Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

Robert Mushack fuhr mit seinem Papa oft per Straßenbahn von Bredeney auf Schalke und war zehn Jahre alt, als Berni Klodt die Schale hoch hielt. Der Arbeit wegen kam er später durch die halbe Welt und schrieb über seine Reisen ein Kurzgeschichten-Buch.

Heute erinnert er sich an „sein“ Pokalfinale 2011.


Jeder Fußballfan kennt diesen Ausruf „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“, denn seit 1985 ist das Olympiastadion in Berlin jedes Jahr der Austragungsort des Endspiels um den Pokal des Deutschen Fußballbundes.

Vor einigen Tagen hatte Schalke in einem spannenden Spiel Bayern München im Halbfinale mit 1:0 aus dem Pokalwettbewerb geworfen und sich damit für das Endspiel des DFB-Pokals qualifiziert. Unser Sohn und ich hatten uns entschlossen zum Endspiel nach Berlin zu fahren. Die letzten Pokalsiege konnte Schalke in 2001 und 2002 feiern, das heißt vor etwa 10 Jahren.

Die Suche nach preiswerten Zimmern in Berlin gestaltete sich schon nach wenigen Tagen schwierig. Nach mehreren Stunden Suche im Internet war es mir dann doch gelungen, Zimmer zu annehmbaren Preisen in Hennigsdorf zu buchen. Von dort ist das Olympiastadion in etwa einer Stunde mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen.

Nun begann das Warten, ob wir über die Isar-Schalker, dem Schalke-Fanclub in München, oder auch andere Kanäle die gewünschten Karten bekommen. Schon nach kurzer Zeit mussten wir feststellen, dass dieses Unterfangen relativ aussichtslos war. Einerseits hatte der DFB ein großes Kontingent von Mitte Dezember bis Ende Januar, also schon lange bevor die Endspielteilnehmer feststanden, an kommerzielle Abnehmer versteigert und zweitens den teilnehmenden Clubs je ein Kontingent von 20.000 Karten zugeteilt. Bei einer Mitgliederzahl bei Schalke von mehr als 90.000 schrumpfte die Hoffnung eine dieser Karten zu erlangen doch extrem. Letztendlich erhielten die Isar-Schalker 4 Karten, die dann unter den 100 Mitgliedern verlost wurden.

Da war es wieder dies Leidensgefühl, das uns Schalkern scheinbar immer wieder ereilt. Nun blieb nur noch die Hoffnung, durch Zufall an Rückläufer zu kommen, denn die Angebote im Internet von verschiedenen Reiseanbietern waren natürlich komplette Reisepakete von 300 € pro Person aufwärts.

Wenige Tage vor dem Finale hatten wir uns damit abgefunden, dass Berlin wohl ein Traum bleiben wird und ich stornierte die Zimmer einen Tag vor dem Spiel. In weiser Voraussicht hatte ich bei der Zimmerreservierung darauf geachtet, dass keine Stornierungsgebühren anfielen.

Ebi, der Wirt der Gasstätte Bürgerheim in der Bergmannstrasse (!) in München, dem Stammlokal der Isar-Schalker teilte uns dann auch noch zwei Wochen vor dem Spieltag mit, dass wir nicht dort das Finale sehen konnten, da das Lokal schon vor Monaten für eine Hochzeitsfeier komplett reserviert worden war. Das drückte zwar etwas die Stimmung, aber er versprach in einer anderen Gaststätte, die auch von ihm betrieben wird, bis zum Tage des Finales mit Flachbildschirmen und einer Leinwand mit Beamer alles für die Übertragung einrichten zu lassen.

Die Gaststätte heißt „Zur Schwalbe“ was natürlich durch Assoziationen zum Fußball einige Belustigung auslöste. Es ist eine typische kleine Münchner Gaststätte mit Biergarten. Zum Gastraum gehört auch, ohne räumliche Abtrennung, eine Kegelbahn.

Der Tag des Finales war gekommen. Ich hatte meinen Schwiegersohn (ein 1860er) eingeladen und so machten wir uns auf den Weg die 90 km nach München zu fahren. Dort holte ich noch meinen Sohn ab. Schon am späten Nachmittag trafen wir in der Gaststätte ein. Mit Interesse nahmen wir zur Kenntnis, dass ein Techniker intensiv an der Einrichtung zweier Flachbildschirme für die Final-Übertragung arbeitete. Im Bereich der Kegelbahn war eine Leinwand mit Beamer aufgebaut. Wir waren die Ersten und das Lokal war ansonsten leer, jedoch der Biergarten gut besucht. Die Bedienungen waren zu dieser Zeit ausschließlich mit dem Biergarten beschäftigt und ich hatte den Eindruck, dass sie sich scheinbar nicht bewusst waren, was da auf sie zukam. Aber das sollte sich bald ändern.

Es war etwa eine Stunde vor Spielbeginn und der Gastraum füllte sich langsam. Die große Fan-Fahne der Isar-Schalker war an einem der Fenster aufgehängt und auch das Maskottchen, der San Siro, verlieh dem Raum die nötige Atmosphäre. [Der San Siro erhielt seinen Namen nach dem gewonnenen Champions League Spiel im San Siro Stadion in Mailand]

Nun kam eine gewisse Hektik auf und die Bestellungen an die Küche führten zu längeren Wartezeiten.

Kurz vor Spielbeginn war es dann soweit, die Gaststätte war voll. Etwa 70 Schalke-Fans fieberten dem Anstoß entgegen. Der Mangel an Sitzgelegenheiten wurde dadurch behoben, dass einige Fans auf Hockern und Tischen vor der Theke saßen. Die Bedienungen erreichten ihre Leistungsgrenze, was sich durch die Schweißperlen auf der Stirn, und dem hektischen Aufnehmen und Ausgeben von Bestellungen deutlich manifestierte.

Das Spiel begann und die Lautstärke stieg erneut und als das erste Tor fiel, brachen alle Dämme. Jubel und Fangesänge erfüllten den Raum, unterbrochen nur durch die Rufe der Bedienungen, die Mühe hatten den Überblick betreffend der Getränkebestellungen zu behalten.

Gegen Ende des Spiels, es stand mittlerweile 5:0 für Schalke, war die Stimmung euphorisch. Schalke-Rufe und Fangesänge schallten durch den Raum und es war abzusehen, dass so mancher Fan am nächsten Tag wohl seine Stimme vermissen würde.

Das Spiel war aus, im Fernsehen lief die Pokalübergabe und man sah die Spieler im Olympiastadion in Berlin feiern. Auch im Lokal wurde noch lange weiter gefeiert bis sich langsam die Reihen lichteten. Es war ein herrlicher Abend. Die Bedienungen waren geschafft, lächelten nur noch müde und als wir die Gaststätte verließen hörte man noch vereinzelt die Schalkerufe in den nächtlichen Straßen von München.

Die noch vor Tagen gefühlte Traurigkeit darüber, keine Karten für Berlin ergattert zu haben, war dem Hochgefühl dieses Abends im Kreise der Fans in der Kneipe in München gewichen.

Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin
Und diesmal zieht es wieder viele Schalker hin
Um die königsblauen Knappen zu sehn
Und mit gemeinschaftlichem Siegesflehen
Den Pokal im Stadion zu erringen
Und erneut zurück auf Schalke zu bringen.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin

  1. Den Pokalsieg 2002 gegen Leverkusen konnte ich ebenfalls nicht live im Olympiastadion erleben, dafür aber bei einer zünftigen Gartenparty.
    Es ist zwar nicht mit dem Stadionbesuch zu vergleichen, kann aber in Teilbereichen wie Essen- und Getränkeversorung, Stressfreiheit und Sitznachbar (-in) um einiges komfortabler sein 😉

    Glückauf, Enatz

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