Parkstadion

Andreas Schmitz war schon 1977 mit Schalke in Europa unterwegs.

Die Reise nach Magdeburg schildert er bereits in einer früheren Geschichte, heute erzählt er ein bisschen von der Historie des Parkstadions.


Nach nur 28 Jahren Spielbetrieb und zuletzt drei Jahren des schleichenden Verfalls kam im Jahre 2004 das endgültige Aus für das ungeliebte Bauwerk Parkstadion. Der Besitzer, der FC Schalke 04, der die marode Immobilie von der Stadt Gelsenkirchen übernommen hatte, wollte noch vor der WM den Rest der Haupttribüne abreißen lassen. Die große, massige Haupttribüne war es doch eigentlich, die dem Stadion eine gewisse Identität verlieh. Als sie nicht mehr da war, erinnerten nur noch die Erdwälle mit den verfallenden Betonstufen und verblassenden Sitzbänken daran, dass an diesem Platz der Fußball recht emotional gelebt wurde.

Mit dem Zuschlag als Austragungsort der WM 74 begann die Geschichte des Parkstadions. Damit wurde ein langer Plan verwirklicht, in Gelsenkirchen ein Großstadion zu errichten. Die Architekten planten das Stadion als Erdwalllösung, bei dem auf dem ursprünglich flachen Gelände mit Abraumgestein (Waschberge) aus dem Bergbau die erforderliche Topografie neu modelliert wurde. Die ursprüngliche Planung sah für die Haupttribüne eine Zeltüberdachung nach dem Vorbild des Münchner Olympiastadions vor, die Ausführung scheiterte jedoch an den Kosten und musste einer herkömmlichen Lösung weichen, insgesamt kostete das Stadion dennoch 56 Mill. DM.

Die Namenswahl des Parkstadions war Ergebnis eines Wettbewerbs und sollte Ausdruck für die von den Stadtvätern angestrebte Entwicklung des Brachlandes zu einem Sport- und Landschaftspark sein. Ob dieses Ziel je erreicht wurde, ist zumindest fraglich. Als größtes Manko des neuen Stadions erwies sich schnell die Laufbahn, die Ergebnis der damaligen Praxis Bedingung für die öffentliche Förderung des Stadions war. Nachträglich erwies sich diese Planung als Lachnummer. Lediglich zwei deutsche Leichtathletik-Meisterschaften und ein Länderkampf gegen die USA waren die einzigen Veranstaltungen, die in 28 Jahren diese Laufbahn an dieser Stelle notwendig machten.

Es war ein unbequemes Stadion: Es zog wie Hechtsuppe. Wenn es regnete, kam das Wasser aus allen Richtungen und nur wenn das Stadion voll war, kam eine dichte Stimmung auf und verpuffte nicht im weiten Himmel über dem Platz.

Der erste große Höhepunkt war die WM 74. Die Vorrundenspiele liefen unter mäßiger Resonanz des Publikums ab, die Zwischenrunde unter Beteiligung des DFB-Teams sollte der große Auftritt werden. Allerdings hatte niemand mit der Pleite von Hamburg, der Niederlage gegen die DDR gerechnet. So kam es zu „Geisterspielen“ im Parkstadion, die offiziell ausverkauft waren, aber vor deutlich weniger Zuschauern gespielt wurden.

Für einige Länderspiele sowie zweimal für das DFB-Pokalfinale war das Parkstadion Schauplatz. Es sah das vielleicht legendärste Pokalspiel aller Zeiten, 1984 zwischen dem Zweitligisten Schalke 04 und dem FC Bayern. 6:6 hieß es nach nervenzerfetzenden 120 Minuten vor den 70.000, der Stern des damalig 17-jährigen Olaf Thon ging auf. 1988 wurde das Parkstadion als Austragungsort für zwei EM-Spiele auserkoren. Aus heutiger Sicht mutet die damalige Bevorzugung des Parkstadions gegenüber dem Westfalenstadion in Dortmund recht witzig an. Das Parkstadion habe durch die Laufbahn eine höhere Sicherheitsreserve, hieß es beim OK. In den 80ern und frühen 90ern machte das Parkstadion noch eine ansehnliche Karriere als „Konzerthaus“. Einige bedeutende Künstler wie Michael Jackson, Westernhagen, Genesis, die Stones und auch Maffay gaben Konzerte im Berger Feld. Für die größte Besucherzahl im Oval in 28 Jahren sorgte allerdings Papst Johannes-Paul II., der vor über 80.000 Gläubigen eine Messe anlässlich eines Deutschland-Besuches abhielt.

Beim baulichen Zustand ging es mit dem Parkstadion allerdings – im wahrsten Sinne des Wortes – bergab. Der Grund unter dem Stadion war bzw. ist durch den Bergbau löchrig wie ein Schweizer Käse, Bergsenkungen fügten ihm schwere Schäden zu. Offen trat zu Tage, wie Betonsegmente untereinander massiv verschoben waren. Als erste Pläne für die WM-Bewerbung diskutiert wurden, lautete das Urteil von Wolfgang Niersbach vom DFB über das Parkstadion: „Da hilft nur noch die Abrissbirne!“

Nach dem überraschenden 3. Platz der Hausherrn in der Saison 95/96 sollte das Parkstadion auf seine alten Tage noch einmal Spiele erleben, auf die es wohl kaum noch gehofft hatte. Längst war seine Abdankung in der Planung, eine neue Arena sollte nur einen Steinwurf entfernt entstehen, als der sensationelle UEFA-Cup-Sieg zu feiern war. Hier holte die marodierende Betonschüssel noch mal das Letzte aus sich raus, „steht auf, wenn ihr Schalker seid“ feierte in einem Bundesligastadion beim Halbfinale gegen Teneriffa seine Premiere. Spanisch sicherlich nicht korrekt wurden die Gäste mit „Hasta la vista, Schalke Finalista“ von den über 56.000 verabschiedet.

1998 war dann das Ende des Parkstadions besiegelt, der Bau der Arena wurde begonnen. Das tragische Ende des Stadions passte eigentlich zum seinem gesamten „Leben“, die berühmte „Vier-Minuten-Meisterschaft“ vom 19. Mai 2001, bei der die Schale schon so gut wie sicher auf ihrer Ehrenrunde war, wurde zur Sportgeschichte.

Nicht zuletzt durch die erwähnten Höhepunkte wird es dennoch in Erinnerung bleiben. Niemand wird aber wirklich traurig sein, denn das Parkstadion umgab die Aura einer Bausünde. Bausünden, die so typisch für die 70er Jahre waren. Eine olle Betonschüssel eben.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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