Wir sind Schalker, und Ihr nicht

Henning Mann ist „unregelmäßiger Auswärtsfahrer“, S04-Mitglied und Dauerkartenbesitzer, und er meint, Schalke sei sicher nicht alles im Leben, aber ohne Schalke würde ihm im Leben doch vieles fehlen.

Erinnerung an ein denkwürdiges Spiel im Jahr 1996, als es auf Schalke mal wieder drunter und drüber ging.


Heute versuche ich über ein Spiel zu schreiben, welches mir noch sehr deutlich in Erinnerung ist, jedoch nicht aufgrund sportlicher Höhenflüge, sondern aufgrund meines persönlichen Tiefpunktes, der damals erreicht wurde. Es geht um die Partie FC Schalke 04 gegen den Karlsruher SC am 05. Oktober 1996. Schalke verlor das Spiel nach einem Treffer des „Jahrhunderttalents“ Sean Dundee mit 0:1. An sich nichts Spektakuläres, hätte man nicht, angeblich auf Drängen der Mannschaft, zwei Tage vorher Trainer Jörg Berger entlassen.

Jörg Berger, der Mann, der meinen Verein vor dem Gang in die zweite Liga bewahrt hatte und bis auf Platz 3 der Bundesliga und damit in den UEFA-Cup geführt hatte. UEFA Cup! Noch zwei Wochen vor dieser Entlassung hat man Roda Kerkrade aus dem Stadion gehauen und eine berauschende Rückkehr auf die internationale Bühne gefeiert. Für mich gar die internationale Premiere, da ich 1978 bei den letzten Auftritten in Europa evtl. schon in den Planungen meiner Eltern eine Rolle spielte, bei weitem jedoch noch nicht in Planungen von Spielbesuchen im Parkstadion.

Und jetzt sollte dieser Mann, in meinen Augen damals der beste Trainer, den Schalke jemals hatte, einfach nicht mehr da sein und das aufgrund der Mannschaft, die angeblich nicht mehr mit ihm klar kam? Nein, das kann doch nicht wahr sein, das nehme ich so nicht hin. Und viele im Stadion, wenn nicht gar alle, waren der gleichen Meinung. An eine Blocksperre kann ich mich nicht mehr erinnern, habe aber im Hinterkopf, dass so etwas geplant war. Was ich jedoch noch genau weiß, ist, dass Stadionsprecher Bernd Scheffler das erste Mal die Namen der Spieler von Schalke hintereinander ablas, ohne die Kurve den Nachnamen schreien zu lassen. Dies lag daran, dass es ein riesiges Pfeifkonzert gab und jeder Name, der gerufen worden wäre, eh der Name „Berger“ gewesen wäre. Die Zeichen standen also auf Sturm. Und die Mannschaft tat ihr übriges, die Fans noch weiter gegen sich aufzubringen. Eine grottenschlechte Leistung führte zur 0:1 Heimniederlage und zu dem Satz, für den ich mich noch heute schäme. Ein Satz, den ich seitdem nie wieder in den Mund genommen habe, aber damals aus voller Kehle und mit genauso voller Überzeugung mit schrie: „Wir sind Schalker, und ihr nicht!“

Was bedeutet dieser Satz? Aus meiner Sicht war es damals die Kündigung für die Spieler, die höchste Strafe, die ich aussprechen konnte. Man verweigert der Mannschaft, mit der man allwöchentlich im gesamten Bundesgebiet, oder eben in Europa, unterwegs ist, die Gefolgschaft, man will „die“ eigentlich in „seinem“ Stadion nicht mehr sehen! Aus, Schluss, vorbei! Keine 1000 Freunde, die zusammenstehen. Auf der einen Seite die Spieler, auf der anderen Seite die Fans!

Aber gleichzeitig steckt in diesem einen, unscheinbaren Satz auch die Aussage, dass man sich selbst als besseren Schalker darstellt, man also erkennen kann, was richtig und falsch für den Verein ist und man den Anspruch an sich selber hat, alles für den Verein zu geben und vor allem alles richtig zu machen. Der Gedanke, dass auch die Mannschaft diese Entscheidung FÜR und nicht GEGEN den Verein getroffen hat, kam einem überhaupt nicht in den Sinn. Nein, wir in der Kurve wussten, was richtig und was falsch für den FC Schalke ist. Ganz schön egoistisch, wenn man mal genauer drüber nachdenkt.

Tja, wie es in dieser Saison weiterging, weiß jeder. Wir gewannen nach Wahnsinnsleistungen den UEFA Cup und erlebten somit den größten Erfolg in der Vereinsgeschichte mit. Und auch ich habe mich darüber wie Bolle gefreut und werde die Endspiele, die ich beide im Parkstadion erlebte, sowie die anschließenden Feierlichkeiten nie vergessen. Genauso wenig vergesse ich aber dieses Spiel gegen den KSC. Denn wenn ich danach gehe, haben ja gar keine Schalker den Pott in den Pott geholt, oder? Auch heute macht mich dieses Spiel noch nachdenklich, aber eher im positiven Sinn. Denn wie sagt man so schön: Eine Ehe wird erst eine gute Ehe, wenn zumindest eine Seite schon mal die Nummer eines Scheidungsanwaltes aus dem Telefonbuch gesucht hat!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Wir sind Schalker, und Ihr nicht

  1. Sehr schöne Geschichte, die wieder mal den schmalen Grad zwischen „Kreuzigt Ihn“ und „Hosianna“ aufzeigt. Heute spricht man nur noch von den Eurofightern, das Spiel gegen den KSC wollen sicher viele vergessen haben.

  2. Ich kann mich auch noch gut an die Demission Jörg Bergers erinnern. Die wahren Gründe habe ich dann vor ca. fünf oder sechs Jahren direkt von einem ehemaligen Spieler erfahren. Habe mir aufgrund deines Berichts gerade noch einmal die Ausschnitte vom Spiel angesehen. Die Kurve hat sehr wohl bei der Mannschaftsaufstellung jedes Mal den Nachnahmen „Berger“ gerufen.

  3. @Bardie: Das mag sein, dass wirklich „Berger“ gerufen wurde! (Und neben dem Pfeifkonzert wahrscheinlich noch ganz andere Dinge).
    Was mir halt noch im Gedächtnis ist,ist halt der Versuch,eine normale Mannchaftsaufstellung vorzulesen(mit der Nummer 1:JENS……..),das wurde aber nach Jens Lehmann abgebrochen und die Namen hintereinander verlesen(so wie sonst nur die Gastmannschaft vorgestellt wird)!

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