Am Goldnen Hochzeitstage (Teil 2)

Walter Schauer lebt in München, hat aber trotzdem eine Dauerkarte für die Arena auf Schalke. Fürs Parkstadion brauchte er keine, „da war ja meistens Platz genuch“, sagt er.

…um ein bisschen mehr in Walters Zeitreise nach 1903 eintauchen zu können, hier gleich der zweite Teil der Reihe.

„Willy, aufstehen. Es ist halb vier. Wir müssen zur Arbeit. Höchste Zeit!“

Halb vier Uhr morgens. Ganz sicher nicht die richtige Zeit, um sich vergnügt aus dem Bett zu schälen. In Momenten wie diesen hasst Willy seinen Vater und dessen tief dröhnenden Bass. Von dem Gepolter an der Tür und dieser gewaltigen Stimme ist jetzt sicher wieder die ganze Herzogstraße wach geworden. „Willy!“, dröhnt es noch einmal von draussen. „Ja, ist ja schon gut.“, gähnt der noch Verschlafene zurück.

Er hatte so schön geträumt. Schalke, sein Schalke, hatte irgendeinen Pokal geholt. Es war nicht die Viktoria gewesen, um die im Sommer der VfB Leipzig und der DFC Prag gerungen hatten, sondern sah mehr so aus wie eine Blumenvase. Die ganze Kaiserstraße war voller Menschen gewesen. Glückliche Menschen. Überglückliche Menschen. Der Kettwiesel hatte dauernd auf seine riesengroße Pauke gehauen. Bumm Bumm Bumm Bumm. Dass es eine helle Freude war. Einmal auch hatte er auf seinem Horn ein Signal aus dem amerikanischen Bürgerkrieg geblasen und ganz laut „Attacke geschrieen. Und alle hatten das Lied gesungen, das der Kettwiesel sonst immer zu singen pflegt. Auch so ein amerikanisches, irgendwas mit einer „Klementine“. Manche sagen auch „Amerikaner“ für den Kettwiesel. Weil der fünfzehn Jahre in Amerika gelebt hat und immer noch jeden Tag wie so ein Trapper durch die Straßen läuft. Ein richtiges Original mit langen schlohweißen Haaren und einem buschigen weißen Bart. Sommer wie Winter trägt er seine Fellmütze und seine Lederjacke mit den Fransen. Um den Hals trägt er ein Amulett, von dem er immer behauptet, dass ihm der echte Häuptling Geronimo das geschenkt habe. Und dann lacht er immer aus vollem Hals.

Willy und seine Mannschaftskameraden waren auf einem Pferdewagen gestanden. Alle mit einer Schärpe dekoriert und sein Vater hatte ihm zur Feier des Tages eine richtig dicke Zigarre entgegen gehalten. Die musste wahnsinnig teuer gewesen sein. „Hier mein Jung, hast Dir verdient. Bin stolz auf Dich.“ Dann hatte ihm der Vater die Zigarre angezündet, Willy hatte gezogen und der Vater hatte ihm kräftig auf die Schulter gehauen. „Na schmeckt’s?“ Willy hatte sich verschluckt und ihm war der Pokal aus der Hand geglitten. Der war dann mit lautem Gepolter zuerst auf den Boden des Wagens und dann über die Rampe auf die Straße gefallen. Der schöne Pokal demoliert. Das hatte natürlich auch wieder nur ihm passieren können. Aber zum Glück war es ja nur ein Traum….

In Wahrheit ist das Gepolter natürlich die Faust seines Vaters an der Tür zu Willy’s Zimmer gewesen. Das Gepolter, das ihn so unsanft geweckt hat.

Willy macht sich zurecht und begleitet seinen Vater zur Arbeit. Bis zum Sommer war er noch zur Schule gegangen. Aber auch da hatte er nicht lange schlafen können, weil er sich ein bisschen Geld mit Brötchen austragen verdient hatte. Bei Bäcker Prczykowsky. Er hatte sich das Geld zusammensparen wollen für einen Lederball. Elf Reichsmark sollte der kosten. Eine Unsumme für den jungen Willy. Aber etwa sieben Reichsmark hatte er schon beisammen gehabt. Dann war im Sommer die Nichte von Bäcker Prczykowsky zu Besuch gekommen. Ein hübsches zwölfjähriges Mädchen, das eigentlich irgendwo in der Nähe von Lüdenscheid zu Hause war. Mit ihren langen blonden Locken, ihren dunkelbraunen Augen und ihrer netten kleinen Stubsnase hatte die kleine Giulietta den Willy verzaubert und mit einem Mal war ihm der Ball egal gewesen. Und sein Sparstrumpf hatte ein Loch bekommen. Zweimal waren sie mit dem Fahrrad zur Cranger Kirmes gefahren und zum Abschied hatte er ihr eine einigermaßen günstige, weil schon gebrauchte, Ausgabe von „Der Hund Von Baskerville“ geschenkt. Die Geschichte hatten sie in Zeitungsausschnitten gesammelt im Haus des Bäckermeisters entdeckt und sich eines Nachts, als sie beide von zu Hause ausgebüxt waren, im Haus Goor gegenseitig vorgelesen.

Jetzt hat er schon lange Wochen nichts mehr von Giulietta gehört und der kleine Taddel, Tadeusz, der achtjährige Sohn des Bäckermeisters, hüllt sich in Schweigen, wenn Willy nach ihr fragt. Er möchte immer mit Willy und den Anderen mitpöhlen, aber sie lassen ihn nicht, weil er ihnen viel zu jung ist. Mit seinem Schweigen revanchiert er sich dafür bei Willy.

„Ich bin doch Euer größter Fan.“, sagt er immer, der kleine Taddel Prczykowsky.

Weihnachten 1903

Sie waren geflogen, sie waren wirklich richtig geflogen. Der Mensch konnte fliegen. Unfassbar.

Seit ein paar Tagen spricht man in ganz Schalke, in ganz Gelsenkirchen und vermutlich auf der ganzen weiten Welt von nichts anderem. Irgendwo in Amerika hatten zwei Brüder eine Maschine gebaut, mit der sie fliegen konnten. Fliegen. In der Luft. “Tausend Meter weit.” ruft Taddel und läuft mit ausgebreiteten Armen durchs Wohnzimmer der Prczykowskys. “Ach, Quatsch! Doch keine tausend Meter.”, entgegnet Willy und tippt sich dabei an die Stirm. “Hab ich gehört.”, beharrt der Kleine. “So’n Kappes. Datt waren irgendwatt um die dreissich oder fünfundreissich.”

“Streitet Euch nich Kinners. Wir ham schließlich Weihnachten.”, macht Taddel’s Mutter den wohlwissentlich vergeblichen Versuch, für Ruhe zu sorgen. Mit ihrem untrüglichen Mutterinstinkt hat sie schon längst begriffen, dass der Gies-Junge die fast schon abgöttische Zuneigung ihres Sohnes nicht erwidert.

Willy bereut es, dass er mit seiner Mutter zu den Prczykowskys mitgegangen ist. Aber er hat gehofft, etwas Neues von Giulietta zu erfahren. Wenn nicht jetzt an Weihnachten, wann dann? „Freut mich, dass es Deinem Bruder wieder besser geht.“, sagt Willy’s Mutter zu Frau Prczykowsky, die gerade Kaffee eingießt. „Ja, er hat sich wohl jetzt mit seinem Schicksal abgefunden. Hat mir meine Schwägerin geschrieben. Iss aber auch schlimm mit ohne die Beine. Man kann sich das gar nich vorstellen. Dabei hat er immer so gerne getanzt.“ Die Bäckersfrau fügt noch irgendetwas auf Polnisch hinzu, vermutlich ein Gebet, und bekreuzigt sich dabei. Im April waren 30 Bergleute auf der Zeche „Königin Louise“ in Oberschlesien tödlich verunglückt. Der Bruder der Bäckersfrau hatte überlebt, aber seine beiden Beine waren nicht mehr zu retten gewesen. Willy schaudert bei dem Gedanken. Keine Beine mehr. Kein Fußball. Alles andere wäre schlimm genug. Einen Arm zu verlieren oder eine Narbe, wie sie beim Kettwiesel teilweise vom Bart überdeckt wird. Aber keine Beine mehr…

„Ich geh zur Goorwiese.“, sagt Willy und erhebt sich vom Boden, auf dem er die ganze Zeit gesessen hat. „Nimm den Kleinen mit.“ sagt seine Mutter. „Au, ja! Pöhlen geh’n!“, ruft der Kleine begeistert und läuft zum Kleiderhaken, um seine Jacke zu holen. Unterwegs stolpert er dabei über ein Kinderspielzeug. Einen Kreisel. Aber er rappelt sich gleich wieder hoch. Willy zeigt sich weniger begeistert. Wie kommt er dazu, immer den Kleinen an der Backe zu haben. Ist ja schließlich noch nicht mal sein kleiner Bruder. Und selbst wenn…

„Muß datt sein?“.
„Komm, sei lieb.“, sagt seine Mutter mit ihrem Augenaufschlag, der auch das Vaterherz schon bald zwei Jahrzehnte immer wieder zum Schmelzen bringt. „Es ist…“
„…Weihnachten. Ich weiß. Wir können wahrscheinlich sowieso nicht pöhlen. Alles viel zu nass.“

Vor drei, vier Tagen hatte es geschneit und gestern und am Vormittag geregnet. Die Goorwiese konnte sogar vereist sein. Mit dem zusammengenähten Stoffballen, den sie zum Pöhlen verwenden und der in kürzester Zeit feucht und klamm wird, ist das auf die Dauer jedenfalls nicht wirklich ein Vergnügen. Und einen Lederball hatte ihm das Christkind gestern, am Heiligen Abend, nicht gebracht. Den Anderen sehr wahrscheinlich auch nicht.

Der kleine Taddel ist inzwischen schon längst nach draußen gelaufen. Willy geht ihm gemächlich nach, während er seine Jacke anzieht. Er hat es gar nicht mehr so eilig, zur Goorwiese zu kommen. Die Bäckersfrau gibt ihm an der Gartentür noch Schal und Mütze für den Kleinen mit. „Tu den Schal um und setz die Mütze auf.“, ruft sie ihrem Sohn hinterher. Kann sich aber gar nicht sicher sein, ob der sie überhaupt verstanden hat.

Willy sagt ihm noch einmal sinngemäß das selbe, als er ihn nach ein paar Metern eingeholt hat. Aber der Kleine legt gar keinen Wert auf die Sachen. „Da nimm, Du wirst sonst krank.“, sagt Willy gereizt und mit Nachdruck. „Ich werd‘ nich krank.“, entgegnet der Kleine. Nimmt aber die Sachen, um es sich mit seinem Idol nicht völlig zu verderben. Seinen Eltern gegenüber hätte er sich jetzt vermutlich beharrlich geweigert. Die sind beide immer schon Wachs in seinen Händen gewesen. Aber Willy bringt es fertig und trägt ihn eigenhändig stante pede wieder zum Elternhaus zurück. Es wäre nicht das erste Mal. Also setzt er sich die Mütze auf und bindet sich den Schal zu. Dabei verzieht er angewidert das Gesicht.

„Ich find gelb häßlich. Außerdem kratzt datt Dingen.“
„Wieso? Gelb ist doch ne schöne Farbe.“
„Ich find blau viel schöner.“
„Die Holländer haben neulich auch in Gelb gespielt.“, erzählt Willy. „Gelbe Blusen und Rote Hosen. Sah richtig schick aus. Sei froh, daß Du einen so schönen Schal hast.“
„Blau ist trotzdem schöner.“

„Naja, wenn Du meinst.“ Willy hält es für sinnlos, mit dem Kleinen über Farben zu diskutieren.

„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres und/oder Interessantes über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Klar erkennbar muss sein, ob es sich um eine wahre Geschichte handelt oder um einen Prosatext, also einen konstruierten, erfundenen, der etwas Bestimmtes ausdrücken will in Bezug auf den FC Schalke 04.
Wichtig ist natürlich auch, dass ihr kein Problem damit habt, dass euer Text hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Am Goldnen Hochzeitstage (Teil 2)

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