nie eine Karte hatten, die Fernsehübertragung ansehen. Aber ich gab die Hoffnung nicht auf, doch noch hineinzukommen. Irgendwann während der Verlängerung hieß es auf einmal, jetzt würden alle reingelassen. Doch das erwies sich als Gerücht. Vielleicht waren aber auch meine schlechten Italienischkenntnisse schuld, oder ich hatte nur gehört, was ich hören wollte. Alles Flehen und Betteln half nichts. Erste Halbzeit, zweite Halbzeit, das Gegentor kurz vor Schluss, die Verlängerung – alles erlebte ich draussen.

Dann bin ich von Eingang zu Eingang gerannt und habe zum letzten Mittel gegriffen: Ich warf mich einem Ordner vor die Füße – und das hat ihn wohl gnädig gestimmt. Er nickte kurz mit dem Kopf und ließ mich rein. Der Lohn für meine Hartnäckigkeit: Elfmeterschießen live und das happyste Happy End von allen. Ich hab’ so gebrüllt vor Freude und Erleichterung, dass sogar ein paar Italiener ihre Traurigkeit vergaßen und mich freundschaftlich in den Arm nahmen.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Das große Zittern

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