Kartenstress quer durch Europa

Marcel Rockemer kommt aus Bremen, wurde durch seinen Bruder zum Schalker und hatte aufgrund seiner späten Geburt und der weiten Anreise nur dreimal das Glück, ein Schalke-Spiel im Parkstadion zu erleben. Inzwischen freut er sich über eine schöne Regelmäßigkeit bei den Stadionbesuchen, aber es klappt zu seinem Bedauern nicht immer.

Das Revierderby steht vor der Tür, Karten sind klar, und dann kommt doch alles anders.


Am Anfang dieser Geschichte muss ich kurz erklären, dass es für mich als Schalker in Bremen nicht immer leicht ist, Karten für die Spiele unserer königsblauen Helden zu ergattern, und wenn man dann mal eins der heißbegehrten Tickets erhält, ist selbst ein „normaler“ Heimspieltag mit diversen, den auswärtigen Fans sicher bekannten, Strapazen verbunden (die Frage: wer kommt alles mit? die Frage: Zug oder Auto?, die Frage: wer fährt?, und dann natürlich noch die lange und meist feucht-fröhliche Anfahrt).

Umso begeisterter war ich natürlich, als ich 04 Tickets für das Derby in der verbotenen Stadt im September 2009 bekommen hatte! Ein kurzer Anruf bei den üblichen verdächtigen Schalke-Kumpels, die bei diesem Spiel natürlich nicht lange überlegten und mir die Karten sofort aus der Hand rissen.
Allerdings sollte in diesem Jahr auch der Sommerurlaub mit der Freundin nicht zu kurz kommen, sodass wir uns entschieden, in der Woche vor der „Mutter aller Mättsche“ noch an die Algarve zu fliegen und die letzten Sonnenstrahlen einzuheimsen. Die Urlaubsplanung geschah natürlich nicht ohne einen geschulten Blick auf den Spielplan, das Derby wollte ich unter keinen Umständen verpassen. Also eine Verbindung rausgesucht, bei der wir am Donnerstag vor dem Spiel wieder in heimischen Gefilden landen sollten, den Freitag noch als „Urlaubs-Auskling-Tag“ hintendran gehängt und samstags ab nach Lüdenscheid – Perfekt!
Der Urlaub war sehr schön, aber an den letzten Tagen vor dem Rückflug fing das gewohnte Kribbeln vor dem Derby schon an. Daher war der Abschied von Sonne, Strand und Erholung für mich auch relativ easy zu verkraften, das nächste Highlight stand ja quasi direkt vor der Tür.

Unsere Rückflugroute lautete Faro – Lissabon – Hamburg, ca. 4 Stunden sollte der Trip Richtung Heimat dauern. Aber schon bei der Ankunft am Flughafen in Faro bemerkten wir eine gewisse Unruhe und viele hektisch umherlaufende Menschen. Der Grund dafür war ein Fluglotstenstreik der portugiesischen Airline TAP, der uns relativ schnell Gewissheit darüber brachte, dass vor Samstag keine Flieger mehr abheben würden! Reichlich geschockt versuchten wir, an einem der Schalter des winzigen Flughafens nähere Informationen zur Situation zu bekommen. Das einzige, was wir jedoch erfuhren, war, dass uns ein Shuttle-Bus nach Lissabon bringen könnte und wir dort dann unser Glück versuchen sollten. Tolle Wurst – aber in Lissabon sahen wir tatsächlich größere Chancen auf eine Weiterreise, also ab in den Bus und Daumen drücken!

Doch auch in der Hauptstadt Portugals war nichts zu machen, und auch über andere Fluggesellschaften oder Umbuchungen bestand keine vernünftige Möglichkeit, früher nach Deutschland zurückzukommen. So blieb uns nur die bittere Entscheidung, ein Hotel für zwei Nächte zu nehmen oder am Flughafen zu pennen. Wir wählten die Variante „Flughafen“ und schlugen unser Nachtlager auf – im Nachhinein eine ganz witzige Erfahrung, in dem Moment hätte mich besser niemand darauf ansprechen sollen. Mir wurde so langsam bewusst, dass das Derby in diesem Jahr wohl ohne mich stattfinden wird. So weit – so sch…e!

Am nächsten Morgen dann das nächste, weitaus schwerwiegendere Problem. Die Derby-Karten lagen in unserer Wohnung, und unser Wohnungsschlüssel lag bei Bekannten in Hamburg, bei denen wir vor dem Hinflug unser Auto abgestellt hatten. Wie also sollten meine Wegbegleiter an ihre Karten kommen…? Entsetzen machte sich breit, in Portugal und bei den (geplanten) Mitfahrern aus Bremen.

Nachdem alle Wege, Möglichkeiten und Bemühungen ausgelotet waren, zwei Dutzend Telefonate geführt und diverse SMS geschickt wurden und mein Handy-Akku schon auf dem letzten Loch pfiff, hatten wir einen Plan ausgetüftelt, der zumindest den Hauch einer Chance auf ein positives Ende ließ und der aus der jetzigen Rückbetrachtung einfach unbeschreiblich genial war 😉

– Ein Kumpel des einen Derby-Mitfahrers studiert in Hamburg und wollte am Freitag Abend ohnehin zurück nach Bremen fahren
– Unsere Bekannten nehmen den Wohnungsschlüssel vom Schlüsselbund und bringen diesen zu der (aus Portugal organisierten) Schlüsselübergabe an einem S-Bahnhof in Hamburg – jeder Geheimagent wäre vor Neid erblasst!
– Der Kumpel bringt den Schlüssel mit nach Bremen und gibt ihn am Freitag Abend bei dem Mitfahrer ab
– Der fährt am nächsten Morgen (also am Samstag, dem Derby-Tag) zu meiner Wohnung, trifft sich dort mit den restlichen Derby-Fahrern und holt die Karten
– Den Schlüssel übergibt er anschließend an meinen Bruder, den ich (wie gesagt, alles aus Portugal organisiert!) ebenfalls zum vereinbarten Treffpunkt an meiner Wohnung bestelle
– Die Derby-Fahrer starten überglücklich und in Besitz der Karten Richtung verbotene Stadt
– Mein Bruder nimmt den Schlüssel mit zu sich und wir holen diesen dann nach unserer Rückkehr bei ihm ab, damit auch wir wieder in unsere Wohnung hineinkommen würden

Was soll ich sagen: die einzige Sache, die mich noch mehr verblüffte, als die, dass mir dieser drehbuchreife Plan am anderen Ende Europas und bei dem sonstigen vorhandenen Stress überhaupt eingefallen ist, war die, dass das Ganze tatsächlich auch noch funktionierte!

Die drei Jungs waren rechtzeitig im Stadion, ich wurde von einem der drei Glücklichen auf der Rückfahrt vom Hamburger Flughafen nach Bremen per Handy über den 1:0-Führungstreffer (den gleichzeitigen Siegtreffer) durch Jefferson Farfan informiert, und sah sogar die letzten Minuten des Spiels dann noch bei meinem Bruder auf Sky! Wir zitterten uns und die Mannschaft gemeinsam zum Sieg und waren nur noch glücklich mit uns und der Welt!

Dieses Derby vom 26. September 2009 werde ich niemals vergessen, obwohl (oder gerade weil) ich nicht einmal dabei gewesen bin. Meinen persönlichen „Derby-Sieg“ feierte ich schon in den Stunden davor.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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