Echte Liebe

Walter Schauer lebt in München, hat aber trotzdem eine Dauerkarte für die Arena auf Schalke. Fürs Parkstadion brauchte er keine, “da war ja meistens Platz genuch”, sagt er.

Für den zweiten Band der „1904 Geschichten: Schalke is wie frisch verliebt“ schrieb er sozusagen die „Titelgeschichte“ und heute befasst er sich erneut mit diesem ewigen Thema – auch wenn der Anlass ein trauriger ist.


Gestern bin ich in einem sozialen Netzwerk auf eine Geschichte gestoßen, die mich wie viele andere sehr tief berührt. Ein kleiner Junge verstarb mit neun Jahren an einem Hirntumor und sein letzter innigster Wunsch ist das BVB-Emblem und der Schriftzug „ECHTE LIEBE“ auf seinem Grabstein….

Der kleine Junge kannte in seinem Leben vermutlich „nur“ die ECHTE LIEBE zu seinen Eltern, vielleicht zu seinen Geschwistern oder anderen nahen Verwandten…. und eben die ECHTE LIEBE zu seiner Borussia, die ihm Halt gab und Trost…. Über deren großartige Triumphe er sich freuen konnte, was ihn für Augenblicke alles andere vergessen ließ…. Es mag für Menschen, die für Fußball nicht viel übrig haben, befremdlich wirken…. Ein Stück weit wäre es auch durchaus zu verstehen, wenn die Friedhofsverwaltung einen „Präzedenzfall“ befürchtet und plötzlich jeder unter irgendwelchen Devotionalien seines Lieblingsvereins begraben werden will. Es laufen außerdem genügend Leute rum, die bekloppt genug wären, ein Grab zu schänden, weil ihnen das Vereinslogo nicht passt… Es mag noch mancherlei Gründe geben, warum die Verantwortlichen sich bislang weigern, dem Jungen bzw. seinen Hinterbliebenen seinen letzten Wunsch zu erfüllen, an die ich jetzt in meiner Gefühlswallung gerade nicht denke…..

Aber der Gott an den ich glaube, respektiert den letzten Wunsch eines kleinen Jungen, dem einfach keine Zeit blieb, eine andere ECHTE LIEBE kennenzulernen….

Ich selbst bin ein Schalker, dem in Lütgendortmund die ECHTE LIEBE begegnet ist. Wie ich meinen Engel kennengelernt habe, steht im Zweiten Band der „1904 Geschichten“. Fast drei Jahre waren wir ein Paar, davon auch die meiste Zeit verlobt. Etwa anderthalb Jahre wohnte ich bei ihr im beschaulichen Lütgendortmund, „mein LüDo“, das mir in dieser Zeit genauso ans Herz gewachsen ist wie diese Frau. Wenn ich aus der Wohnung zum Marktplatz ging, wo die Geschäfte alle sind, bin ich meistens quer über den Friedhof gegangen, der sich genau gegenüber vom Haus befindet. Samstags und Mittwochs ist immer Markt. Dort holte ich mir gerne Fisch, am liebsten Matjes. Den ich eine Zeit lang eigentlich gar nicht essen durfte meiner Gesundheit zu liebe. Auf den ich manchmal aber einfach nicht verzichten wollte und wenn mein Engel dann unvermeidlicherweise den Fisch und Zwiebelduft in die Nase bekam, stellte sie mich, zurecht natürlich, in die Schuhe.

Am Sonntag nach der verlorenen Meisterschaft 2007 hatte es mit einer Entzündung der Bauchspeicheldrüse angefangen. Pankreatitis tut ungefähr genauso weh wie Papadopoulos. Aus meinem geplanten zweiwöchigen Pfingsturlaub bei meiner Verlobten wurden andterhalb Jahre, die ich zuerst im Krankenhaus Lütgendortmund, danach in Hagen und zuletzt in Essen behandelt wurde. Einzelheiten meiner Krankengeschichte überlasse ich den Lesern von Arztromanen, damit will ich die Leser der „1904 Geschichten“ nicht unnötig belasten. Wichtig ist, dass mein Engel aus Dortmund und ihre gesamte Familie zu mir hielten, egal was auch kam. Auch ihre engsten Freunde. In der ganzen „Verbotenen Stadt“ wollte mir niemals Irgendjemand etwas Böses, im Gegenteil. Sie ließen sogar mein blau und weiß dekoriertes Auto in Frieden, ob es vor der Tür stand oder irgendwo in Dortmund geparkt wurde. Als ich einmal schon dachte, ich müsste es verschrotten lassen, wurde es von einem Mann, dem seine schmutziggraue BVB-Kappe auf dem Kopf festgewachsen schien, wieder liebevoll repariert. Er wurde ein guter Kumpel, mit dem ich gerne mal ein Bier getrunken hätte, was ich aber in jenen Tagen noch weniger durfte als Matjes essen. Er reparierte lange Jahre alle Autos in der Familie meines Engels. Bis er von einem auf den anderen Tag einfach nicht mehr in seiner eigenen Werkstatt auftauchte und nie wieder etwas von sich hören ließ.

Mein Engel ging mit mir durch dick und dünn, von einem Arzt zum anderen und durch alle Krankenhäuser. Sie unterstützte mich mit ihrem sehr fundierten medizinischen Wissen in einer Welt, die mir bis heute im Grunde völlig fremd blieb. Sie gab mir Kraft, sie gab mir Halt bis ihr selbst die Kräfte schwanden. Am 21. November 2009 kam ich von Schalke zurück nach Hause zu meinem Engel, nach dem Spiel gegen Hannover 96. Es war das 100. Bundesligaspiel des späteren Nationaltorwarts, der damals noch in unserem Tor stand und später nach München ging.
Es war für Hannover 96 das erste Spiel ohne Robert Enke, der sich elf Tage zuvor das Leben genommen hatte. Mein Engel saß auf dem Boden im Wohnzimmer und weinte bittere Tränen um unsere Liebe. In der Nacht auf den Sonntag beendeten wir unsere Beziehung.

Sie wird immer mein Engel bleiben, egal was auch passiert. Ihr Bauchgefühl war bemerkenswert oft richtig, wenn es um wichtige Entscheidungen ging. Wahrscheinlich hätten wir unsere Beziehung irgendwann einmal vor die Wand gefahren und wären im Bösen auseinandergegangen. Aber so verbindet uns eine tiefe, hoffentlich lebenslange, Freundschaft, die immer noch von Respekt und Zuneigung geprägt ist.

Wenn es einmal soweit ist, möchte ich gerne im Ruhrgebiet begraben werden und nicht in Bayern. Ohne es besonders eilig damit zu haben, aber nach allem, was mir in den letzten Jahren so widerfahren ist, denke ich eben darüber nach. Das wäre mein letzter Wunsch….

Auch wenn ich dort geboren wurde, aber mit Bayern verbindet mich nichts. Es hat mir mein Leben lang kein Glück gebracht und muss es auch längst nicht mehr. Meine Eltern haben immerhin in Herten geheiratet, bevor mein Vater meine Mutter endgültig in seine Heimat entführte. Er liebte seine Benediktenwand, auf der er schon als kleiner Junge herumgekraxelt ist. Vom Balkon meines Elternhauses konnte er sie jeden Tag sehen und bei günstiger Witterung fotografieren. Der Friedhof, auf dem mein Vater jetzt seit bald zwölf Jahren begraben liegt, ist zu Fuß keine zehn Minuten von meinem Elternhaus entfernt.

Ich liebe das Ruhrgebiet, dort fühle ich mich zuhause. Ich bin ein erwachsener Mann, der die ECHTE LIEBE kennenlernen durfte. Mit einem Mädchen aus dem Kohlenpott.

Mein halbes Leben, durchschnittlich alle zwei Jahre, hätte ich die Meisterschale auf dem Rathausbalkon in München sehen können. Ich weiß nicht, ob ich sie wenigstens ein einziges Mal in Gelsenkirchen sehen werde, aber….

Ich fühle mich seit langen Jahren mit der „Königin mit Schrammen im GEsicht“ verheiratet und wäre ihr gerne auch „später“ möglichst nahe. Es würde mir genügen, wenn mein Grabstein vielleicht ein bisschen bläulich schimmern würde. Vermutlich ist ein Platz auf dem neuen Schalke-Friedhof der entstehen soll, für mich nicht bezahlbar. Aber vielleicht gibt’s für mich ein anderes schönes Plätzchen irgendwo in der Nähe.

„There will be Peace in the Valley for me some day….“


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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5 Antworten zu “Echte Liebe

  1. was für eine geschichte, wie schön geschrieben. danke.

  2. Mensch Walter, wir haben uns doch kürzlich noch in der „Kenke“ in GE getroffen.
    Dort haben wir noch über Deinen ersten Beitrag aus 1904 GEschichten gesprochen, welcher deutlich „positiver“ war.
    Genau betrachtet ist aber auch diese Geschichte durchaus lebensbejahend.
    Die Liebe hat Dich zurück zu Deinen Wurzeln gebracht, Du bist Dir nun sicher, wo Du hingehörst!
    Als in Dortmund lebender Schalker-Fan kann ich vieles bestätigen!
    Ansonsten hoffe ich, dass Du die Pankreatitis und ihre Folgen überwunden hast!

    Auf ein Wiedersehen bei den Isarschalkern!

    Glückauf,
    Enatz

    • Moin, Enatz…. 🙂

      Das Wiedersehen bei den Isar-Schalkern gibbet wohl morgen…. Wie ich GEhört habe, wolltest Du uns zum CL-Quali-Finale besuchen kommen….

      Nachdem ich keine E-Mail-Adresse von Dir habe, schreibe ich jetzt einfach hier hinein…. und halte Dir morgen ’nen Platz frei…. Ich bin so gegen Ein Uhr im BürGErheim….

      Hoffe, Du liest das hier…. 😉

      Glückauf, SidgCdW

      Walter

  3. Eine sehr schöne und emotionale Geschichte.
    Gefällt mir! 🙂

    Liebe Grüße und Glückauf
    Markus

  4. Vielen Dank…. Mir lag manches sowieso schon länger auf der Seele und eigentlich auch auf den Fingerkuppen…. und nachdem ich von dieser Geschichte des kleinen Borussen und seinem Grabstein erfahren habe, brach es aus mir heraus….

    Jens Pascal hat nun seinen Grabstein…. und die Seele hoffentlich ihre Ruhe….

    Aber da draussen gibt es ganz bestimmt noch jede Menge „Jens Pascals“, gelb-schwarze oder blau-weiße….

    Wenn Ihr mich fragt, würde ich so viele wie möglich im nächsten Mai in ein „Fliegendes Klassenzimmer“ setzen…. mit „Schinkenbrote und Benzin“, wie es bei Erich Kästner heißt….

    Ein Revier-Derby am Samstag, den 25 Mai 2013 im Londoner Wembley-Stadion…. ein „Jens Pascal“-Finale oder sowas in der Art…. Das wäre mein Traum….

    Weit über 100 000 Menschen haben sich auf der Facebook-Seite von Jens Pascal eingeloggt…. Jeder nur 1 Euro….

    Glückauf, SidgCdW Walter

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