Auf Abwegen

Matthias Berghöfer geht ganz gerne mal zum Fußball, egal in welcher Liga, Hauptsache Schalke ist dabei. Manchmal schreibt er dann auch darüber oder nervt seine Umwelt mit euphorischen Erzählungen. Kannste nix machen.

Heute geht es um eine Überraschung im Büro, bei der plötzlich das Jahr 1975, eine Luxuskarosse und der Schalke-Präsident zum Thema werden.

„Du, immer wenn ich in den Nachrichten was von Schalke höre, muss ich an dich denken“, sagt mein Kollege Roetger aus dem Land von Youri und Huub, und ich sinke ein Stückchen tiefer am Telefon. „Jaja, ich weiss, wir hatten gestern gegen die Bayern keine Chance und vor ein paar Tagen in Rumänien, das war auch nicht so toll, aber wenigstens war die Reise schön“ sag ich, um von der Klatsche gegen die Roten und den diversen in den Medien heftig diskutierten Begleitumständen um die Rückkehr von Manuel Neuer abzulenken.

„Ach, hat Schalke gegen die Bayern gespielt? Wusste ich gar nicht!“, sagt Roetger, „du weißt doch, ich hab mit Fußball nix am Hut.“, und legt in meine Erleichterung noch einen nach: „… obwohl … ich hab ja mal euren Präsidenten gefahren, den Siebert, das war ne Type!“
„Was? Erzähl!“

und Roetger erzählt:

„Anfang der Siebziger war das, da hab ich, um meinen bescheidenen Studentenwechsel aufzubessern, an Wochenenden bei einem Mietwagenunternehmen am Flughafen Düsseldorf als Fahrer gearbeitet.

Eines Tages kam mein Chef mit zwei reichlich nervösen und hektischen Fahrgästen zu mir und erklärte, dass es sich hier um den damals weithin bekannten Herrn Siebert von Schalke mit Begleitung (wohl auch vom Verein) handelte, und dass sie wegen einer stark verspäteten Landung nur noch zehn Minuten Zeit hätten, um rechtzeitig zum Anpfiff des Bundesligaspiels ihrer Mannschaft ins Stadion zu Uerdingen zu gelangen.

‚Oh, das wird aber knapp, wie soll ich das denn schaffen?‘, fragte ich, und mein Chef beruhigte: ‚Fahr halt so schnell wie’s geht!‘ und gab mir – anders als sonst, wenn ich mit dem VW Bulli Lufthansa-Crews zwischen Flughafen und Hotel hin und her chauffierte – einen richtigen Traumschlitten, den über sechs Meter langen ‚Pullman‘-Mercedes, die ‚Staatskarosse‘ schlechthin.

Wir setzten uns umgehend in Bewegung und ich erklärte meinen Fahrgästen, dass es da einen Feldweg gäbe, der zwar nur für landwirtschaftliche Fahrzeuge erlaubt war, aber eine erhebliche Abkürzung der Fahrstrecke bedeutete. Als wir auf besagtem, zwar asphaltiertem aber doch unebenen, Feldweg waren und ich meinen „Pullman“ hochkonzentriert mit ca 80 km/h in der Balance hielt, kam von Herrn Siebert, gute vier Meter weiter hinten, die Aufforderung, doch gefälligst etwas schneller zu fahren. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Wortlaut, aber es war jedenfalls derart ‚deftig‘ formuliert, dass ich umgehend meine Fahrt verlangsamte und den Abbruch der Reise ohne Bezahlung der bereits gefahrenen Strecke anbot. Ich muss sagen, ich war ob der Behandlung etwas ‚pikiert‘, und das war wohl ziemlich offensichtlich, denn der andere Fahrgast sagte daraufhin zu Herrn Siebert ‚Pass auf, der meint das ernst!‘ und dieser wiederum bedeutete mir ohne Zögern, die Reise fortzusetzen, wobei von nun an Schweigen im Fond herrschte.

Wir erreichten Uerdingen in Rekordzeit, aber ich kannte mich am Stadion nicht aus, fand die Einfahrt nicht, und ließ schließlich neben einer Gruppe Uerdinger Fußballfans die Scheibe an der Beifahrerseite herunter und fragte nach dem Weg. Die Fußballfans hatten so einen prächtigen Wagen sicher auch noch nicht gesehen, beugten sich neugierig hinein und erkannten sofort Herrn Siebert, dem sie sogleich ankündigten, dass ’seine Leute heute die Hucke voll‘ bekämen. Herr Siebert war dann, als wir schließlich – und beinahe rechtzeitig – am Ziel waren, doch noch sehr freundlich zu mir, sein vorheriger ‚Ausfall‘ war ihm wohl selbst etwas unangenehm, und ich erinnere mich noch heute, dass er mir lächelnd ein großzügiges Trinkgeld gab.“

Verblüfft lausche ich in den Hörer. Im riesigen Pullman-Mercedes über die Äcker nach Uerdingen. 1975 muss das gewesen sein, das allererste Mal überhaupt, dass Schalke dort spielte, und die Hucke voll gab’s wirklich. Aki und Helmut trafen, aber am Ende hieß es doch 3:2 für die Falschen, den Tabellenletzten, der damals noch Bayer Uerdingen hieß.

Und Roetger kassierte ein großzügiges Trinkgeld vom Schalke-Präsidenten. Jetzt weiß ich dann also auch, wieso in diesen Jahren die „Bongartzmark“ nötig wurde und für Marinho nix mehr übrig war…


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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2 Antworten zu “Auf Abwegen

  1. Und das hat er diese Woche am Telefon erzählt?
    Großartig 🙂

  2. Ja, am Montag. Dachte, das muss ich gleich mal erzählen und hab mich vorgedrängelt.

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