Ausgelebte Inkonsequenz

„Roland“ hat schon viel erlebt mit Schalke – aber dass er *das* einmal erleben würde, das hätte er nicht gedacht.

Jahrtausendwende, alle hatten Schiss vor dem „Millenium-Bug“, praktisch stand der Weltuntergang bevor, aber am Ende passierte gar nichts Schlimmes. Obwohl,… es gab da in der Sommerpause einen Spielertransfer, der für Manche schon etwas von „Weltuntergang“ hatte…


Es geschah an einem Freitag im Jahre 2000. Ich kam von der Arbeit nach Hause und saß bei Kaffee und Zigaretten über der Tageszeitung. Da rief mich ein Freund via Handy ausm Auto an.

– Haste das Radio an?
– Ne, warum?
– Rate mal, wen ihr eben verpflichtet habt?
– Keine Ahnung!
– Was wäre denn unvorstellbar und gleichzeitig der Supergau?
– Naja, wenn du mich so fragst: eigentlich die Heulsuse von den Unaussprechlichen
– Genau
– Wie, „genau“???
– Ja, den habt ihr geholt!

Ich konnte es natürlich nicht glauben und hab direkt im Fernsehen den Videotext angeschmissen und da stand es denn „weiß auf schwarz“. Der Spieler, den ich immer am meisten gehasst und verschrien hatte, genau der sollte nun für meinen Herzensverein gegen den Ball treten. Unvorstellbar; nicht nur weil er für den Verein aus der „verbotenen Stadt“ spielte, sondern auch die Art und Weise wie er spielte. Von der ersten bis zur 90ten Minute unsympathisch, unfair, provozierend und überhaupt „halt ne Zecke eben“.

Aus dem Kaffee wurde eine Flasche Bier und sofort rief ich alle meine Schalke-Kumpels an, um auch ihnen diese frohe Botschaft zu übermitteln. Denen ging es genau so wie mir vorher, ungläubiges Schweigen oder direkte Hasstiraden gegen Spieler, Verein + Verantwortliche.
Wenn es denn wirklich stimmen würde, was ja nun Gewissheit war, treten wir alle aus dem Verein aus und kündigen unsere Dauerkarten. Niemals würde man auch nur einen von uns im Parkstadion sehen, niemals nicht!

Emotional sehr negativ aufgeladen hab ich auch direkt all meine oben genannten Vorhaben in Worte gepackt und auf dem Postweg gen Gelsenkirchen geschickt. Unter anderem war auch ein netter Brief für Herrn Assauer dabei, den ich unter anderem gern mit seinem Ausspruch „Das ist nicht mehr mein Schalke“ zitierte.

Während der wie immer ewig langen Sommerpause gab es natürlich kein anderes Thema. Wie immer wurde gelästert, rumgefrotzelt und sich ordentlich lustig gemacht über den S04 (ähnlich wie unter Magath nach den „spektakulären“ Neuverpflichtungen). Es wurde keine Gelegenheit ausgelassen, sich zu diesem doch sehr prekären Thema sachlich oder auch mal extremst unsachlich zu äußern. Hohn und Spott aus allen Ecken und Mündern; es war eine richtige Zerreisprobe für den Verein und somit natürlich auch für uns. Sachlichen Argumenten wie „es geht hierbei nicht um einzelne Spieler sondern um den Verein“ standen in meinen Augen / Ohren genau so sachliche Äußerungen wie „aber doch nicht ausgerechnet DER“ gegenüber.

Ich war immer noch sauer und nahm mir fest vor, in der anstehenden Saison kein Spiel mit diesem Herrn Möller anzuschauen; wie denn auch „meine“ Dauerkarte war ja schon längst abbestellt!

Nach Rückfragen bei meinen ebenso erbosten Kumpels, ob sie denn auch schon ihre Dauerkarte abbestellt und aus dem Verein ausgetreten seien, gab es immer nur sehr zögerliche und nichtssagende Antworten. Als die neue Saison immer näher rückte wurde mir auch immer klarer, dass ich wohl der einzige Depp war, der sein Vorhaben auch in die Realität umgesetzt hatte. Alle anderen kündigten weder ihre Vereinsmitgliedschaft noch bestellten sie ihre Dauerkarte ab.

So stand ich dann am ersten Spieltag der Saison 2000/2001 ohne Dauerkarte und ein klein wenig desorientiert da. Was mache ich denn nun, die Kumpels sitzen am Sonntag inner Kiste und sausen ab gen GE und ich soll daheim bleiben?! Einmal, aber auch ganz wirklich nur dieses eine mal, würde ich noch mitfahren, aber nur um mir anzuschauen, wie denn unser Neuzugang von den Fans in der Nordkurve empfangen wird. Zu meinem Glück gabs damals immer noch Eintrittskarten an den dafür vorgesehenen Örtlichkeiten, nämlich den Kassenhäuschen.

Die damalige Mannschaft (Sand, Mpenza, Böhme, Asa, …) spielte einen wirklich tollen und attraktiven Fußball und so kam es wie es kommen musste. Bei jedem Heimspiel saß ich natürlich wieder mit im Auto und stellte mich unter dem Gelästere meiner Kumpels brav in die Schlange vorm Kassenhäuschen an. Hoch lebe die wie immer konsequent ausgelebte Inkonsequenz!

Es dauerte auch nicht lange und ich konnte mich mit unserem neuen Mittelfeldstrategen zwar nicht anfreunden, aber ich fand, er gab in unserem schönen blau/weißen Trikot eine gute Figur ab. Alleine diese Vorstellung hätte mir ein Jahr zuvor schlaflose Nächte, unkontrollierte Schweißausbrüche und spontane Zitteranfälle bereitet.Nach dem grandiosen 0:4 bei dem „ehemaligen Arbeitgeber unserer Kampfsuse“ und seinem ersten Tor gegen die Bazen waren alle Bedenken über den Haufen geworfen und ich akzeptierte ihn als Teil unserer Schalke-Familie.

Den nächsten Brief den ich gen GE sendete hatte dann auch einen etwas anderen Inhalt als jener den ich ca.6 Monate früher dorthin geschickt hatte. Wie schnell ich doch meine Meinung revidieren konnte. Ich beantragte und bekam zum Glück auch eine Dauerkarte für die nächste Saison, welche ja schon in der neuen Arena gespielt werden sollte. Schnell war mir auch klar, dass ich nie wieder dieses selten kostbare Stück einfach so abgeben würde, da es heute ja schier unmöglich wäre eine neue zu bekommen. Zum meinem Bedauern muss ich hier allerdings auch zugeben, dass mich dieses „personenbezogene Unverständnis“ gegenüber meinem Verein in der Ära Magath wieder übermannte. Ich konnte und wollte mit diesem „Trainer/Manager und was weiß ich noch alles“ nicht mehr umgehen. So nutzte eine Weile ein Freund von mir die Karte zum Besuch unserer Arena.

Aber zum Glück hab ich ja aus der „Heulsusen-Affäre“ gelernt, dass es nie um Sympathien gegenüber einzelner Personen geht sondern immer um den Verein; auch wenns mir manchmal sehr schwer fällt.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Ausgelebte Inkonsequenz

  1. Mich erreichte die Nachricht im Büro, meine Frau rief an und mit vor Aufregung und Zorn nahezu unhörbarer Stimme fauchte sie „Du glaubst nicht, wen wir verpflichtet haben!“.
    „Oh Gott, nicht den Kahn bitte!“ winselte ich.
    „Schlimmer!“ schrie sie, „viel schlimmer!“
    Ich bin sofort in die Tiefgarage gerannt und riss rituell den Schalke-Papper vom Heck des BMW.
    Es dauerte vier Tage, da hielt ich den Anblick des Autos so nicht mehr aus, kaufte einen neuen Aufkleber – und die gabs damals nicht an jeder Ecke, ich fand in Düsseldorf nur einen dicken, gummiartigen, der eigentlich an die Scheibe gehörte, und der fand dann eben seinen Weg an die Heckklappe.
    Das „Aussöhnen“ mit diesem Transfer dauerte etwas länger.

  2. Der Meenzer bei uns hatte es mir damals in irgendeinem Seminar erzählt. Ich wusste gleich, dass er mich nicht veräppelt. Richtig geglaubt habe ich es allerdings erst zu Hause – der Videotext verkündete auch diese „frohe“ Botschaft. Alle anderen „Fußballer“ bei uns haben sich über uns lustig gemacht. Das war vielleicht noch viel schlimmer…

  3. Ich hab das witzigerweise in Frankfurt auf dem Weg von der Messe zum Bahnhof aufgeschnappt und hielt es zunächst für einen Aprilscherz – im Sommer 😉

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