Allein in Ostwestfalen?

Sebastian aus Hiddenhausen hatte in der Familie fast ausschließlich Köln-Fans, die Freunde waren Gladbacher, und trotzdem wurde er, u.a. dank seiner Tante, Schalker, sah jahrelang weit über 20 Spiele seiner Helden. Der Umzug vom Niederrhein nach Ostwestfalen machte das schwierig und geänderte Fanstrukturen, ins Unermessliche gestiegene Kartenpreise sorgten dafür, dass er inzwischen weitestgehend auf Fahrten zum Fußball verzichtet, sondern vielmehr mit Wehmut zurückblickt auf die „geile Zeit“ und die Masse an Erinnerungen.

Schalker sein in der Ferne, schwierig, aber auch wenn’s am Anfang so aussieht – allein ist man als Knappe eben doch nicht. Und schön ists sowieso.


Da war ich also nun angekommen in Ostwestfalen. Noch weiter weg von Gelsenkirchen als meine bisherige Heimat am Niederrhein. Die Tante, die mich bisher mit ins Parkstadion genommen hat ist nun auch weit weg. Ich verabschiedete mich also erst einmal für einige Zeit von Stadionbesuchen auf Schalke. Wie sollte das auch gehen!? Ich kannte hier niemanden, konnte mir anfangs gar nicht vorstellen, dass es im Umkreis andere viele blau-weiß Infizierte gibt (was sich zu späterer Zeit als völlige Fehleinschätzung darstellen sollte) – immerhin hat man mit Arminia Bielefeld doch einen Bundesligisten vor der Haustür. Als 13 Jähriger brauchte ich natürlich auch nicht drauf hoffen, dass meine Mutter mich alleine mit dem Zug in Richtung Ruhrgebiet fahren lässt. Ich fand mich also mich erst einmal damit ab, das Parkstadion lange Zeit nicht mehr während eines Spiels von innen zu sehen.

Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen, ich habe im Nachbarort einen Verein gefunden bei dem ich selbst Fußballspielen kann. Mittlerweile habe ich meine Mutter soweit gehabt, dass ich bei einem Samstagsspiel auch mal alleine nach Gelsenkirchen aufbrechen dürfte. Blöderweise begannen die Kreisfußballverbände B-Jugend-Spiele nun nicht mehr, wie vorher, Sonntagmorgens, sondern Samstagnachmittag. Als pflichtbewusster Spieler kam es für mich natürlich nie in Frage ein eigenes Spiel wegen Schalke abzusagen. An einem Donnerstagabend im Herbst 2000 bekamen wir nach dem Training vom Trainer die Info, dass unser für den kommenden Samstag geplantes Spiel ausfallen würde. In meinem Kopf macht es sofort *klick*: Schalke spielt Samstag zu Hause gegen die Frankfurter Eintracht. Geil geil geil…..endlich hast du wieder die Chance auf Schalke zu fahren. Schnell geduscht, aufs Fahrrad geschwungen und ab nach Hause, um Mutter weichzuklopfen, dass ich Samstag fahren darf. Sie zierte sich zehn Minuten lang, bis sie mich mit einem „ja“ erlöste. Ich war der glücklichste Mensch im ganzen Kreis Herford….ach was….ganz Deutschland.

Nun war Samstag – Spieltag. Mit Zugfahrten kannte ich mich mittlerweile zum Glück aus, fuhr ich doch regelmäßig mit dem Zug zu meinem Vater in die alte Heimat um ihn zu besuchen. Die Verbindung nach Gelsenkirchen hab ich natürlich schon seit dem Umzug nach Herford im Kopf. Ich saß nun also allein im Zug und vertrieb mir die Zeit mit Chips futtern und aus dem Fenster starren bis kurz hinter Gütersloh ein Mann (ca. Mitte 40) mit Schalke-Kutte und seinem Sohn sich auf die Plätze mir gegenüber hinsetzten. Er sprach mich natürlich sofort an, ob ich junger Bengel allein nach Schalke fahren würde. Ich erzählte ihm die ganze Story vom Umzug nach Herford bis jetzt. Seinen Sohn nahm er an diesem Tag das erste Mal mit auf Schalke ließ er mich wissen. Somit hatte ich mit Marko, 2 Jahre jünger als ich, natürlich ein Thema über das wir uns den Rest der Fahrt bis Gelsenkirchen unterhalten konnten. Ich war ihm ja schon einen Schritt voraus und konnte ihm alles aus „Jugendlichensicht“ erzählen und erklären. Da ich ja nunmal alleine unterwegs war beschloss Peter, Marcos Vater, dass wir den Tag über ja auch zusammen bleiben können. In Gelsenkirchen angekommen also erstmal zum Türken am Hauptbahnhof Eintrittskarten kaufen, danach in den Supermarkt etwas zu trinken holen und dann ganz schnell Richtung Stadion. Marko und ich wollten immerhin mit als erste in der Nordkurve sein um uns gute Plätze zu sichern. So verbrachten wir dann einen super Tag. Das Spiel wurde 4:0 gewonnen, inkl. Traumtor von Jörg Böhme. Zurück ging es natürlich auch zusammen. In Bielefeld stiegen die Beiden dann aus. Man sagte sich „auf Wiedersehen“ und das war’s. Ein schöner Tag, aber die beiden werde ich vermutlich nicht nochmal Wiedersehen. Dachte ich mir.

In der Winterpause bekamen wir bei der B-Jugend einen neuen Trainer, mit dem ich überhaupt nicht klar kam. Und das ging nicht nur mir so. Es passte einfach nicht. Als pubertierender Jugendlicher war ich natürlich sofort bockig und hatte ganz schnell keine Lust mehr Fußball zu spielen. Also meldete ich mich im Verein ab und holte mir, nach weiteren vielen Überzeugungsversuchen bei meiner Mutter, eine Rückrundendauerkarte auf Schalke – dass diese dann später auch ein Vorkaufsrecht für eine Dauerkarte in der Arena bedeutete war noch ein guter Nebeneffekt.

Erstes Heimspiel der Rückrunde zu dem ich fahren kann. Dieses Mal war ich allerdings nicht alleine. Sascha aus meiner Nebenklasse konnte ich überreden auch mal mitzukommen auf Schalke. Als ich während der Fahrt zum Klo ging, sah ich im nächsten Wagon eine größere Gruppe Schalker die zusammen standen. Sascha und ich beschlossen, uns dieser Gruppe mal einfach anzuschließen. Gemeinsam ist es eben viel schöner. Das habe ich ja erst bei meinem letzten Heimspielbesuch gelernt. Wir gingen also hin und wer war u.a. in dieser Gruppe: Peter und Marco. Die beiden vom Frankfurt-Spiel. Marco hat wohl seitdem kein Heimspiel mehr verpasst und die anderen 15-20 Leute haben die beiden auf ihren Fahrten kennengelernt. Die Leute kamen aus ganz Ostwestfalen….Minden, Porta Westfalica, Extertal, Bad Oeynhausen, Herford, Halle, Bielefeld, Gütersloh, etc…. Sascha und ich waren sofort in der Gruppe integriert, man traf sich nun zu jeden Heimspielfahrten im Zug. Immer und immer wieder die selben Leute. Über einige Jahre hinweg.

Es entstanden tolle Freundschaften. Mittlerweile ist man leider kaum noch in Kontakt, ein paar Gestalten sieht man immer noch sporadisch wenn man selbst dann mal bei einem Spiel ist. Geblieben ist aber die Erinnerung an eine super Truppe, mit der man immer riesigen Spaß hatte und die maßgeblich dazu beigetragen hat, dass ich das Schalkefansein so schätze, bis heute. Danke Jungs!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Allein in Ostwestfalen?

  1. Schöne Story! Typisch Schalke!

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