Herzschmerz

„Oberschuir“ hat ganz vage Erinnerungen an ein Spiel in der Glückaufkampfbahn im Jahre 1941, das womöglich den Anfangspunkt seiner unzähligen Besuche von Schalker Spielen darstellt. Und selbst lief er auch mal im wunderbaren Königsblau auf den Platz, als Halblinker mit der fünften Schülermannschaft gegen die sechste. Das waren noch Zeiten!

Wie schnell sich die Dinge ändern können, das musste er in diesen Tagen erst erfahren – eine aktuelle, besorgniserregende, aber auch Hoffnung machende Geschichte.


Es gab schon schönere Tage als die im Mai 2012, obwohl der Monat, zumindest aus sportlicher Sicht, eigentlich gut anfing: Meine Schalker schafften aus eigener Kraft die von mir nicht möglich gehaltene Qualifikation zur ChampionsLeague, und die Saison wurde mit einem schönen Sieg in Bremen abgeschlossen. Was kümmerte mich die Meisterschaft der Dortmunder? Nichts, zumindest nicht an jenem letzten Samstag der Saison.

Aber ich hatte deren Meisterschaft nur verdrängt, und das nicht einmal gut. Das merkte ich erst am Sonntag. Das Übel brach über mich herein, ein Ausweichen war kaum möglich. Welchen Sender man auch einstellte: Dortmund! Liveübertragungen vom Autocorso durch Dortmund, Empfang im Rathaus, Interviews mit ehemaligen Spielern, der Oberbürgermeister sowieso, und als Höchststrafe kam ich auch an deren Stadionsprecher nicht vorbei, und, wie gesagt, das quer durch alle Sender: ARD und ZDF, die die wichtigen Weltereignisse völlig außer acht ließen, die nur mit kurzen Berichten über den Wahlsonntag in Nordrhein-Westfalen das Einerlei unterbrachen, der Haussender WDR, vermutlich auch ARTE. Ich habe es nicht kontrolliert, aber wahrscheinlich ist sogar die sonntägliche Gottesdienstübertragung ausgefallen. Falls nicht, dann kam sie bestimmt aus Dortmund. Und am Montag ging es so weiter. Unsere Lokalzeitung musste ihre Pflicht erfüllen, denn die Dortmunder Meisterschaft war ja wichtig für die gesamte Region. Das gesamte Ruhrgebiet, vor allem westlich von Dortmund, war ja stolz auf die Mannschaft.

Ich schreibe das hier so locker. Aber am Montagnachmittag holte mich mein Schicksal ein. Mein Schicksal, beschrieben mit dürren Worten, sah so aus: Herzinfarkt, mit Blaulicht ins Gelsenkirchener Marienhospital, am Dienstag mit eben diesem Licht in das Evangelische und Johanniter Hospital nach Duisburg zu dem berühmten Herzspezialisten Prof. Körfer, am Mittwoch 04-fache Bypass-Operation. Der Professor und der liebe Gott ließen mich überleben. Klar, sonst könnte ich jetzt nicht schreiben.

Eben war ich ein wenig ungerecht. Die Dortmunder Borussen hatten nichts, rein garnichts mit meinem Herzinfarkt zu tun. Schuld war ganz einfach mein eigener Körper, der mein Herz nicht mit genügend Sauerstoff versorgte. Und jetzt warteten wir, mein türkischer Bettnachbar Sankaya und ich, gespannt auf die erste Visite des großen Professors. Er betrat, begleitet von seiner Ärztemannschaft, unser Krankenzimmer, warf einen kurzen Blick auf die neben mir liegende Sportzeitung und meinte: „Ein bisschen viel gelb!“ Verdattert nickte ich, worauf mein Bettnachbar meinte, er sei für alle einheimischen Mannschaften, vor allem für die Dortmunder. Der berühmte Professor konterte: „Es gibt nur eine Borussia!“, wobei er die Mönchengladbacher meinte, und in alter Schalker Manier vollendete ich:“ …. und das ist die Tennis Borussia.“ Wir drei schauten uns an und lachten los. Wo gibt es das, der berühmte Herzspezialist und wir zwei armen Würstchen in den Betten befanden uns für einen winzigen Moment auf einer Ebene. Was der Fußball möglich macht, wenn die gesunde Fanfreundschaft mit einem Schuss Augenzwinkern gepaart wird! Er hat es möglich gemacht, dass ich mit zwei Borussen gelacht habe. Mit dem Gladbacher, der die fast wahre Borussia vertrat, das war kein Problem. Aber mit dem anderen, das erkannte ich kurz danach zwar nicht unbedingt als Problem, aber hielt es doch für einen Schwächeanfall, den ich nach kurzem Nachdenken als einen hoffentlich vorübergehenden einordnete.

Die nächsten Tage gingen vorüber, mein Gesundheitszustand stabilisierte sich, und die Tatsache, dass die Fußballsaison mit ihren vielen Aufregungen vorüber war, trug sicher dazu bei. Die Fußballsaison vorüber? Na ja, das Pokalendspiel der Dortmunder gegen die Bayern stand ja noch aus. Aber für mich gab es dieses Spiel nicht. Jedem, der es hören wollte, auch jedem, der es nicht hören wollte, hatte ich schon Wochen vorher gesagt, dass ich es mir nicht ansehen wolle: Spiele, in denen ich gegen beide bin, waren für mich wie verlorene Zeit, sagte ich.

Der folgende Samstag kam, irgendein x-beliebiger Samstag für mich, dachte ich. Doch am Samstagabend stellte mein türkischer Bettnachbar Sankaya den Fernseher an ….. und verließ aus für mich nicht erkenntlichen Gründen unser Krankenzimmer. Was lief? Ihr habt es erraten. Der Vorbericht zum Pokalendspiel war schon in vollem Gange. Ich konnte nicht ausweichen. Die Fernbedienung lag in unerreichbarer Ferne, aufstehen durfte ich nicht. Ich schloss meine Augen, was jedoch auf den Fernsehton keinen Einfluss hatte. Ich versuchte, mir die Bettdecke über den Kopf zu ziehen. Das ließ ich jedoch wegen meiner Atembeschwerden schnell wieder sein. Lange Rede kurzer Sinn, ich musste mir das Spiel ansehen, zuerst teilnahmslos, dann mit zunehmendem Interesse. Und am Ende erwischte ich mich dabei, das gute Spiel und den Sieg unserer ungeliebten Dortmunder Nachbarn anzuerkennen, und das kostete mich nicht einmal große Überwindung. Dennoch, leicht verwirrt war ich schon wegen meiner seltsamen Gefühlswallungen in den letzten Tagen, was den Fußball anging.

Und es sollte noch dicker kommen. Ein paar Tage später spielten die Bayern im CL-Finale gegen Chelsea, ein Spiel, das für mich wieder interessant war, weil ich Partei ergreifen konnte, selbstverständlich für Chelsea und gegen die Bayern. Der Ausgang des Spieles hatte für mich mancherlei Gutes und mancherlei Schlechtes. Zunächst das Gute: Der richtige Verein hat gewonnen, also Chelsea. Und mein erneuertes Herz hat die vielen Aufs und Abs gut überstanden. Das Schlechte: Ich fühlte mich so ein wenig als vaterlandsloser Geselle. Nachdem nämlich Drogba den entscheidenden Elfer versenkt hatte, schallte mein Jubelschrei als einziger über den langen Gang der Duisburger Herzklinik. Und noch etwas Schlechtes muss ich erwähnen. Ich traue mich kaum, es zu schreiben. Als die Kamera die Bilder der im wahrsten Sinne des Wortes am Boden zerstörten Bayernspieler einfing, war mein erster Gedanke: Das schadet denen nichts, wie oft haben sie schon unsere Schalker Hoffnungen im letzten Moment zerstört. Aber dann, ich weiß immer noch nicht, wie der Gedanke aufkam, taten sie mir leid, der intrigante Lahm, der Fallkünstler Robben, sogar Manuel Neuer, der seit einem Jahr mit dem schweren Los leben musste, nicht mehr meine Zuneigung zu haben. Alle diese Unsympathen taten mir leid.

Und jetzt überlege ich, was in mir passiert ist. Hat der berühmte Herzspezialist nicht nur mein Schalker Herz gerettet, sondern vielleicht auch noch ein wenig manipuliert? Glaube ich nicht. Eher wird es so sein, dass sich die Prioritäten doch mehr, als man glaubt, verschieben, wenn man dem Tod im letzten Moment von der Schüppe gehüpft ist. Die Liebe zu Schalke bleibt, und was den sportlichen Rest angeht, wird man insgesamt etwas milder gestimmt. So wird es sein.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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4 Antworten zu “Herzschmerz

  1. Nun, vielleicht ist bei Dir wirklich die angeschlagene Gesundheit, die Dich mit den Bayern mitfühlen lässt. Bei den Bildern nach dem CL-Finale sah ich mich wieder 2001 auf der Haupttribüne im Parkstadion sitzen und ersteinmal die totale Leere fühlen. Schau an, dachte ich, das geht bei denen also auch. Es geht im Fußball immer weiter, nur siegen nun doch nicht immer die gleichen Mannschaften. Gute Besserung !

  2. Toll geschriebene und nahgehende Geschichte. Leider ist das zu Grunde liegende Ereignis nicht ganz so schön, so dass ich auf diesem Wege ebenfalls gute Besserung wünsche. Die Geschichte hätte es auf jeden Fall verdient, ebenfalls im bald erscheinenden 2 . Band aufgenommen zu werden. Ich vermute, da sie sehr aktuell ist, dass das zeitlich nicht mehr geklappt hat.

  3. Gute Besserung weiterhin !!!

    Die Erkenntnis, das sich Wertigkeiten verschieben, habe ich auch gemacht. Manchmal braucht es dafür, so etwas Einschneidendes wie bei Dir die OP, am Ende bewahrheitet sich der alte Spruch, dass ohne Gesundheit, Alles nichts ist.

    Glück-Auf

    Michael

  4. Sind es doch gerade diese Geschichten, die unser Leben bereichern, oder? Aus Niederlagen – sei es durch Krankheit oder beim Fußballspiel – wieder Mut und Kraft zu schöpfen, tut unheimlich gut. Alles Gute für Dich!

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