Zu naiv

Enrico Schalk ist seit ’91 Schalke-Fan, regelmäßig bei Heim- und Auswärtsspielen anzutreffen, schreibt schon eine Weile im Internet und für Schalke Unser – und veröffentlichte 2011 sein erstes Buch: „Seitenwechsel mitten im Spiel“, das von sich und Schalke handelt.

Irgendwann kommt für die meisten mal der Punkt, wo sie irgendwelche „romantischen“ Vorstellungen über den Fußball aufgeben müssen – aus den unterschiedlichsten Gründen. So auch hier..


In unseren Reihen gab es mal einen Spieler, auf den ich ganz große Stücke gehalten habe. Eigentlich war es ein eher Kleiner, einer der viel mehr bei den Amateuren spielte und nur ab und zu mal bei der Profimannschaft auftauchte. Ein echter Schalker Jung’, der in Gelsenkirchen geboren wurde, der hier lebte, einer der irgendwie zu uns gehörte. Einer, der zur Supporters Club-Familie gehörte, jedenfalls über dem Stammlokal, dem Café Central, in Gelsenkirchen wohnte. Sogar auf das Erotikposter im Schalke Unser hatte er es geschafft.

Im Oktober 1998 spielte unsere Profimannschaft in Herford in einem Freundschaftsspiel gegen den FC Twente aus Enschede. Als Eintrittskarten fungierten damals die Vordrucke vom Parkstadion – das legendär wie praktische 10,5 x 7,5 cm-Format, was in jede Brieftasche passte. Irgendwie war an meiner Eintrittskarte noch eine „Leerkarte“ dran – quasi eine Blankokarte mit Vermerk –, die ich irgendwie gut aufbewahrte. Er kam bei diesem Spiel auch zum Einsatz. Ich glaube zwar nicht von Beginn an, aber dafür hatte er gegen Ende des Spiels seinen großen Auftritt. Zum Schalker Sieg hatte er das 3:2 und das 4:2 beigetragen, was gleichzeitig auch den Endstand bedeutete.

Einige Wochen später spielten wir zu Hause gegen Mönchengladbach um Bundesligapunkte. Vor dem Spiel kehrte ich noch in das schottische Spezialitätenrestaurant am Hauptbahnhof ein. Und dann kam er. Ich habe ihn gleich erkannt, die anderen Blauen „natürlich“ nicht. Wir kamen ins Gespräch und ich berichtete von seinem Aufritt in Herford. Ich glaube, es hatte ihn gefreut. Am meisten hatte es mich allerdings gefreut, dass ich ihn um ein Autogramm gebeten hatte und die anderen Schalker hier nicht wussten, wer hier zu Gast war. Da diese Saison meine erste Dauerkartensaison war und ich mir am Bahnhof keine Eintrittskarten mehr zu kaufen brauchte, hatte ich leider kein Stück Papier für das Autogramm dabei. Moment, da war doch noch die „Leerkarte“ aus eben diesem Spiel in Herford. Und so kam ich dann doch noch zu einem Signum. Mich hatte das ziemlich stolz gemacht. Abschließend fragte ich, wie es denn mit seiner Karriere weitergehen würde – hier bei Schalke, bei den Amateuren und manchmal bei den Profis. Für immer werde er in Gelsenkirchen bleiben, der Schalker Jung’, und immer für Schalke 04 spielen. Das ist doch klar. Versprochen, sogar mit Handschlag. Für wahre Münze habe ich das gehalten. Natürlich.

Irgendwie ging es mit der Karriere dann doch nicht so gut weiter. Und dann hat er Schalke verlassen. Nach Essen zog es ihn. Nach Rot-Weiss. Da war ich dann enttäuscht, wie wahr. Der Schalker Jung’, der von uns, der immer für unseren FC Schalke spielen wollte, ging ausgerechnet nach Essen. Diese Geschichte hat mir dann gezeigt, dass das Wort nicht zählt, sondern nur das Geld. Oder eben die Aussicht auf Karriere. Aber ausgerechnet in Essen? Zugegeben, heute frage ich mich schon, wie naiv ich damals gewesen war. Ein Versprechen bleibt halt nur ein Versprechen. Nicht mehr und nicht weniger. Und Schalke ist halt irgendwie auch nur ein Arbeitgeber, den man nach belieben verlassen kann. Schade. Aber so ist die Realität.

Ach ja, noch heute steht auf der Karte fein lesbar der Name von Sascha Wolf geschrieben. Einer, den wohl nicht alle kennen werden. Aber mich hat er damals begeistert. Und enttäuscht. Mehr noch, die Augen geöffnet. Vielleicht war das aber auch ganz gut so. Denn Schalke bleibt eben immer Schalke – nur die elf auf den Rasen werden hin und wieder mal ausgetauscht. Du und ich – wir alle – bleiben. Und das ist gut so.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Zu naiv

  1. „im leben,im leben geht mancher Schuss daneben..nur einer nicht,nur einer nicht,der Schuss von Sascha Wolf!!!““
    Er hatte eine gute Saison auf schalke(Profis)und wurde mit dem Gesang oben gefeiert! Danach in ein mich gefallen und so schnell er kam,war er auch wieder weh

    Bwg

  2. Sascha Wolf – hatte der nicht bei uns die Nr. 33 ? – wurde ja bei uns damals von vielen Fans häufiger gefordert. Seine technischen Mängel waren aber zu dieser Zeit offensichtlich. Mein Friseur – RWE Fan – war seinerzeit ganz begeistert von ihm, als er danach dort spielte. Beim Feiern auf dem Zaun nach dem Spiel bei den Fans sei er immer der erste. Eine immerwährende Verbundenheit mit einem Verein kann man heute bei den Spielern nicht mehr erwarten, das gehört wohl in die Generation Seeler und Körbel.

  3. Ich glaube auch, er trug das Hemd mit der Nr. 33.

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