Im tiefsten Herzen sind wir alle Schalker – Limited

“Oberschuir“ hat ganz vage Erinnerungen an ein Spiel in der Glückaufkampfbahn im Jahre 1941, das womöglich den Anfangspunkt seiner unzähligen Besuche von Schalker Spielen darstellt. Und selbst lief er auch mal im wunderbaren Königsblau auf den Platz, als Halblinker mit der fünften Schülermannschaft gegen die sechste. Das waren noch Zeiten!

Nach Ende der letzten Saison, da ging es ihm richtig gut mit seinem Schalke, doch dann kam’s zu einer erschütternden Begegnung…


Es war ein schönes Wochenende, sogar ein richtig schönes, das vorletzte der Saison 2011/2012. Wir schlugen die Herthaner aus Berlin 4-0. Die Augsburger taten uns den Gefallen und holten in Gladbach einen für mich unerwarteten Punkt, was bedeutete, dass uns die Teilnahme an der ChampionsLeague nicht mehr genommen werden konnte. Unser Señor Raúl hat wie auf Bestellung zum Abschied sein Tor geschossen. Und wir haben ihn gebührend verabschiedet, ihn, seine vier Jungen und seine kleine Tochter. Er war gerührt, wir waren gerührt, ich sowieso. Ich war ein wenig traurig, ich hätte gerne gesehen, wenn unser Manager ihm noch einen Zehnjahresvertrag gegeben hätte. Aber bei einer im Stadion still weggewischten Träne habe ich gespürt, dass es der richtige Moment für die Verabschiedung war. Wer weiß, wie unsere ungeduldigen Fans reagiert hätten, wenn es mal nicht so gut geklappt hätte? So haben wir Fans Raúl in guter Erinnerung, werden ihn nie vergessen, können unseren Enkelkindern von ihm erzählen, und auch er wird uns Schalker sicher nie vergessen. Raúl hat uns zwei wunderschöne Jahre geschenkt, wir ihm allerdings auch. Das spürte ich, und den Fans um mich herum ging es wohl ebenso. Ich sah nur pures Glück und Freude, allerdings gemischt mit leichter Wehmut. Aber der Moment war, wie gesagt, ganz einfach der richtige.

Es gab zwar noch einen Bundesligaspieltag, aber dennoch war die Saison so gut wie beendet: Dritter Platz, bisher 71 tolle Tore, zwar auch 42 hereinbekommen. Aber was kümmert das einen Fußballfan bei solch einem Gesamtergebnis? Ich war immer optimistisch, in meinem gesamten Leben, aber mit diesem Saisonausklang hätte ich vor ungefähr neun Monaten nie gerechnet. Es fing so erschreckend an, 0:3 in Stuttgart, letzter Platz, viele Aufs und Abs, und aus dem von mir erwarteten vielleicht sechsten oder siebten Platz wurde der dritte, neun Monate später. War es eine leichte, war es eine schwere Geburt? Ich entschied mich dafür, dass es eine gute Geburt war. Das sollte jedoch nicht meine letzte Entscheidung an diesem Wochenende bleiben.

Wie schon bemerkt, es war ein schönes Wochenende, sogar ein sehr schönes. Und in dieser Stimmung fuhr ich am folgenden Sonntagmorgen zur Arena hoch. Unsere Jugend war angesagt, genauer, unsere C-Jugend, die gegen den Erzrivalen aus Dortmund spielte, der Tabellendritte gegen den Tabellenzweiten. Und nach 3 Minuten schoss unser Esad Morina bereits das Führungstor. „Na!“, dachte ich, „das passt!“ Meine gute Laune stieg. Sie hielt auch noch an, als ich vorsichtig von hinten von der Gattin des Inbegriffs eines Schalkers angetippt wurde. Mit den beiden wanderte ich einige Meter weiter, weil ohnehin in meiner Nähe zu viele BVB-Fans standen, die mich mit ihrem ständigen „Weiter, weiter!“, „Auf geht’s!“, „Foul!“ usw. nervten. Dortmunder eben! Wir kamen in die Schalker Zone, wo jedoch meine gute Laune schlagartig völlig zerstört wurde.

Ein weiblicher Schalkefan, der, wie ich beim Zuhören erkannte, wohl sehr engagiert ist, eine richtige Insiderin, nicht nur wie ich einfacher Zuschauer, berichtete, dass sie sich am Tag vorher in der Arena noch nie so weit entfernt von der Mannschaft, von Schalke, von allem entfernt gefühlt hätte wie jemals zuvor. Ich, dem es genau andersherum gegangen war, fühlte mich wie vom Blitz getroffen. Für mich waren wir im Stadion, und das glaubte ich auch noch an diesem Sonntagmorgen zu spüren, alle eine Familie, mal von den Herthanern abgesehen. Ich hatte noch die Freude, die Rührung und das alles, was zu so einem schönen Fußballtag gehört, in Erinnerung. Und jetzt das! Unter anderem wurde das Problem mit der zahlenmäßigen Limitierung der zum Abschied herausgegebenen Raúl-Shirts besprochen. Problem? Und ich Ahnungsloser bin noch einen Tag vorher frühmorgens zur Arena hochgefahren und habe vier von diesen T-Shirts gekauft, eines für mich, zwei für meine Enkel und ein weiteres für eine gute spanische Bekannte, für Anna, gebürtig in Madrid. Ich habe das Problem nicht erkannt, ich habe diese T-Shirts ganz einfach, ohne irgendetwas zu hinterfragen, gekauft. Jetzt allerdings – wie gesagt, ich habe das Problem nicht erkannt – frage ich mich, ob mich die Schalker Marketingabteilung mit der Limitierung bewusst gezwungen hat, diese Hemden zu kaufen, oder ob ich aus freiem Willen vor allem meinen Enkeln eine Freude machen wollte, sie auf diese Weise auch für die Zeit, wenn es mich nicht mehr gibt, an meinen Verein binden wollte. Meine Frau fragte mich zwar vorher, bei welcher Gelegenheit ich selbst denn eigentlich dieses Raúl-Shirt anziehen wolle, ohne dass ich eine Antwort gab. Und bei der Erzählung dieses weiblichen Schalkefans fiel mir brühwarm ein, dass ich beinahe auch an diesem Sonntagmorgen das Raúlhemd angezogen hätte. Ich sah, wie beim Spiel gegen Hertha, viele Fans mit diesem Hemd. War ich einem Massenwahn erlegen? Ich fühlte mich richtig schlecht, und instinktiv zog ich den Reißverschluss meines Anoraks hoch, obwohl das Hemd zu Hause schön ordentlich auf dem Bügel hing.

Und dann deutete dieser mit offensichtlich viel Insiderwissen ausgestattete weibliche Schalkefan alles das an, was, so sagte sie, in unserer Jugend so liefe. Sie meinte sicherlich keine positiven Dinge. Das warf mich dann endgültig um. Eine weitere Illusion wurde zerstört. Mir selbst fiel nämlich im Zusammenhang mit unseren Jugendmannschaften nur Positives ein. Unsere U19 stand als Tabellenführer fast sicher in der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft (die sie bald darauf tatsächlich erringen würde), unsere U17 stand an zweiter Stelle und die U15, deren Spiel gegen die Borussen ich gerade sah, war guter Dritter und führte zudem noch. So gute Jugendjahrgänge hatte ich lange nicht gesehen. Was gab es, was negativ war und ich nicht wusste?

Ich entfernte mich ein wenig von der Trägerin der kritischen Gedanken und musste mit ansehen, wie die Dortmunder C-Jugend in der letzten Minute in einem Spiel, das aufgrund der klaren Torchancen eigentlich hätte 7:1 stehen müssen, das 2:2 machten. Das jedoch warf mich nicht so um wie der anscheinend völlig falsche Eindruck, den ich von diesem Fußballwochenende hatte. Vielleicht hatte ich auch nur scheinbar den falschen Eindruck. Total verunsichert fuhr ich die wenigen Kilometer von der Arena nach Hause und dachte noch lange über meine Unbedarftheit nach, in der ich nichts hinterfragte, in der ich alles zu rosig sah, obwohl doch hinter allem vielleicht dunkle Machenschaften standen.

Zum Abschluss des eigentlich doch sehr schönen Wochenendes saß ich dann im Raúlshirt auf dem Balkon, kämpfte mit meinen Selbstzweifeln und habe dann, nach langem Nachdenken und zwei Gläsern eines guten französischen Rotweins, blauen gibt es ja nicht, für mich eine folgenschwere, immer für unmöglich gehaltene Entscheidung gefällt: Ich will limitiert bleiben. Wissen kann belasten, Ahnungslosigkeit muss nicht schlecht sein. Ich bleibe besser der ganz einfache Outsider, der sich, unbelastet von zu großem Wissen, auch unbelastet von 4-2-4 oder 4-4-2 und Doppelsechsern ganz einfach über Siege freut. Ich glaube, auf diese Weise kann ich mein Leben, zu dem wesentlich auch Schalke 04 gehört, besser genießen. Die immer wieder vorkommenden Niederlagen reichen mir nämlich als Niederschläge. Andererseits, wenn ich an die Zeit unter Magath denke, dann ….. Nein, ich habe mich jetzt entschieden.

Aber vielleicht muss es auch die anderen Schalkefans geben. Verzeihe mir, Du Insiderin, schon allein deshalb, weil Du den gleichen Vornamen wie eine meiner Töchter trägst.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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