Fernes Freudenfest

Uwe Kemmer ist einer der vielen Schalker, die gerne in Köln leben und Vater von 2 Kindern, die sehr eifrig sowohl Kindergarten- als auch Grundschulfreunde zum königsblauen Glauben bekehren. Seit 2009 ist Uwe Mitglied im Aufsichtsrat des FC Schalke 04.

Ein Heimspiel gegen den FC Bayern München steht an. In der heimischen Donnerhalle, die natürlich bis auf den letzten Platz gefüllt ist und viele Tore erleben wird. Uwe aber ist ganz woanders…

Wir schreiben das Jahr 2002, genauer gesagt den 26. Januar 2002. Um den langen grauen Winter in Deutschland zu verkürzen, ihn etwas erträglicher zu machen, haben meine Frau und ich zwei Wochen Thailand eingeschoben.

Khao Lak hatten wir im Winter 2001 eher zufällig entdeckt.
Warum also nicht noch einmal dahin fliegen?

Zur der Zeit war Khao Lak ein relativ unbekanntes Stückchen Erde mit einem traumhaften Strand, der noch nicht von Pauschaltouris okkupiert war. Khao Lak hatte neben dem Traumstrand eine Durchgangsstrasse mit vielleicht zehn Geschäften und ein paar Restaurants.
Das einzige was mich aus meiner zenhaften Ruhe und Erholungsstarre löste, war das ungelöste Problem des Informationsnachschubes aus der fernen Heimat. Konkret: Das Heimspiel gegen die Bazen stand an und mein Freund Dieter, sonst zuverlässiger Telefonist aus der Heimat, war selbst in Urlaub.
Wie sollte ich mich an diesem Tag erholen, wie sollte ich die landestypische Gelassenheit adaptieren, wo es doch gegen die Bazen ging?

Nun, Thailand ist durchaus fußballverrückt. Die Thais, mit denen ich über Fußball sprach, die waren entweder ManU oder Liverpool Fans. Entsprechend war die Häufigkeit dieser Trikots im Straßenbild.

Eine Episode am Rande:
In Phuket fuhr ein Mopedfahrer mit Schalke Trikot und einem Namenszug in Thai-Schrift an mir vorbei. Ich bin dem Kerl sofort nachgelaufen, weil ich den T-Shirt Tausch anregen wollte. Der arme Thai, einige Zentimeter kleiner als ich, unterstellte mir wohl unlautere Absichten und verstand natürlich nicht, was ich wollte. Auf jeden Fall ergriff er die Flucht und glaubt wohl noch heute seinem Meuchelmörder entkommen zu sein.

Zurück zum Thema:
Also, unser S04 kickt gegen die Bazen und ich bin quasi am Ende der Welt. Nix Online Stream oder Handy Empfang! Und da kommt die göttliche oder buddhistische Fügung! Das Thai-TV zeigt unser Spiel um 20.30 Uhr Ortszeit live!!!

Ich also mit meiner Lady locker zum Abendessen mit der klaren Ansage, spätestens gegen 20 Uhr auf die Suche nach einer Kneipe mit Fußball im TV zu gehen.

Gegen 20 Uhr sind wir dann auf ein Tuk-Tuk aufgesprungen. Für nicht Asien-Kenner, das sind Mopeds mit 2-Taktmotor und Ladefläche mit Sitzbank. Mit dem Tuk Tuk haben wir dann die örtlichen Spelunken abgeklappert, in der sicheren Erwartung nun den S 04 zu sehen. Und? Pusteblume! Die Thais wollten sich alle lieber irgendeine angesagte Soap reinziehen. Die letzte Hoffnung war dann eine Billardbude, in der über dem von schwedischen Mopedfreaks benutzten Billardtisch ein ausgeschaltetes TV hing.

Was musste ich tun, um die Jungs zum Einschalten des TV zu bewegen?
Mein Eröffnungsangebot war eine Lokalrunde des Thailändischen Herrengedecks, bestehend aus Mekong Whiskey und einer Flasche Singha Bier. Letztendlich einigten wir uns auf die Eröffnungsrunde PLUS jeweils eine Runde, wenn mein Team ein Tor schießt!

Wer erinnert sich nicht an dieses Spiel?
Ebbe nach Doppelpass mit Emile, Böhmes Schlenzer mit dem Außenrist von halblinks, Sven Vermant in der 90. Minute, es war herrlich!
FÜNF Lokalrunden habe ich springen lassen DÜRFEN!

Nach, wahrscheinlich eher schon vor, dem Abpfiff des 5:1-Kantersieges war ich so was von, äh, „angeschlagen“… Meine Erklärung für den Riesenschädel am nächsten Tag war die Vermutung, dass das Thai Bier wegen der großen Hitze im Land mit einem erklecklichen Anteil an Konservierungsstoffe gebraut wird.

Trotzdem:
Ich lag am nächsten Tag am Strand und hatte gleichzeitig einen Megakater und eine typisch asiatische Ausgeglichenheit mit Dauergrinsen.

Sawasdee kaa
Uwe Kemmer


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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Eine Antwort zu “Fernes Freudenfest

  1. schöne Geschichte !
    Den flüchtenden Thai seh ich bildlich vor mir 🙂

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