Die spielen noch

Frank Jäger erinnert sich gerne, hat auch einiges erlebt, an das zu erinnern sich lohnt. Auch wenn’s manchmal weh tut.

„Die spielen noch“ – jeder Schalker wird wissen, welcher Moment gemeint ist, und wer alt genug war, um davon auch nur irgendetwas wirklich mitzubekommen, dem wird eine Gänsehaut nicht erspart bleiben. Hier also Frank über seine Minuten von damals, als in Hamburg der Ball eben doch noch rollte…


Der Tag der mir wohl auf Ewigkeit in Erinnerung bleiben wird ist der 19. Mai 2001. Eine Woche zuvor hatte Krassimir Balakov mit seinem Tor in letzter Minute den „Nichtangriffspakt“ zwischen Stuttgart und Schalke jäh beendet und nur Sekunden zuvor Alexander Zickler den FC Bayern an die Tabellenspitze geschossen. Die Fahrt zum letzten Spiel der Saison erfolgte nicht wie gewohnt in unserer 5er Fahrgemeinschaft sondern gemeinsam mit einem Fanclub im Bus. Die Stimmung war zunächst sehr verhalten, da das Stuttgartspiel noch nicht ganz verdaut war – wurde aber zunehmend (Veltins sei Dank) euphorischer. Als wir nach knapp 2 Stunden in GE ankamen waren wir eigentlich ziemlich sicher, daß heute noch was geht. Das Spiel gegen Unterhaching war dann eine Achterbahnfahrt par excellence aber das Schlimmste sollte ja noch folgen…

Ich hatte erstmalig einen „Walkman“ (so hiessen die Dinger vor der MP3 Generation) mit Radioempfang dabei und verfolgte parallel das Spiel der Bayern in Hamburg. Die zwischenzeitliche Meldung der 1:0 Führung der Bayern durch Carsten Janker erwies sich als falsch. Gott sei Dank – Abseits. Wir führten schließlich 5:3 und hatten einen hervorragenden 2. Platz sicher. Aber dann. Manni Breukmann gibt ab nach HH und bettelt um ein Tor. Ich habe es noch genau im Ohr. „Freistoss für den HSV – aber schlecht gemacht….Jetzt Marek Heinz von der linken Seite Tor, Tor, Tor – Sergej Barbarez – das ist ja unglaublich!“

In diesem Moment sage ich zunächst leise vor mich hin – Tor für Hamburg. Mein Nachbar brüllt mich an – „Was hast du gesagt“ Ich schreie jetzt zeimlich laut „1:0 für Hamburg“ In dem Moment explodiert der grandiose Block R des alten Parkstadions vollends. Ich war natürlich nicht der Einzige, der ein Radio dabei hatte. Aus allen Blocks brandet Jubel auf und die auf der Anzeigetafel vermeldete 1:0 Führung des HSV ist keine „echte“ Neuigkeit mehr.

Ich heule vor Freude, schreie, springe, umarme wildfremde Menschen. Dann aber versuche ich mich zu sammeln. In HH ist ja noch nicht zwingend Schluß. Dann plötzlich Jubel auf dem Rasen. Ein Feuerwerk geht los. Die Fans laufen aufs Spielfeld. Da wars! Wir sind Meister! Die Bestätigung wird sicher gleich auf der Anzeigentafel erfolgen. Aber lieber nochmal Radio hören. Unmöglich ich verstehe mein eigenes Wort nicht mehr.

Plötzlich tippt mir die junge Frau hinter mir auf die Schulter und sagt die fatalen Worte: „Die spielen noch!“ Ich schaue zur Anzeigentafel und sehe Oliver Kahn. Er ist im Strafraum zusammen mit einigen Bayern und Hamburger Spielern. Klar, denke ich mir, die wiederholen das Tor für den HSV. Das Tor das uns zum Meister gemacht hat.

Denkste.

Plötzlich sehe ich jubelnd weglaufende Bayernspieler und einen wie in Extase jubelnden Otmar Hitzfeld. Ich bin komplett fassungslos. Ich setze mich auf meinen Platz und verweile dort gefühlte 2 Stunden. Ich komme als letzter am Fanbus an und weiß, dass an diesem Nachmittag etwas geschehen ist, was ich nie in meinem Leben vergessen werde.

Es war der schlimmste Tag „Auf Schalke“. Schlimmer als die Abstiege. Viel schlimmer als die verpasste Meisterschaft 2007. Ich denke noch heute oft daran. Das Gefühl von damals, diese 4 Minuten in denen man dachte Meister zu sein sind unauslöschbar. Wie oft wurden wir deswegen schon verarscht. „Ihr werdet nie Deutscher Meister“ Vielleicht werden wir es wirklich nicht, aber ich bin stolz darauf das alles erlebt zu haben. Mit all den Emotionen mit all der Freude und der grenzenlosen Enttäuschung. Und seit damals bin ich mir sicher, dass wir Schalker wirklich am meisten mit ihrem Verein verbunden sind. Wenn ich die Bilder von jubelnden Bayern- oder Wolfsburgfans nach gewonnenen Meisterschaften sehe kommt mir ein Lächeln über die Lippen. Da sind nicht die Emotionen zu spüren die jener 19.05.2001 zu Tage gebracht haben.

Es war das letzte Spiel im Parkstadion, dem Ort wo man so viel erlebt hat. Es endete so wie es wahrscheinlich enden musste.

Glück Auf!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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2 Antworten zu “Die spielen noch

  1. An diesen Tag haben wohl die meisten Schalker ähnliche Erinnerungen. Ich würde aber nicht sagen, daß dieser Tag, der schlimmste Tag Auf Schalke war, den ich erlebt habe. Natürlich war auch bei mir und anderen, die auf der Tribüne saßen, die Enttäuschung erst einmal riesengroß. Danach wurde mir aber die Grösse der an diesem Tag erlebten Emotionen bewusst, diese Art Zusammengehörigkeit nach diesem bitteren Moment war einzigartig. Das war Schalke pur, auch wenn es in puncto Meisterschaft ein Nackenschlag in letzter Minute war.

  2. über zehn Jahre her …
    und doch bekomme ich allein beim Lesen „Hühnerfell“

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