Was wirklich wichtig ist

Enrico Schalk ist seit ’91 Schalke-Fan, regelmäßig bei Heim- und Auswärtsspielen anzutreffen, schreibt schon eine Weile im Internet und für Schalke Unser – und veröffentlichte in dieser Woche sein erstes Buch: „Seitenwechsel mitten im Spiel“, das von sich und Schalke und dem letzten Jahr handelt.

Passend dazu eine Erinnerung an 1998, als viel auf dem Spiel stand und zur „Schalker Attacke“ geblasen werden musste. Es geht um dasselbe Spiel, von dem hier gestern schon die Rede war – aber diesmal ist doch alles anders.


Schalke 04 bedeutet mir viel. Eigentlich ganz viel. Ich hatte bestimmt auch schon einmal behauptet, dass Schalke mir alles bedeutet. Nicht wenige von uns Blauen würden das bestimmt auch unterschreiben. Aber stimmt das wirklich? Ich habe im Verlauf der Zeit dann eingesehen, dass dem mitnichten so ist. Schalke ist nicht alles. Jedenfalls für mich. Es gibt auch Wichtigeres. Manchmal jedenfalls. Die Entscheidung für Schalke fällt dann schon einmal schwer. Aber, die Vernunft siegt dann irgendwie doch.

So auch im Mai 1998. Es war Dienstag und ein wichtiges Testat im Studium stand an. Vorab wusste ich, dass ich mich bei diesem Thema im wahrsten Sinne verheddern würde. Es lag mir einfach nicht. Es war irgendwie physikalisch so weit weg von meinem Kopf. Und wenn der Herr Professor freundlich in die Runde blickt und meint, dass die Kollega (so wurden wir mitunter betitelt) vor mir das da nicht so richtig auf die Reihe bekam, war das Testat schon für mich gelaufen. Will meinen, die Kommilitonin vor mir war bei diesem Thema durchgefallen. Na prima. Und so kam es dann auch, dass ich mich tatsächlich verhedderte. Und der Herr Professor hatte ein Einsehen mit mir und brach ab. Das gab ein „Nichtbestanden“, das war klar wie Kloßbrühe. Mist. Ich hatte es doch schon vorher gewusst. Es war einfach nicht mein Thema.

Und am Samstag spielt Schalke zu Hause gegen den Deutschen Sport-Club Arminia aus Bielefeld. Es war nicht irgendein Spiel. Nein. Es war das letzte Spiel der Saison. Mehr noch, es ging um die Teilnahme am UEFA-Cup im nächsten Jahr. Ich glaube, dass wir unbedingt gewinnen mussten, um dabei sein zu dürfen. Und jetzt bin ich hier durch das Testat gerauscht. Verdammt. Geknickt sitze ich da. Die Frage meiner Nachbarin hätte ich beantworten können. Das ärgert mich. Das Nachtestat wäre Dienstag nächster Woche gewesen. Bis dahin hätte ich nochmals lernen dürfen, ja pauken müssen. Und auf Schalke fahre ich dann ganz bestimmt nicht. Das kann ich mir und meiner Mutter nicht antun: Hier das Testat nicht bestehen und am Samstag zum Fußball fahren. Und was ist, wenn ich das Nachtestat dann auch nicht bestehe? Dann ist der Ofen aus. Ein Jahr Extrarunde. Nein, nicht mit mir. Das geht nicht. Das darf nicht sein. Erst die Pflicht, dann die Kür. Erst die Arbeit und dann das Vergnügen.

Aber am Samstag spielt doch Schalke. Und ich darf nicht dabei sein, mit den Jungs, mit unserer Truppe, auf Schalke? Ich würde es nicht ertragen können, wenn wir es nicht in den UEFA-Cup schaffen würden. Und nur, weil ich nicht dabei gewesen wäre. Es würde mir in der Seele weh tun, weil ich das Testat verhauen habe, daher auf Schalke hätte verzichten müssen und die Jungs auf dem Platz nicht hätte unterstützen können. Noch immer sitze ich im kühlen Keller, das Formalin in der Luft beißt mir in den Augen und meine Nachbarin erzählt frisch weiter und macht im Testat eine gute Figur. Am Samstag wieder dieser Keller – zum Üben und Lernen –, anstatt Parkstadion und Fußballluft? Nein, nicht mit mir.

Ich nahm dann alle Kraft und allen Mut zusammen und dachte mir: Angriff ist die beste Verteidigung. Zum ersten Mal musste ich mein Lebensmotto so richtig ernsthaft anwenden, es ging ja immerhin um mich und um Schalke: Solange Du nicht aufgibst, kannst Du nicht verlieren. Attacke! Keine Rücksicht auf Verluste.

Die nächste Kollega war an der Reihe. Sie kam ins Straucheln, ins Stolpern und ich kam von der Seite angerauscht, will meinen, dass ich dem Herrn Professor andeutete, dass ich aushelfen kann, dass ich die Frage besser beantworten kann als die Kollega. So war es dann auch. Ein Pluspunkt für mich. So ging es noch das eine oder andere Mal, bei dieser Kollega und beim nächsten Prüfling. Quasi immer eine Steilvorlage. Wieder ein Punkt für mich. Das ganze Testat durch ging das so weiter. Das wäre doch gelacht, wenn ich hier wegen einer blöden Frage das Testat nicht bestehen würde. Und tatsächlich hatte der Professor mich dann bestehen lassen. Ja, er musste mich einfach bestehen lassen.

Ich hatte mich selbst aus der Schlinge befreit. Schalke hatte mir dabei geholfen. Ich weiß nicht, ob das jetzt religiös anmutet oder ob das höhere Gewalt ist. Aber ohne Schalke hätte ich das bestimmt nicht geschafft. Der Glaube an Schalke, an das Spiel am Samstag hatte quasi Berge versetzt. Okay, das war vielleicht nicht ganz fair den Kommilitonen gegenüber, zumal dann die eine Kollega, deren Ballverlust ich aufgenommen hatte, letztendlich durchgefallen ist. Aber die gelbe Karte habe ich dafür gerne in Kauf genommen. Da wo gehobelt wird, fallen auch Späne. Es stand halt viel auf dem Spiel, für mich und für Schalke. Schalke 04 am Samstag ohne mich, das wäre nicht gegangen.

Und dann bin ich völlig losgelöst und ohne schlechtes Gewissen am Samstag nach Gelsenkirchen gefahren. 62.000 Leute im Stadion, wir haben das Spiel 2:1 gewonnen und so waren wir nächstes Jahr wieder international mit von der Partie. Oh, wie war das schön. Und ich war dabei. Einfach herrlich.

Schalke 04 bedeutet mir viel. Eigentlich ganz viel. Ich hatte bestimmt auch schon einmal behauptet, dass Schalke mir alles bedeutet. Aber manchmal muss man im Leben schon wissen, was wirklich wichtig ist. Und wenn Schalke 04 dann noch dabei hilft das Problem zu lösen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, ist es eigentlich (fast) das schönste auf der Welt. Jedenfalls ist Schalke die wichtigste Nebensache der Welt. Mein Mathematiklehrer hatte immer gesagt: Wenn nichts mehr hilft, dann Polynomdivision. Stimmt nicht. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, dann hilft mir Schalke 04 dabei. Soviel weiß ich heute.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Was wirklich wichtig ist

  1. Bei dem Nachnamen durfte ja nun auch wirklich nichts schiefgehen;-)

    Im übrigen hast Du einen roten Faden in Deiner Geschichte nicht wieder aufgegriffen:
    Auch Schalke schien – wie Du in Deinem Testat – bereits durchgefallen.
    0:1 Rückstand und gelb/rot gegen Wilmots, der UEFA Cup schien weit weg.
    Doch dann hat der Glaube auch im Parkstadion Berge versetzt…

    Glückauf,
    Enatz

  2. Recht hast Du, natürlich.

  3. „Wenn nichts mehr hilft, dann Polynomdivision.“ Diese Lebensweisheit kommt ein wenig spät für mich. Aber es gibt ja noch eine bessere.

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