Sand am Meer

Daniel Grams aus Soest studiert in Aachen und lebt in Hannover. Stressfrei den Blauen hinterherreisen gefällt ihm wahnsinnig gut. Er macht es immer wieder.

…beispielsweise zum UEFACup-Spiel nach Sandammeer, äh, Santander. Er sagt, sein Bericht sei noch unter den Nachwirkungen der Tour entstanden und er sei selbst auf angenehm seltsame Art verstört davon.


Man trifft jemanden in Frankfurt-Hahn, der ist schon aus Berlin-Schönefeld mit dem Billigflieger angereist. Dann welche, die hin über London und zurück über Rom fliegen. Dann jemanden aus Zürich, der sich nach der Rückreise am Samstag in den ICE nach Basel und anschließend wieder zurück nach GE setzt, um ein paar Stündchen zu schlafen. Da traut man sich gar nicht, die eigene Story zu erzählen. Ich machs aber wahrscheinlich doch.

Ein Shuttle-Bus der Firma Bohr bringt die drei Herren vom Kölner Hauptbahnhof zum Flughafen Frankfurt-Hahn. Dem Fahrer wurden vor Fahrtantritt 15 Euro in die Hand gedrückt, damit er schön gerade fährt. Die Sitze haben an den Griffen kleine Aufkleber mit Edelholzmuster. Die Herren haben an den Griffen große Dosen, die sie im IhrPlatz gekauft haben. Zusammen mit Mini-Waschgedönse: Kleines Shampoo, kleines Deo und so. Für Handgepäck. Sie sollten es spärlich einsetzen und anschließend achtlos im Hostel liegen lassen. Was sie wissen: Die Frau in der Duty-Free-Theke soll hinne machen, damit der Fluss nicht versiegt, auf dem sie sich so gerne treiben lassen. Was sie nicht wissen (aber ahnen): Der Fluss sollte drei Tage lang nicht versiegen und sich in einen reißenden Strom verwandeln. Das Flugzeug fliegt sehr gut und die drei Herren leisten auch ihren Beitrag. Sie nehmen sehr viel Flüssigkeit in sich auf, damit die Kiste leichter und schneller wird! So können sie es sich leisten, die ersten drei Shuttle-Busse ziehen zu lassen. Der eine zu voll, der andere farblich bedenklich und beim dritten können sie den Fahrer nicht leiden. Lieber hasten sie alle paar Minuten in den Shop und greifen gierig ins Kühlregal. So ist richtig!

Zu guter Letzt steigen sie aber doch in einen Shuttle und fahren stadteinwärts. Vorher setzen aber alle noch die Brillen mit den dicken Gläsern auf, damit die Umgebung unscharf wird. Die drei Herren flippern durch die Innenstadt und versuchen das Hostel zu treffen. Es gelingt ihnen natürlich wieder. Und weiter zum Stadion, weiter.

Dunkel ist es geworden. Und spät. Am Stadion rumstehen ist gut. Vor der Stadionkneipe. Viele kleine Bullis mit kleinen Spaniern drin, die keine Bratwurst verkaufen. Aha. Gästeblock ist direkt neben der Kneipe. Die drei Herren gehen aber einmal ums Stadion rum, weil sie immer noch die dicken Brillen auf haben.

Die Ordner vorm Gästeblock verweisen auf den Block in der gegenüberliegenden Ecke. Hier kommen wohl alle rein, die zu spät sind oder eine dicke Brille tragen. Die drei Herren qualifizieren sich also in doppelter Hinsicht für den Asi-Block. Noch nie hatten sie so viele Menschen während eines Fussballspieles einfach umfallen sehen. Die meisten nicht nur einmal. Ein herrliches Schauspiel! Beinahe hätten sie sich selber in diese illustre Gesellschaft eingereiht.

Die drei Herren amüsieren sich darüber, wie klein die Santanderos doch sind. Der eine zeigt mit seinen Händen eine imaginäres Postpaket und ruft: “So klein sind die, so klein!”. Der andere stellt seine Kamera auf Superzoom und knipst immer wieder die Nummer 20 der Gastgeber, wenn diese neben (unter) Orlando Engelaar steht. Dann zeigt er die Kamera den beiden anderen Herren und manchmal sogar Fremden. Alle biegen sich vor Lachen.

Ein Kellner bringt Getränke auf die Terrasse einer Kneipe in Stadionnähe. Die drei Herren sind ab jetzt vier Herren und eine Dame. Ihnen gefällt die friedliche und ausgelassene Stimmung auf der blau-weißen Terrasse. Nochmal kommt der Kellner. Und nochmal. Ohne Vorwarnung schiebt, zerrt und knüppelt die Policia die Terrasse leer. Die drei Herren gehen wutschnaubend nach Hause.

Am Day Off sitzen eine Dame und vier Herren auf einer Bank am Meer. In 50 Meter ein Supermarkt. In 7 Metern eine öffentliche Toilette. Sie pendeln den ganzen Tag und erzählen sich. Abends machen sie auf dem Hotelbalkon den Einweggrill an und entgehen alle nur knapp einer Rauchvergiftung. Anschließend schlagen sie noch kurz in der City auf und lassen ihr Können aufblitzen.

Samstag wieder nach Hahn. Flug Verspätung, Shuttle-Bus verpasst, aber gute Laune in der Flughafen-Kneipe, weil einer der Herren wieder den Hals nicht voll kriegt und scheinbar sein Enzym ALDH verschenkt hat. Ein reiner Chinese jetzt. In Köln trennen sich die Wege.

Es war gut. Sehr gut.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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4 Antworten zu “Sand am Meer

  1. Was könnt ihr alle herrlich schreiben. Genial

  2. Herrlich geschrieben, mal ein andere Stil. Gefällt mir.

    Wieso wusste seinerzeit schon die Natur, als sie für uns Menschen die ALDH bastelte, dass sie irgendwann von Schalkern nötig gebraucht wird?

  3. „Noch nie hatten sie so viele Menschen während eines Fussballspieles einfach umfallen sehen.“
    …stimmt, ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie windig es in Santander doch war 😉

  4. Also ich hab ja schon so einiges gelesen aber das hier ist neu.
    Hab mich mehrfach beim Lachen ertappt.
    Ein in der Tat kreativer Schreibstil. Zuerst denkt man, man hätte die Brille mit den dicken Gläsern auf aber dann gehts 😉

    Meine Verehrung!

    Glückauf,
    Enatz

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