Alter Schalker

„Nadal 04“ ist seit ca. 30 Jahren Stadionbesucher und heute Dauerkarteninhaber in Block L – auswärts trifft man ihn nur noch selten, dann dann schreit er zuhause gerne mal den Fernseher an.

„Ob ich verroste und verkalke, ich gehe immer noch auf Schalke“… das geht vielen wirklich so, und wie sich das anfühlt, das wird hier erzählt.


Es gibt ja den häufig verwendeten Spruch nach besonders nervenaufreibenden Spielen: „Nach diesem Spiel bin ich mindestens zehn Jahre gealtert.“ Nun, wenn dem so wäre müssten manche von uns doch schon ein paar tausend Jahre auf dem Buckel haben. Trotzdem schaffen wir Methusalems es doch irgendwie wieder ins Stadion, um dann wieder nach 90 Minuten um zehn Jahre zu altern.

Die Stadionkarriere begann bei mir wie bei so vielen anderen in den diversen Stehplatzbereichen. Die Nordkurve des Parkstadions war lange Zeit bei Heimspielen mein zuhause. Von der Kurt-Schuhmacher-Straße den Berg hoch zu den Kassenhäuschen, ein bisschen Schlange stehen und den Stehplatz Jugend für 6 Mark kaufen. Dann ab in die Nordkurve, so ging es Jahre lang, ich war zufrieden und dachte überhaupt nicht über irgendwelche Alternativen nach. Irgendwann als ich in der Schlange vor dem Kassenhäuschen stand brüllte einer hinter mir:

„Ja, ja, schon 30, aber immer noch Stehplatz Jugend für 6 Mark kaufen, dat sind die Richtigen!“

Meinte der etwa mich? Sehe ich schon so alt aus? Tatsächlich war nicht ich gemeint, aber als „gereifter Jugendlicher“ machte ich mir dann doch so meine Gedanken, wie lange der Mann im Kassenhäuschen mir meine „Jugend“ denn noch abnimmt und ich die billige Karte bekomme.

Die Frage hatte sich dann irgendwie von ganz alleine beantwortet. Bei dem legendären Heimspiel gegen Bayern in der Saison 95/96 stand es, mit mir wieder in der Nordkurve, kurz vor dem Ende noch 1:1. Ein passables Ergebnis, dachte ich, jedoch machten mir stärker werdende Rückenschmerzen immer mehr zu schaffen. Egal, dachte ich, hier zählt das große Ganze, den Bayern in die Suppe spucken und dann vielleicht…..Auf einmal fahren wir kurz vor dem Ende einen Konter und Uwe Scherr bricht auf der rechten Seite durch. Er schlägt die Flanke seines Lebens und unser Ex-Manager Andreas Müller macht den Kopfball seines Lebens. 2:1! Die Nordkurve tanzt mit mir Pogo und die Endorphine tanzen durch meinen Körper. Leider sind die Endorphine irgendwann nach Spielschluss wieder abgehauen, die Schmerzen kamen zurück. Mein Gott, läppische 3 Stunden stehen und mir tut der Rücken weh. Was tun?

Nun, da gibt es ja noch Sitzplätze. „Sitzen is fürn Arsch“ dachte auch ich jahrelang. Nun besorgten wir uns, mein Freund Arnd, der nur „unwesentlich“ jünger ist, und ich eine Sitzplatz-Dauerkarte. Wir wählten nach reiflicher Überlegung den damals berühmt berüchtigten Block I im Parkstadion. Dieser Platz hatte eben den Vorteil, dass er überdacht war und als Außenblock noch einigermaßen zu bezahlen war. In diesem Block fiel der Umstieg nicht schwer. Die Leute dort mochten zwar ein schlechtes Image haben, jedoch konnten wir von übergroßer Aggressivität im Stadion nicht besonders viel spüren. Die meisten Leute wollten so wie wir anfeuern, schreien und zwischendurch auch mal schimpfen. Zwischenzeitliches Aufspringen um seiner Emotion Herr zu werden wurde von fast jedem gelebt und so verbrachten wir dort die fantastische Eurofighter Saison. Fußball konnte man auch auf einem Sitzplatz im Stadion genießen, eine völlig neue Erfahrung. Keine Rückenschmerzen mehr und trotzdem waren wir mit guter Stimmung dabei.

Nach wieder ein paar Jahren des Älterwerdens stand dann 2001 der Umzug in die Arena an. Wir wählten wieder einen Außenblock, diesmal aber unweit der Nordkurve. Auch hier herrscht in der Regel prächtige Stimmung, wenn nicht wie häufig bei CL-Spielen einige Herrschaften, die ihren ersten Besuch bestreiten, meinten, sie wären in der Scala und Kritik übten an meinen temporären Emotionsausbrüchen. Auf meinen Hinweis, dass heute weder Beethoven noch Mozart gespielt wird und Offenbach hier allenfalls im DFB-Pokal gastiert, reagieren diese in der Regel nicht gerade amüsiert.

Ich glaube es ist das Schicksal des älter werdenden Fans, dass man eigentlich mental immer noch der „jugendliche Fan“ ist. Irgendwie stand man doch gestern noch in der Nordkurve im Parkstadion und hat Ingo Anderbrügge oder Peter Sendscheid angefeuert. Meine Frau sagte vor kurzem, als ich wieder bei einem Live-Auswärtsspiel unseres S04 die Bilder des heimischen Fernsehers mit derben Flüchen bedachte: „Das wird ja immer schlimmer.“ Es scheint also nicht umsonst diesen Spruch zu geben: „Je oller, je doller.“ Dass der Spruch anscheinend auch auf älter werdende Schalke Fans zutreffen kann, wird mir so langsam klar.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Alter Schalker

  1. Großartig!:
    „…dass heute weder Beethoven noch Mozart gespielt wird und Offenbach hier allenfalls im DFB-Pokal gastiert…“

    Schöne Story.

    Glückauf,
    Enatz

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