Als Schiri beim Derby

Maik, heute 17-jähriger Gymnasiast aus dem wunderschönen Münsterland, ist aktives Mitglied in einem Fanclub, groß geworden mit einem Vater, der früher mal im Parkstadion stand, und einer fußballfeindlichen Mutter – und lässt für seinen S04 gern alles stehen und liegen.

Maik muss zur Schule, aber das Revierderby steht an. Als Schiedsrichter kennt er sich mit Regeln und Regelverstößen aus – aber was muss, das muss. Nur, was muss mehr?

Es war ein einem beschaulichen Freitagnachmittag im September 2009, als ein Schiedsrichterkollege von mir auf der Internetplattform SchülerVZ (Asche über mein Haupt, aber mit gut 15 hat man so was noch) postete, ob noch jemand mit zum Revierderby wolle. Natürlich habe ich sofort alles schulische ausgeblendet und den Kerl angerufen. Abfahrt sollte um kurz nach 11 vom Bahnhof sein. Kein Problem, dachte ich. Schnell zu Muttern gelaufen, Plan erzählt. „Kommt gar nicht hin. Geh‘ mal lieber in die Schule und guck beim Sport zu.“ (Wegen immer wiederkehrender Probleme im Knie konnte ich an diesem Tag nicht mitmachen). Beim Vater angerufen, die Standartantwort in solchen Fragen gehört: „Frag‘ doch Deine Mutter…“ Also erneut zu Muttern hin. Totschlagargument: „Derby auswärts ist nur ein Mal im Jahr. Ich zahle für den Zug und dann nicht mehr.“ – „Nein, Du hast Schule. Außerdem ist das viel zu gefährlich. Du bist doch erst 15. Was Dir da alles passieren kann!“ – „Zu Heimspielen darf ich doch auch alleine, und ein Derby, ich meine da ist nur etwas mehr Hass dabei, aber sonst…“ – „Nein!“

Okay. Plan B! Nur was soll dieser Plan B sein? Sportlehrer, der gleichzeitig auch Klassenlehrer ist, anrufen? Schulleiter anrufen? Eine von den beiden Sachen musste es wohl werden. Muttern wird dann morgen vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich würde den Anschiss meines Lebens bekommen, das war mir klar. Nur was erzähle ich dem Lehrer oder dem Schulleiter? Hm, Familienfeier ist doch wohl etwas kurzfristig. Beerdigung? Wer soll denn gestorben sein? Alles irgendwie suboptimal. Die Wahrheit, noch schlechter. Nach ganz viel Überlegung kam ich dann zu meinem Problemknie. Ich habe einen Arzttermin, kann ja eh nicht mitmachen. Gesagt – Lehrer angerufen. Sohn dran. Lehrer nicht da. Ich bitte ihn, dem Lehrer auszurichten, dass Maik am morgigen Samstag nicht zur Sportstunde erscheinen könne – Arzttermin.

In der Zwischenzeit hatten sich die Schiedsrichterkollen überlegt, doch nicht zum Spiel zu fahren. Klasse. Ich fuhr trotzdem. Drauf geschissen.

Samstags morgens den Eltern erzählt, Vattern mit Grinsen im Gesicht. Muttern erwartungsgemäß nicht wirklich begeistert. Nach zwei stinklangweiligen Stunden Deutsch direkt an der Schule in den Bus zum Bahnhof rein, zum ersten und bisher einzigen Mal ohne erkennbare Fanmerkmale – es war auch besser so (später mehr). Im Bus rief eine Vorverkaufsstelle der Borussen an, sie hätten jetzt noch 10 Karten für die Nordtribüne, komisch. Vor einer Woche waren die noch nicht da. Jetzt können die mich mal.

Am Bahnhof dann die zwei, die doch nicht mitkommen wollten, gesehen und mich etwas über sie lustig gemacht… Im Zug der einzige Schalker gewesen und in der hässlichen Stadt angekommen direkt zum Stadion gefahren, an der Schiedsrichterkasse angestellt. Um mich herum alles mögliche an Fußballfans in Zeckentrikots (z.B. ein HSV-Fan und ein Eintracht-Fan) und ein erkennbarer Schalker. Als der Marsch von DES99 und TU an der Schirikasse vorbei kam, bewegte sich der Mob urplötzlich in unsere Richtung. Ein Schalker war offen zu erkennen, dem versuchten sie klar zu machen, wer hier doch verblödet sei. Gut, dass ich doch inkognito war.

Knapp zwei Stunden vor dem Spiel öffnete dann nach gut 1,5 Stunden geduldigen Anstehens diese Kasse. Schön. Da gab es dann ein paar kleine Kinder, die wohl ihr Taschengeld aufbessern mussten. Zwei haben sich immer wieder angestellt, natürlich so weit vorn wie möglich, und zwei haben die Karten immer wieder zu Schwarzmarktpreisen vertickt. Sollte mir egal sein. Gut 1,5 Stunden vor Spiel hatte ich meine Karte und betrat zum ersten Mal diese komische Hütte.

In den Schiriblock direkt rechts vom Gästeblock rein, Platz direkt am Gästeblock und los gings. Spiel ist schnell erklärt, Zecken leicht besser, eine Stange von dem Zaun direkt vor den Augen sah ich erst Barrios, wie er die Latte traf, den Rest habe ich dann verdrängt. Farfan erzielte irgendwann das 1:0 für die Guten und spätestens da gab es dann (auch bei mir) kein Halten mehr.

Ich habe mich zu diesem Zeitpunkt teilweise gefragt, wofür es eigentlich die Schiedsrichterkarten gibt. Sind sie dazu da, um die „großen“ Kollegen zu beobachten und von ihnen zu lernen? Ich mache es nicht so. Es ist der freie Eintritt in die wunderbare Welt des Fußballs. Wenn ich das Schiedsrichtertrikot trage, dann sorge ich auf dem Platz – gezwungenermaßen – für Recht und Ordnung. Wenn ich aber selbst im Stadion stehe, sitze oder auf dem Sportplatz zu Hause als Zuschauer da bin, interessieren mich die Regeln des Fußballs und das Fair-Play dann doch weniger als der Erfolg meiner Mannschaft.
Teilweise ist es ja schon so, dass man sich von den Bundesligaschiedsrichtern etwas abschaut, aber das kann man genau so gut auch bei der Sportschau. Auf dem Platz muss also alles richtig gelaufen sein an diesem Tag. Schalke hat mit 1:0 das Derby gewonnen, da könnte der Schiedsrichter noch so beschissen gewesen sein, es wäre mir zwar wahrscheinlich aufgefallen, aber bei drei Punkten in Lüdenscheid geht das dann doch ganz gut. So ähnlich quasi, wie mit Polizisten, die gleichzeitig Ultras sind. Höchstens ein bisschen ähnlich, aber immerhin ganz wenig Ähnlichkeit…

Von der Blocksperre nicht betroffen verließ ich das Stadion, ohne den Herrn Magath vorm Block zu sehen. Schade, damals.

Die Rückfahrt im Zug verlief relativ ereignislos, im Bus ebenso. Am Tag vorher das Fahrrad zum Kumpel gebracht und die letzten 9 Kilometer hinter mich gebracht. Dank einiger Pannen habe ich über 1,5 Stunden gebraucht. Aber es hat sich gelohnt. Zwar war meine Mutter im Endeffekt nicht sonderlich glücklich mit ihrem abtrünnigen Sohn, aber irgendwie schafft man es immer, seine Mutter wieder gütig zu stimmen. Mein Vater war sowieso glücklich damit, hatte ich zumindest das Gefühl.

Und in der Schule, ja, das war nicht so wirklich ein Problem. Wie ich erfahren habe, wurde in den zwei Stunden Sport auch gegen die Kugel getreten. Es wurde eiskalt Fußball gespielt. Und ich war nicht da. Ob mein damaliger Lehrer etwas gemerkt hat, ich weiß es nicht. Ich hoffe einfach mal das Beste. Aber jetzt ist es eh egal, er ist Bürgermeister in einer Nachbarstadt und für das nächste Derby im November 2011 werde ich mir wohl eine neue Story überlegen müssen, um rechtzeitig zum Spiel in die verbotene Stadt zu kommen…

Zecken: Weidenfeller – Owomoyela, Subotic, Felipe Santana, Schmelzer – Hummels (62. Großkreutz) – Tinga, Sahin – Hajnal (75. Rangelov) – Barrios (62. Valdez), Zidan
Schalke: Neuer – Höwedes, Zambrano, Bordon, Westermann – Moritz – Rafinha (46. Pliatsikas), Schmitz – Kenia (58. Sanchez) – Farfan, Altintop (73. Asamoah)
Tor: 0:1 Farfan (31.)


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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