Zweitwagen Schalke

„Paul Kohlenpott aus Göttingen“ hat sich fürs Netz nicht nur einen sonderbaren Namen zugelegt sondern sitzt Samstags zum Anpfiff der Partien der 1.Fußball-Bundesliga auch gerne in der „Sonderbar“ seiner Heimatstadt.

Eigentlich ist er ja Fan der Jungs vom Millerntor – aber irgendwann wuchs eine „zweite Liebe“ heran…

Eins vorneweg: ich hasse eigentlich Geschichten mit autobiographischen Zügen: Selbstgefällige Lebensbeichten von irgendwelchen Fatzken, die ihre Blütezeiten hinter sich haben,doch gerade diese mit Hilfe zu Papier gebrachtem Müll zu reanimieren versuchen. Ein lebloser Kadaver wiederbelebt durch Wortgewalt. Gott bewahre!

Vom B- Promi, der mal wen kannte, der mal bei wem in irgendeiner Talkshow war, über einen Amateurgolfer aus Hinterhastenichtgesehen, der bei den letzten Arschloch Open 2 unter Paar geblieben ist, bis hin zur moralischen Instanz Grass, der sich als Waffen-SSler die Zwiebel häutete: alle haben irgendwas mitzuteilen. Da schreibt der Jungspund so entfesselt über sein wahnsinnig aufregendes Leben, das man sich wünscht, das dies schon posthume Memoiren seien, da blickt der alte Herr genüßlich in die Zukunft, ganz so, als ob er Methusalem Heesters überflügeln wird. Kirmeslike! Jeder darf einmal! Wer hat noch nicht?

Was hätte eigentlich der Tünnes, der Toni Schumacher, der bei S04 nicht gerade seine – drücken wir uns diplomatisch aus – „beste Zeit“ hatte, weiter gemacht, wenn er nicht 1987 per „Anpfiff“ den eigenen Schlusspfiff herbeigeschrieben hätte. Irgendwelche Antikarnevalisten aus Frankfurt am Main bremsten den Harald aus und verhinderten weitere brisante Enthüllungen aus dem deutschen Fußball. Wer wüsste nicht zu gerne, wer da mit wem auf Koks in Mexiko um die Wette gebumst hat? Anpfiff II und Anpfiff III hätten es uns verraten. Eine Trilogie, die Stig Larssons‘ dem seine Bücher, wie der ambitionierte Ruhrgebietsbewohner zu sagen pflegt, in den Schatten gestellt hätte. Wäre da nicht der verblendete DFB gewesen, der Toni nicht vergeben konnte. Verdammt!

Apropos Larsson. Beim Schreiben dieser Zeilen stelle ich fest, dass es eben doch eine Biographie gibt, die mein Herz erweichte. „The king of kings“, Henrik Larsson hat sie geschrieben. Für Abtrünnige, Ungläubige und Nichtsahnende sei der kurze Hinweis gestattet, dass der sympathische Schwede 242 Tore für Celtic Glasgow erzielte und nebenbei u.a auch noch im Dress vom FC Barcelona zu brillieren wusste. „A season in paradise“ heißt sein unerreichtes Meisterwerk. In bescheidener präziser Nüchternheit und einfachem Englisch für Mr. Jedermann aus Germany lässt er seine 53 Tore aus der Saison 2000/2001 Revue passieren. „I slept well before the Dundee United game. I got up and had a glass of juice“. Ach Henke, mein Guter, in meinen Träumen triffst du ein drittes Mal im UEFA-Cup-Endspiel 2003 und reckst statt des arroganten Mourinho den komischen Pott in die Höhe. In meinen Träumen schießt du nicht wie weiland Ulli Hoeneß 1976 den Elfmeter gegen Jens Lehmann (der neben dem Schwerverbrechen, nach Schalke auch noch für Lüdenscheid- Nord zu spielen, ein Weiteres in Form seiner Autobiographie „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“ beging) in den Münchener Himmel, sondern beendest mit sagenwirmal sieben Toren das Sommermärchen 2006, ehe es begonnen hat. In meinen Träumen wirst du nie älter und spielst immer und immer weiter Fußball, damit ich auch nie älter werde und mich ewig an Deinem Spiel erfreue. Ach Henke, in meinem Träumen trinke auch ich ein „glass of juice“, in echt lass ich das mal sein. Fruktoseintoleranz, you know.

Alles Mumpitz mit dem Geseier. Deswegen meckere ich nur und lese erst gar keine von diesen en gros beschissenen Autobiographien. Ich schreib nur paar Zeilen über mich und Schalke. Lesen werde ich das nie, versprochen!

Es gibt unzählige Geschichten, wie Kuttenträger, Bergarbeiter, Normalos und Punks von frühester Kindheit an mit dem Schalke-Virus infiziert worden sind. Umso länger dabei, umso besser: Die street credibility der anderen „echten“ Schalker ist Dir sicher. Was ist aber mit denen, die durch irgendein Schicksal, durch irgendeinen im weisen Alter erlebten magischen Moment zu S04 bekehrt wurden? Was mit denen, die die Dreistigkeit besitzen, neben Blau-Weiß noch anderen Göttern zu huldigen, ganz so, als würden Gott, Allah, Buddha und Jahwe gemeinsam samstagabens um 18 Uhr bei lecker Pilsken Sportschau gucken?
Einer von denen bin ich, nicht einer von den heiligen Ombudsmännern, aber einer, der im Laufe der Zeit mehr und mehr Sympathien für Königsblau entwickelt hat, obwohl die meinige Fußballwiege nicht unter Tage, sondern im Heimathafen Hamburg steht: beim FC St. Pauli von 1910.
Und mein All-Time-Lieblingsspieler heißt leider auch nicht Asamoah, Libuda, Fischer, Eigenrauch, Büskens, Wilmots, Mulder oder Sand, sondern eben Henrik Larsson, a Celtic living legend.
Dass irgendwer – vielleicht ja doch einer von den vier oben genannten Religionslehrern – Asa und Carlos Zambrano für beide meine Lieblingsvereine spielen ließ, werte ich selbstgefällig als deutliches Zeichen an mich… Oliver Held lass ich da mal außen vor; mögen Hardcorekölnhasser sein Handspiel anno 1998 sportlich-posthum auch noch so begrüßen, so schäme ich mich heute noch beim Anblick des nachfolgenden Interviews seinerseits fremd.

Und es sind die berühmten oft beschriebenen Maitage 2001, die beide Vereine und mich irgendwie zusammenbringen, obgleich meine postpubertäre königsblaue Liebe bereits, äh erst, in den 90ern entflammte… kommen wir also zum bekanntesten und beschissensten Fußballshowdown ever! Fachsimpeln heuer eine Dekade später Journalisten und Experten a la Mullermilkman Lattek über diese Zeit, vergessen einige von Ihnen oft den Vorlauf der Geschichte, die Geschehnisse am 12.05.2001.

„Wo warst Du, als Sparwasser das 1:0 in Hamburg schoss?“ rätselte ein mauerbefreites Einheitsvölkchen Jahre später. Ich weiß nicht, wo ich war, denn selten können Menschen sich an ihr erstes Lebensjahr erinnern, so las ich es neulich in der aktuellen Ausgabe von „Baby und Co“. Ich weiß aber noch sehr wohl, wo ich am 12.05.2001 war. Ich war auf dem Weg nach Hamburg, um den einen FC am Folgetag aufsteigen zu sehen. Den anderen wollte ich, so meine Hoffnung, via WDR Meister werden hören. Kann man nicht so schreiben, sagt mein Mitbewohner aus dem Background gerade. „Meister werden hören“… klar, kann man, sag ich.

Auf Höhe Fallingbostel war die Welt noch in Ordnung. Lautern führte 1:0 bei den Bayern, später stand es lange unentschieden, ebenso in Stuttgart, wo S04 sich ganz auf die Defensive konzentrierte (Anm. des Verf.: sehr wohlwollend geschrieben). Inzwischen heißt Fallingbostel Bad Fallingbostel und auch diese lieblich anzuschauenden Ergebnisse sollten sich noch so wandeln, dass auch ich einen Kuraufenthalt in Bad Fallingbostel hätte gut gebrauchen können.

Eine gefühlte Ewigkeit später, genau als wir unseren Wagen in Altona parkten, schossen Zickler und Balakow innerhalb von 7 Sekunden mein Hirn zu Brei. Ich stieg aus und verfluchte alles, was mir über den Weg lief. Einen Tag später verspielte St. Pauli mit einem 2:2 (immerhin nach 0:2) gegen Hannover die Vorentscheidung um den Bundesligaaufstieg.

Am 19. und 20.5. später hatte ich Wochenenddienst im Altenheim. Nix zu machen, kein Tausch, keine plötzliche Erkrankung, niente… Dekubitus statt Wadenkrampf, Windel- statt Seitenwechsel und – wie sich später herausstellte – Anders Sein statt Anderson!

Wie einige Bewohner hatte auch ich mit der Kraft der zwei Herzen an diesen beiden Tagen zu kämpfen. Wie sehr konnte ich als St. Paulianer Sergej Barbarez nicht leiden, wie sehr blendete mich das HSV-Trikot, das Andreas Müller trug. Und trotzdem: ich hätte Barbarez küssen können für seinen Kopfball in der 90. Minute. Stattdessen schnappte ich mir irgendeine 93-jährige rüstige Dame und tanzte mit ihr freudetrunken durch den Wohnraum der Dementenstation. Leben für den Augenblick, die ganzen Demütigungen vergessen, das blöde „ihr werdet nie Deutscher Meister“- Gesinge, Abstiege, Skandale, alles vergessen… einfach mal dement sein!

Noch heute wünsche ich mir manchmal, mein Gehirn hätte ab diesem Moment partiell seinen Dienst verweigert, hätte für immer und ewig Schalke als Deutschen Meister 2001 abgespeichert. Was nützen mir denn die ganzen Titel aus brauner Nazizeit, was der von 1958? Ich wollte diesen Titel, bei allem Respekt vor Kuzorra und Szepan, für Huub, für Yves, für Mike, für Asa, für Ebbe, für unseren Entertainer Jiri, für Emile, ja sogar für Andi Mö. und Andi Mü. Und, na klar, für Charly!!! Und die Anderen! Und für uns!

Einen Tag später habe ich wieder getanzt, nicht so ausgelassen, irgendwie bescheidener und demütiger, eben so, wie es ein vom Schicksal gebeutelter tut. St. Pauli stieg nach einem 2:1 in Nürnberg auf, aber ICH war nicht Deutscher Meister geworden!

Vielleicht werden ja Träume doch irgendwann wahr, vielleicht recken die Jungs doch noch mal die Schale in die Höhe… Und St. Pauli bleibt mal drin… irgendwann bestimmt einmal! Und wir spielen mal wieder 4:4 wie 1997. Bis dahin widme ich mich der Korrektur von Wikipedia-Einträgen. Wie konnte ein mir unbekannter Wicht unwidersprochen jahrelang behaupten, Henrik Larsson habe bei der WM 1994 mit seinem Treffer im Viertelfinale gegen Rumänien großen Anteil am dritten Platz der Schweden gehabt? Richtig ist doch, dass Larsson einen durchaus wichtigen Penalty im Elfmeterschiessen verwandelte, bevor der Schlussmann Ravelli durch eine Parade zum Held des Tages wurde. Ein reguläres Tor gelang Larsson dann im Spiel um Platz 3 gegen Deutschland- Bezwinger Bulgarien (you remember: 2:1 durch den Glatzen-Letchkov), als er Torwart und einen Abwehrspieler elegant umkurvte und zum 3:0 einschob. Heute kann jeder die Wahrheit über Larssons Tore bei der WM 1994 nachlesen. Und das ist gut so. Mehrfach versuchte ich zudem, die Stelle mit dem verschossenen Elfmeter gegen Lehmann 12 Jahre später zu entfernen, weil ich sie irgendwie für weniger relevant hielt. Vergebens.

Trotzallem: Es waren schöne Tage 2001 mit St.Pauli, Schalke, euren Nürnbergern und sogar dem Verein von der Müllhalde St. Ellingen. Momente, die einem keiner nehmen kann! Auch die folgenden Pokalsiege, die zwar nicht so schön waren wie San Siro 1997, aber doch die geheime Sehnsucht nach Erfolg zu stillen vermochten, halten da nicht mit.. Wäre das gegen Union auch noch in die Hose gegangen, hätte man 50 Kilometer weiter in der Steppe vermutlich noch geunkt: „Am Pott kommt keiner vorbei, außer Schalke“. Isset aber nicht! Jörg Böhme sei Dank.

Und mögen 92,3% auch noch so die alte Fanfreundschaft von Schalke und den Glubberern beschwören, ich hab meine eigene. Jeder kann sie haben, westlich, östlich, nördlich und südlich von der verbotenen Stadt. Kann ich denn was dafür, dass Celtic-Fans neben der Freundschaft zu St. Pauli auch Kontakte zu den Bienchen pflegen? Ist das mein Bier? Muss immer alles so sein, wie es für die Meisten ist!? Mich interessiert St. Pauli, Nürnberg ist mir egal, tut mir leid… meine Geschichte!

Und SCHALKE? … Du, mein lieb gewonnener Zweitwagen, was wär ich ohne Dich!? Komm, laß dich ma drücken, stell Dich nich so an… Glückauf!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Zweitwagen Schalke

  1. sehr schön … anders.

  2. Toll geschrieben, Gänsehaut, Danke,

    KBWG

    Michael

  3. Klasse geschrieben, kurzweilig, authentisch!
    Eigenwilliger und interessanter Schreibstil!

    Komm…lass Dich drücken…;-)

    Glückauf, Enatz

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