Drei Tage, drei Unentschieden

Tino Steger weiss noch nicht recht, wie er sich vorstellen soll, lieber erzählt er mal eine Geschichte

…nämlich die von einem Konzert und einer Auswärtsfahrt zu einem Traktorreifen im südlich gelegenen Weißwurstdorf, einst im Novmber, als der Felix noch ein Schalker war und der Louis noch ein Bayer, und als es um drei Punkte ging, aber doch nur drei Unentschieden dabei herum kamen.

Tag 1, Freitag der 6.11.2009

Das Wochenende begann diesmal bereits am Freitag mit einer für meine Verhältnisse relativ seltenen Tätigkeit, welche der gemeine Mensch in diesem, unseren seit nun fast 20 Jahren vereinigten Vaterland als Zug fahren bezeichnet.
Ich setzte mich also pünktlich um 16:43 am Hauptbahnhof der schönsten Stadt der Welt, Burgstädt, in den Regionalexpress gen Leipzig. In diesem musste ich erstmal die mir eigene Zurückhaltung und meine ganze Aufregung vor dem, was da kommen sollte bekämpfen.
Als absolut brauchbares Medikament in diesen Situationen hat sich bei mir in den letzten Monaten ein Getränk namens „Faxe“ aus kleinen Dosen herausgestellt.
Ich brauchte diesmal bis Leipzig 3 Büchslein. Da mir schräg gegenüber ein weibliches Wesen von relativ graziler Gestalt und löblichem Äußeren Platz genommen hatte welche, einer rein visuellen Konversation nicht abgeneigt war verging die dreiviertel Stunde bis zur Heldenstadt relativ zügig. So konnte ich beim blinkern schließlich noch Musik hören.

Unser großer Vorsitzender rief nun an und redete seine eigene Unpünktlichkeit und sein damit verbundenes unentschuldigtes Fehlen am Leipziger Hauptbahnhof mit einem Stau schön, dem er angeblich plötzlich und natürlich völlig unerwartet ausgesetzt wurde. Was nun? Ein junger, dynamischer Mann vom Land ganz alleine im Leipziger Bahnhofsviertel. Ich war verzweifelt und trank zur Beruhigung erstmal ein Bier.

Inzwischen meldete sich auch der B-Clan wieder. Nicht mal in Ruhe Angst haben darf man in dieser Welt. Achim meinte, sie wären ca. 1h später da, als es ausgemacht wäre. Ich vermute mal, er hatte seine Uhr einfach noch nicht umgestellt.

Ich beschloss die Geschicke nun in meine eigenen und bewährten Vorderfüße zu verlagern und trat mutigen Schrittes aus dem Kuppelsaal der Bahnhofshalle auf den dunklen Vorplatz. Dort sah ich dann eine Gruppe Menschen, bestehend aus 3 jungen Frauen und einem jungen Mann, welche noch größere Angst zu haben schienen. Zumindest waren diese mit Pflaumenwein und Kirschlikör dabei sich zu beruhigen.
Der junge Mann (Name habe ich leider vergessen, ist auch nicht wichtig) trug etwas, was mir dann doch wieder etwas Mut machte, als dem öffentlichen Nahverkehr relativ hilflos ausgelieferte Kreatur Gottes mein abendliches Ziel doch noch zu erreichen, nämlich eine Jacke mit mehreren Aufnähern der besten Band aller Zeiten (1980-2005 R.I.P.) und darunter ein T-Shirt der Band des Abends „Frei.Wild“.
Ganz entgegen meiner Art wagte ich die junge Gruppe anzusprechen, was mir letztendlich eine Freifahrt auf Netzkarte von Mädel 1, reichlich Pflaumenwein von Mädel 2 und eine Freundschaftseinladung von Mädel 3 im VZ einbrachte. Danke Achim…Danke, hast du wieder fein hinbekommen. Ich hab Dank dir jetzt ne Freundin, die sich mit dem Nickname „Suizidgefährdet“ im Netz rum treibt. Das hat mir noch gefehlt.

Irgendwie kamen wir jedoch pünktlich am Hellraiser an und durch einen Anruf bei meinem besten Freund Achim (gelle Vize?) mit Nennung der postalischen Anschrift der Lokalität gelang es sogar ihm, sich und seine beiden Nachkommen noch vor dem eigentlichen Einlass um 19:00 an Ort und Stelle zu bewegen. Nun hieß es warten. Auch hier wieder viele ängstliche Leute, welche sich Mut antranken.

Es wurde 20Uhr und es bewegte sich nichts. Der Meute vor der Halle was es irgendwie auch egal. War bissel wie bei früheren Konzerten der Onkelz. Wenn keiner für uns singt, dann singen wir halt selber. Überhaupt hat Frei.Wild richtig viele Fans von den heiligen 4 Königen geerbt. Kurz nach 20Uhr begann meine kleine Lisa zu frieren. Wir auch, aber das geben wir niemals zu. Also begab ich mich forschen Schrittes zur Glühweinbude vor der Halle. Flink 3x Heidelbeerbrühe geordert und den ersten Becher vorsichtig angefasst. Aber was war das? Die Soße war total kalt. Nun wurde mir doch etwas komisch und ich verspürte den Drang irgendetwas kaputt zu machen. Aber da man das nicht darf reklamierte ich besser den „Kaltwein“.
Der etwa 14,5 Jahre alte Verkäufer nahm diesen auch nach einem netten Blick und einer dezenten Aussage meinerseits, mit der ich meiner Unzufriedenheit über sein Tun Ausdruck verliehen hatte zurück. Oder besser, er verdrehte kurz die Augen, als ich ihn darauf hinwies, doch besser den von mir bereits getesteten Becher nicht so ohne weiteres wieder in den großen Topf zurück zu kippen, da wir ja hier nicht in Turkmenistan auf dem Basar wären und es doch derzeit reichlich Erkältungspotential gäbe. Das hat er dann auch irgendwie gleich eingesehen und sich den Becher lieber selber verklappt. Mir war es egal dann. Nach weiteren 10min hatte ich nun meine 3 Glühweinchen und es konnte mit dem Warm Up begonnen werden.
Gegen 20:45 durften wir dann alle nach drinnen ins Warme. Wobei letzteres Wort auch als solches verstanden werden darf. Es war heiß drin als die Hütte dann voll war. Wir nutzten noch schnell die gastronomischen Einrichtungen und stärkten uns mit zwei, drei Hopfenkaltschalen. Gegen 21:25 begann dann der Spaß. Die erste Band des Abends, die „Wilden Jungs“ aus Fulda enterten die Bühne und legten einen soliden Gig hin. Da sie nun aus Hessen kommen sahen sie sich in der Pflicht uns ihre Liebe zur Diva vom Main in einem Lied mitzuteilen. Die 4köpfige Schalke-Fraktion im Saal ließ es sich natürlich nicht nehmen sie herzlich mit dem beliebten Frankfurter Gruß „Ihr seid alles Offenbacher Jungs!!“ zu begrüßen.

Alles in Allem eine vergnügliche Dreiviertelstunde. Danach fix ein Bier geholt und eine geraucht. Natürlich im Saal. Es ging auch kaum einer raus, war schließlich kalt draußen. Vorband 2 verdient keine Erwähnung, Sie war einfach schlecht. Mir taten meine kleinen Ohren nach 20Sekunden weh. Und es wurde auch nicht besser bis zum Ende des hohlen Vortrages dieses gewöhnungsbedürftigen Klangkörpers, dessen Name mir ebenfalls entfallen ist. Nun hieß es warten auf die Jungs aus Südtirol.
Kurz nach 23:00 stürmten sie dann mit der Textzeile „Hier ist die Band die bis heute keiner kennt, 4 junge Typen, wir sind Frei.Wild“ auf die Bühne. Also ich habe ja nun schon das eine, oder andere Deutschrockkonzert erlebt. Aber so wie am Freitag zu Beginn des Konzertes brennt es selten im Saal. Die Jungs zerlegten das Ding förmlich. Doch wer will kann es sich gerne mal reinziehen.


Gegen 00:40 war dann Ende und wir begaben uns auf den Rückweg. Ein hammergeiler Abend war vorbei!

Irgendwie war ich dann etwas müde. Zumindest gelang es mir im Auto ne halbe Stunde zu schlafen, was normal bei mir nicht möglich ist. Ansonsten noch etwas mit Achim geschwatzt, die Jugend auf der Rückbank war längst am pennen.

Eine nette Begebenheit gab es doch noch, welche sich im Nachgang als doch sehr lustig herausstellen sollte. Da wir gegen kurz nach 6 Uhr los wollten und zunächst den geliebten Vize abholen würden malten wir uns aus, wie denn der Tag so beginnen würde. Ich glaubte daran, dass der von Gott gesandte Matthias (das ist nicht meine Erfindung, sondern Matzes Erklärung seines Namens nach dem Genuss von zu viel Bierchen) ins Auto steigen und innerhalb der ersten 10 Sätze wenigstens 1x auf sein greises Alter hinweisen würde. Doch dazu später.
Um kurz vor halb 3 waren wir bei Familie B. und ich legte mein müdes Haupt zu seiner zwar kurzen, aber dadurch nicht minder verdienten Ruhephase auf ein liebevoll von meiner lieben Martina bezogenes Kopfkissen..

Tag 2, Samstag der 7.11.2009

Der Tag begann mit dem schrecklichsten denkbaren Ereignis gleich nach dem zweiten Weltkrieg, nämlich mit Aufstehen. Da sind immer die Momente, an denen ich doch leichte Zweifel habe, ob wir noch dicht sind, oder unser Oberstübchen nun doch in Mitleidenschaft gezogen ist.

Doch schon ne halbe Stunde später, nachdem ich meinen Alabasterkörper unter das reine thüringische Quellwasser gehalten hatte und ein wohlriechendes Äußeres mein eigen nannte waren diese schlechten Gedanken weg und ich freute mich auf den Tag, die Truppe, das Spiel und auf alles was noch so kommen sollte.

Wir kamen dann auch einigermaßen pünktlich los. An Bord Achim, der Brezelschmied und meine bescheidene Gestalt. Zunächst ins kleine Nachbardorf Hopfgarten. Dort habe ich immer ein etwas beklemmendes Gefühl und Sorge wieder heil herauszukommen. Seitdem ich weiß, das sie dort sogar die Schweineschnitzel „englisch“ essen bin ich da lieber vorsichtig und bleibe im Auto. Aus einem kleinen Haus trat eine etwas mürrisch dreinschauende und mit tiefen Rändern unter den Augen verzierte Gestalt, welche sich nach genauer naher Betrachtung als ein gewisser Matthias F. herausstellte. Man hätte ihn auch leicht für Mitglied der Rolling Stones halten können, aber die haben ja nun echt keine Veranlassung morgens um 6:30 Uhr durch Hopfgarten zu stolzieren.
Was nun folgt ist O-Ton vom heiligen Matthias: „Guten Morgen. Mensch ist da heute zeitig. war ja auch spät gestern bei mir. Ich war im Schützenhaus.“ Und dann kam er, der Satz der Sätze, der Spruch der Sprüche, das Gebet unseres Vizepräsidenten. „Ich werde alt, das ist nichts mehr für mich“
Darauf folgte Gelächter von Achim und mir in Bezug auf die nächtliche Vorhersage meinerseits. Matzes nächster Satz „Na hör mal, ich bin 48 Jahre alt“ trug nun auch nicht gerade zur Entspannung unserer Lachmuskeln bei.

Wie auch immer, wir mussten los. Können ja nun nicht auf jede Befindlichkeit Rücksicht nehmen, wenn wir zum Sport müssen. Also ab auf die A4 und in einem kleinen Kaff in der Nähe von Gera einen weiteren Fahrgast abgeholt. Mein Kumpel Thomas, welchen ich nun schon knapp 13 Jahre kenne und der sich immer noch beharrlich weigert zum einzig wahren Glauben zu konvertieren, nämlich Schalke 04. Stattdessen wirft er sich in seltsame rote Gewänder, blubbert seltsame Worte von irgendwelchen noch seltsameren Dingen, wie 21 Meisterschaften, was von einer Champignonliga, obwohl gar niemand Hunger hatte und allerlei merkwürdige andere Dinge.

Egal, ein jeder hat Fehler, warum nicht auch mein Freund Thomas. Ansonsten stellte er sich beim kompletten Tross als „Jederzeit wieder“-Männlein heraus. Das ist ja zumindest eine Ehre, welche nicht vielen in den Farben des Weihnachtsmannes gekleideten Sympathisanten unseres heutigen Opfers zuteil wird.

Die Fahrt Richtung Weißwurstdorf verlief dann sehr kurzweilig. Nur muss sich Achim demnächst wohl ein anderes Auto zulegen. Ich vertrage irgendwie die Klimaanlage im Opel nicht. Hatte jedenfalls ständig Durst in dem Ding. Dank Thomas waren jedoch 3 Kisten Holsten an Bord, welche uns viel Freude bereiteten. Von den billigen Plätzen war natürlich das schon fast legendäre „Achim, du musst dringend anhalten, ich muss schiffen“ vom Vize im Halbstundentakt zu vernehmen. Und wer dann schon mal an einem Parkplatz vorbei gefahren ist und im Rückspiegel seine vor Angst geweiteten Augen gesehen hat, der weiß, wenn Matze „nächster Parkplatz“ sagt, dann meint er eigentlich den vorletzten an dem man vor 10min vorbeigefahren ist.

Doch nun genug der Ehre für die Prostata vom Vize. Sehr lobend muss ich diesmal mein eigenes Getriebe erwähnen, welches ja sonst immer eine gewisse Seelenverwandtschaft mit dem seinigen hat. Sehr schön die Aussage eines Schalkers auf dem vorletzten Parkplatz, an welchem wir anhielten. Beim Anblick unserer, gerade dem Auto entsteigender Rothaut kam spontan die Frage „Ihr habt wohl einen Gefangenen gemacht?“

Am Rasthof Holledau gab es dann Teil 1 der „deutsch-polnischen“ Verbrüderung an diesem Tag. Unsere nach dem Weggang von Sandra und Oli verbliebenen „3 Bautzener“ Evi, Gerd und Marco wurden freudig begrüßt. Es folgte eine längere Pause mit netten Gesprächen. Weil wir Fußballfans ein kulturell hochstehendes Völkchen sind, wussten wir natürlich, dass man kein Bier mit in die Gaststätte nimmt. Also nahmen wir eine Flasche „JimBimm“ (nein Sven, das ist wirklich kein Whisky, auch wenn es draufsteht) mit rein. Wurde ja nach dem ganzen Bier ja auch mal Zeit für etwas gehaltvollere Getränke. Ein Dank hier an den edlen Spender Sven. Schnell noch eine Cola gekauft und das zweite Frühstück konnte beginnen.

Irgendwann gelang es uns dann doch wieder weiter zu fahren. Lediglich wurde eine für die Ohren von Achim, Sven und mir bedrohliche Wette durch das neu entstandene Liebespaar Thomas und Matze auf dem Rücksitz geschlossen. Ich Depp habe diese auch noch nach altem Brauch besiegelt. Der Fan vom Verlierer des Spieles sollte am folgenden Tag die komplette (!!!!!!!) Rückfahrt die Hymne des Gegners singen. Ich schüttelte mich einige Male beim Gedanken, das Thomas „Schalke wird wieder deutscher Meister“, oder der Vize den unsäglichen „Stern des Südens“ darbieten sollte. Ein Dank schon mal vorab an beide Teams das sie uns diese Vorstellung erspart haben.

Das Hostel wurde Dank moderner Technik super einfach gefunden. Nur war das Zimmer noch nicht frei. Also ab die Bande Richtung Theresienwiese. Dort kurzer Stopp im „Hacker-Pschorr“ bei der Fanparty der Isar-Schalker. 0,33er Pils zu 2,80€ macht nun echt keinen Spaß mehr.Bloß schnell weg. Danach Aufbruch Richtung Traktorreifen. Mit der U-Bahn kein Thema, immer irgendwelchen Leuten nach, klappt immer wieder.

An der U-Bahn-Stadion der Arroganz-Arena dann der Beweis, das die Bauern doch etwas Kultur haben und sich durchaus der Bedeutung unseres Besuch bewusst waren. Zumindest gab es extra für die angereiste sächsisch-thüringische Reisegruppe zur Begrüßung „Thüringer Rostbratwurst mit Bautzener Senf“. Sie wollten dafür zwar stolze 3€ haben, aber das klappt beim nächsten Mal bestimmt besser. Ich kenne schließlich eine aus dem Osten die in aller Welt umsonst zu essen und zu trinken bekommt. Zumindest in der Beziehung halte ich unsere „Angie“ für ein Vorbild, dem es nachzueifern gilt.

Übers Spiel muss man denke ich nichts verlieren. So berauschend war es nun auch wieder nicht. Ich erlebte zumindest innerhalb des Schalker Blockes einen bayrischen Torjubel der Extraklasse. Ball drin, Thomas mit einem leisen und unglaublich kurzen „Tor“, verbunden mit kurzem Rundblick ob es denn auch niemand gemerkt hat. Gut, ich habe mich in dem Moment gefragt wie ich als einzelner Blauer im Bayernblock reagiert hätte. Da dies aber nicht der Fall war und man sich keine Gedanken über ungelegte Eier machen sollte werde ich hier das abschließende Ergebnis der kurzen Überlegung auch nicht darlegen.

Es wurde irgendwann 17:20, das Gemurmel wurde beim Stand von 1:1 abgepfiffen, uns war kalt und wir hatten Durst. Nur noch eine kalte Brühe, welche diese Unmenschen da unten Bier nennen und zum schwindelerregenden Preis von 4€ ans Volk transferieren, wollten wohl auch keiner von uns mehr haben. Nachdem dann selbst der liebe Vize wieder eingefangen war, welcher uns voller Stolz und Freude über sein Umfeld im Block berichtete, machte sich unsere Truppe auf Richtung U-Bahn. Überraschenderweise ging dies dann richtig zügig mit der Abfahrt Richtung City. Es wäre auch eine durchaus störungsfreie Fahrt in die Stadt gewesen, hätte nicht ein Unbekannter in der U-Bahn einen Giftgasanschlag auf uns verübt. Wie gesagt, ein Unbekannter. Respekt gilt hier echt unserem Vorsitzenden Achim, welcher mit seinem sensiblen Riechorgan eine regelrechte Verkostung der U-Bahn-Wolke gemacht haben muss. Zumindest ist es ihm gelungen ca. 1h später im Zimmer genau dieses Attentat bis auf die kleinste Nuance genau nachzustellen. Ich habe ihn echt bewundert. Ein Rezept, was er erst von einem Unbekannten serviert bekommen hat derart detailgetreu nachzumachen. Jeder Chinese wäre blass geworden.

Ebenso wunderbar war unser Hotel, Hostel, oder einfach nur Jugendherberge. Nicht dabei gewesene können sich gar nicht vorstellen, wieviel Spaß 5 leicht angeheiterte Fußballfans beim gemeinsamen Beziehen der Betten haben können.

Nach einem Bier und einem weiteren kleinen Attentat vom Chef mussten wir handeln. Im Zimmer konnten wir nicht bleiben, das hätte sicher zu Verätzungen der Schleimhäute aller Beteiligten geführt. Zum Glück hatte ich bereits auf der Anreise mit einem guten Freund aus Freising telefoniert, welcher am Abend zu uns stoßen wollte. Also nochmals kurze Rücksprache gehalten und ab ging es zu Fuß zur Augustiner-Stuben. Dort erwartete uns bereits unser lieber Salzi. Er stand einfach so unter der Laterne und wurde merkwürdigerweise auch von niemand umgerannt. das passiert ihm sonst ständig, weil er so klein und zart ist.

Leider, oder im Nachhinein vielleicht auch zum Glück war in besagter Schankwirtschaft keine Möglichkeit unsere inzwischen auf 6 Ärsche angewachsene Reisegruppe auf zusammenhängenden Sitzgelegenheiten zu parken. Die schlaue Idee einer Kellnerin doch einfach am Tresen bei ein, zwei Bier auf einen freiwerdenden Tisch zu warten hatte sie vor uns schon einigen anderen Ballsportfreunden aus dem Ruhrgebiet gegeben. Dieses Vorhaben gestaltete sich relativ schwierig.
Erstens: Wo war noch Platz am Tresen?
Zweitens: Der Tresen war direkt am Küchenausgang. Das hätte bedeutet, wir hätten uns noch bestimmt 2h dampfendes Essen anschauen müssen, aber keines bekommen. Da nun besonders unser heiliger Matthias seinem dringenden Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme Ausdruck verlieh und ich feststellen musste, dass er dies nicht minder gründlich tat wie seine Pinkelbettelei, verließen wir dieses Etablissement zügigen Schrittes und begaben uns ins Freie.

Der liebe Salzi sagte uns, dass gleich ums Eck noch ein Glas-Bier-Geschäft mit Augustinerwerbung sei. Und wenn Salzi sagt, dass es nicht ganz so weit ist muss man eigentlich schon in dem Moment aufpassen nicht mitten drin zu stehen. Er hat einfach das Spazieren noch nicht für sich entdeckt. Gesagt, getan und los ging ein ca. 2min Fußmarsch.

Die Kneipe war fast leer und wirkte doch sehr einfach. Egal, rein, spachteln, Bier trinken und wieder raus. So war der Plan. Wir nahmen Platz und warteten auf die Bedienung. Und dann kam sie angelaufen … nee … geschwebt … unsere Johanna … der Star unseres Abends. Die Königin unserer Herzen. Unser Vize ging völlig planlos zur Schnappatmung über, Thomas setzte sein Sonntagsgesicht schon paar Stunden früher auf und ich selber versicherte mich noch einmal beim Vorsitzenden ob ich nicht eventuell sabbern würde. Relativ gelassen bei all diesen Tätigkeiten waren auf der einen Seite des Tisches 3 Personen. Salzi, weil er eh jede haben kann, Sven, weil Johanna ihm etwas zu alt erschien und Achim, weil Martina hier sicher mitliest und der Achim mein Freund ist. Sehr zum Leidwesen vom Vize.

Dann kam es zu mir noch immer sehr schleierhaften Taten einiger Beteiligter unserer Gruppe und von Seiten der Wirtschaft: Kann mir irgendwer erklären warum Achim und der Vize Hähnchen mit Pommes bestellen, obwohl gar kein Hähnchen auf der Karte draufstand? Und warum bekamen wir überhaupt eine Karte, wenn es doch nur ein Essen, nämlich Schnitzel mit Pommes gibt? Fragen über Fragen, aber als unsere Johanna wieder am Tisch erschien waren diese schnell vergessen und wir taten einfach alles, was sie sagte.

Johanna stellte sich als ein supernettes Mädel polnischer Abstammung heraus. Schon dieser leichte osteuropäische Akzent brachte unseren heiligen Matthias fast dazu, an unlöbliche Dinge zu denken. Er ließ wirklich seinen kompletten Charme spielen, was der jungen Frau bisweilen schon fast zu viel des Guten war. Thomas und meine Wenigkeit machten dies aber mit ihrem arteigenen Liebreiz sofort wieder wett. Wir lernten so einiges über Handkuss, Poznan und ihr bisheriges Leben. Im Laufe des Abends wurde dann neben dem Bier auch zu etwas handfesteren Getränken übergegangen. Dies führte durchaus zu keinerlei Schwächung des Balzverhaltens von dem oben beschriebenen Teil unserer Gruppe. Zumindest zwei von uns behaupteten auf dem Heimweg dann auch, ihre Telefonnummer zu haben. ich denke, es würde jetzt nicht fair sein, wenn man die Beiden hier benennt, da schließlich der Wunsch der Vater des Gedanken war. Also werde ich hier weder Thomas, noch Matze in irgendeiner Form an den Pranger stellen. Schließlich hatten sich diese auf einen weiteren ritterlichen Zweikampf eingelassen. Diesmal hieß die Wette „Wer verträgt mehr Schnaps“. Wie auch immer, die Beiden hielten es für eine superoriginelle Idee und glaubten sicher kurzzeitig, dass sie sogar die Erfinder dieses bahnbrechenden Kneipensportes seien.

Seinen kleinen Ausflug in die Welt der Barkeeper und Cocktailerfinder hatte unser Brezelchen dann auch noch. Doch sein selbst entworfener Cocktail aus Bier, Wodka, Schnitzel, Pommes, Ketchup und Majo, welchen er unter Einsatz seines gesamten Körpers in einem leeren Maßkrug hinein zelebrierte fiel bei uns schon durch den ersten, visuellen Test. Es sah einfach nicht einladend aus und folglich wollte auch keiner mehr etwas davon probieren. Sven hat es dann beleidigt alles ins Klo gekippt und die Welt war wieder genau so in Ordnung wie die Gesichtszüge unserer Johanna. Zwischenzeitlich konnte ich in ihren schönen Augen durchaus eine gewisse Ungewissheit erkennen. Sie traute wohl unserem kleinen Bäckerchen nicht und kontrollierte unregelmäßig ob er wirklich schlief, oder eventuell erwachte und mit rebellierendem Magen zu neuen Taten zu schreiten bereit war. Aber der Junge war tapfer wie immer. Nun wahrscheinlich etwas klüger. Er weiß jetzt bestimmt auch, warum es im Boxen verschiedene Gewichtsklassen gibt und warum sich ein Zsolt Erdei nicht zwingend gleich mit beiden Klitschkos messen will.

Alles in allem ein sehr vergnüglicher Abend. Wir verließen die Kneipe dann gegen 0:30. Natürlich wie es sich für echte Gentleman einer polnischen Dame gegenüber gehört mit Handkuss. Ich hatte lediglich meine Bedenken, noch etwas Hand zu erwischen, nachdem Thomas mit seiner eher etwas grobmotorigen Art den Eindruck erweckte, ihr die Finger abzubeißen. Egal, wie durch ein Wunder war noch alles dran und ich heilte alles mit dem Handkuss des Jahres. Dieser endete erst in ihrer Armbeuge, glaube ich. Böse Zungen sprachen am nächsten Tag zwar davon ich hätte ihr mehr hundemäßig die Hand abgeleckt anstatt sie zu küssen, aber das sind echt Berichte welche jeglicher Grundlage entbehren und von denen ich mich hiermit auf das allerschärfste distanzieren möchte. Ich habe alles gegeben und habe das Leuchten in ihren Augen schließlich gesehen. Mein Freund Achim hat dies auch so bestätigt. Unbeantwortet bleibt dagegen die Frage, warum der heilige Matthias am nächsten Morgen ein Haar zwischen den Zähnen hatte. Meine ehrliche Antwort auf seine Frage, dass dies normal ist, wenn er auf dem Heimweg im Blutrausch wegen seiner Erfolglosigkeit bei Johanna einer Ratte den Kopp abbeißt, ließ der eitle Pfau jedenfalls nicht gelten.

Der Heimweg gestaltete sich relativ unkompliziert. Achim stützte Sven, welcher sich wohl beim Verlassen der Kneipe eine kleine Sportverletzung zugezogen hatte, den sogenannten Frischluftkollaps. Dieser führt zu ungeraden Laufstil und einer etwas veränderten Muttersprache. Wenn der Patient aber dann eine Nacht in der stabilen Seitenlage verbracht hat, ist meist der Heilungsprozess schon abgeschlossen. So auch in diesem Falle. Ansonsten waren wie schon beschrieben der Heimweg und das eine noch zu trinkende Schlummerbier schnell erledigt. Achim und der liebe Vize tauschten noch einige Lebenserfahrungen aus, denen ich als junger Mensch intellektuell etwas hilflos gegenüberstand, so dass ich es vorzog in mein Körbchen zu entschwinden. Nachdem die beiden dann auch die letzten Fragen unbeantwortet gelassen hatten gingen auch diese ins Bett und es war um genau 2:13Uhr himmlische Ruh im Zimmer.

Ich schlief entspannt bis ca. 2:15Uhr.

Da entbrannte ein erneuter Wettkampf zwischen unserem neuen Traumpaar Matze und Thomas. Diesmal ging es um Dezibel, um Kubikmeter Holz und solches Zeug. Auch hier glaube ich ein Unentschieden gehört zu haben. das war damit bereits die dritte Punkteteilung an diesem Tag. zwischen den beiden, nachdem sowohl das Spiel als auch der abendliche Obstlerwettkampf bereits unentschieden geendet hatte. Irgendwann schlief ich dann doch und das sogar erstaunlich gut in einem Bett, was alles andere als gemütlich aussah.

3. Tag, Sonntag 08.11.2009

Der Dritte Tag begann für mich bereits um 7:00, da ich vom anhaltenden Schnarchen der beiden unzertrennlichen „Aktivisten der Nacht“ Matze und Thomas geweckt wurde. Na, wie auch immer. Irgendwann waren alle mehr, oder weniger wach und ein jeder fühlte, dass wir eventuell am Abend vorher ein schlechtes Bier geteilt haben mussten. Thomas erklärte sich wenigstens bereit mit mir ein Konterbier zu trinken. Der Rest der Bande verkam zu Mädchen. „Wie kann man jetzt ein Bier trinken?“ usw.

Irgendwann begaben wir uns dann auf die Heimfahrt gen Ostdeutschland. Nach einem leckeren Stopp in der „Frankenfarm“ in Himmelkrohn mit lecker Gänsebraten und weiteren drei Bieren waren wir dann etwa 14:30Uhr wieder in Brahmenau bei Gera. Thomas war dann so nett, mich nach Hause zu chauffieren.
Um 15:30 war alles erledigt, incl. meiner Person selbst. Bin dann schon um 18:00 in mein Körbchen entschwunden.

Um mit den Worten von Vize zu sprechen. „Na ,höre mal, ich bin 38 Jahre alt, das ist alles nichts mehr für mich“

Zusammenfassend muss man sagen, es war geil. Gerne wieder. Besonderer Dank an den Organisator Achim, meinem Freund, welcher mich viel besser leiden kann als den Vize. (Sorry, der musste jetzt noch)

Bis zum nächsten Mal, benehmt euch anständig Mädels!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s