Skandal

Dietmar Barten kann man bei Heim- und Auswärtsspielen begegnen. Vielleicht erzählt er dann ein bisschen mehr über sich 🙂

Vierzig Jahre ist es schon her, da wurde der kleine Dietmar, der ganz oben in der Glückaufkampfbahn versuchte, irgendetwas zu sehen, Zeuge eines legendären Spiels. Mehr oder weniger.

17.04.1971 – Dieses Datum hat sich in die Gehirne der Schalker eingemeißelt. Eingemeißelt wie das hinterher Hecheln nach einer Meisterschaft oder wie der Beginn der Tagesschau um 20.00 Uhr. Dort wird ein Ereignis dieses besagten Tages auch Jahre später immer noch aktuell sein.

Von all dem weiß der Verfasser dieser Zeilen an diesem Frühlingstag noch nichts, denn er ist mal gerade acht Jahre und wird Augenzeuge dieses unsäglichen Spiels in der GlückAuf-Kampfbahn sein. Augenzeuge wie 12000, 15000 oder 25000 andere auch, die Quellen gehen hier erstaunlich weit auseinander.

FC Schalke 04 – DSC Arminia Bielefeld, eigentlich nur eine Formsache.

Die Königsblauen werden sich an diesem Tag verkaufen und pikanterweise genau die Punkte verschenken, die am Ende der Saison zur Uefa-Cup Qualifikation fehlen.

Wie kommt aber ein achtjähriger vom Niederrhein im April 1971 ins etwa 70 Kilometer entfernte Gelsenkirchen-Schalke? Die ganze Nachbarschaft ist Schalke verseucht. Einen Nachbarn hat es von Gelsenkirchen an den Niederrhein verschlagen, zwangsweise. Als Bauer nach dem 2.Weltkrieg umgesiedelt, da sein Land in Gelsenkirchen für den Bau einer Autobahn benötigt wurde. Bekam er halt Hof und Land am Niederrhein, es gab ja davon genügend hier. So einfach war das.

Selbstredend war dieser Nachbar Fan der Königsblauen, war bei jedem Heimspiel auch ohne Dauerkarte dabei. An jedem zweiten Samstag ging es mit dem tatsächlich blauen VW-Käfer und einigen Nachbarn gen Gelsenkirchen. Ab und an war auch der kleine Junge vom Niederrhein dabei.

Dabei aber nur, wenn der Wochenablauf in Ordnung war. Keine Panik, wenn die erste Hose zu Wochenbeginn dran glauben musste. Schürfwunde am Knie, Loch in der Hose – alles das also was die Generation Computer kaum noch kennt – hatte Montags noch keine Bedeutung. Gefährlich wurde es erst, wenn so etwas am Freitag passierte, da fielen dann schon mal die Worte „Du kommst morgen nicht mit nach Schalke!“ – das Kürzel „Auf Schalke“ kommt meinem Vater mit über 80 Jahren auch heute noch nicht über die Lippen, komisch!

Ab Samstag hieß es dann besonders lieb zu sein, ohne Murren kleine Aufgaben im Haushalt erledigen. Man(n) wollte ja schließlich mit zum Spiel. Samstag war dummerweise auch noch Badetag, dummerweise waren die beiden älteren Geschwister vorher dran, hatten zudem auch mit Fußball nichts am Hut. Da wurde die Zeit schon mal knapp, aber kurz vor Abfahrt kamen meist die erlösenden Worte: „Steig ins Auto, Du fährst mit!“

Ohne Karten – das ging damals noch! – ging es dann ab dem Rhein irgendwelche Schleich- und Feldwege entlang. Unser Nachbar, der Bauer, kannte sich schließlich aus und hatte auch immer sehr gute Parkmöglichkeiten in Stadionnähe.

So war ich dann auch am 17.April 1971 ein Zeitzeuge des als „Skandalspiel“ in die Geschichte eingegangenen Spiels. Stehplätze Haupttribüne links oben, der kleine Junge interessierte sich aber kaum für das Spielgeschehen auf dem heiligen Rasen. Warum waren die anderen Besucher auch so groß?

Eine Alternative war aber schnell gefunden. Dort, wo heute in der unter Denkmalschutz stehenden Tribüne Glasbausteine eingelassen sind, waren früher normale Glasscheiben. Keine Doppelverglasung, kein Sicherheitsglas, nein, normale Glasscheiben mit hervorragendem Blick auf die weiter unten auf dem Aschenplatz auf der anderen Seite der Tribüne stattfindenden Jugendspiele des FC Schalke 04.

Auf die Geschichte des 17.April 1971 muss ich hier ja nicht weiter eingehen, das späte Tor, die überraschende, aber sich doch andeutende Niederlage. Jahre später sagte mir mein Vater, dass zwischen ihm und unserem Nachbarn bereits auf der Rückfahrt die Worte fielen: „Das ist nicht mit rechten Dingen zugegangen!“

Ein Satz, der sich ja mit schlimmen Folgen – auch für mich – bewahrheiten sollte. Nach Bekanntwerden des Skandals wurde der blaue Käfer nicht mehr an der Kampfbahn GlückAuf gesehen. So waren also 2300,-DM „Kopfgeld“ dafür verantwortlich, dass ich viele Jahre nicht mehr zu den Königsblauen kommen konnte.

Die Erlebnisse als Knirps in der GAK bleiben aber unvergessen. Knappe 40 Jahre später konnte ich mich dann bei meinem Vater für diese Erlebnisse revanchieren, da nahm dann der kleine Junge von damals seinen Vater mit zu einem Bundesligaspiel in die Arena .. Auf Schalke.

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Skandal

  1. Tolle Geschichte!

    Leider habe ich niemals ein Spiel in der Glückauf-Kampfbahn erleben dürfen.
    Wobei man auf genau dieses wahrscheinlich gerne verzichtet hätte.

    Schön auch, wenn sich ein Kreis schließt und man später den eigenen Vater – der einen als Knirps das erste mal mitnahm – wiederum selbst ins Stadion chauffiert.
    Kenne das!

    Glückauf, Enatz

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