Parkstadion

Bastian Trojahn ist zu Zeiten des letzten Aufstieges praktisch groß geworden im Parkstadion und war und ist bis heute fasziniert von der Schalker Fankultur, wie er sie damals erlebte.

Die „alte Schüssel“ im Mai 2008. Die Bagger sind da, sie meinen es ernst. Und die Gedanken beginnen zu wandern…


18.05.2008 – Ein Tag, an dem man in die Nachbarstadt fuhr, um unsere Amas in einer schmucken Schüssel spielen zu sehen – der Vestischen Kampfbahn in Gladbeck. Aber dieses Stadion sollte nicht das einzige gewesen sein, was man an diesem Tag besuchte. Auch unsere alte Schüssel sollte an diesem Tag nochmals aufgesucht werden. Unsere alte Schüssel? Nicht ganz, schließlich rückten Bagger, Birne und Co. schon knapp 4 Jahre zuvor an.
Fast die halbe Haupttribüne, Süd- und Nordkurve sowie Anzeigetafel und 2 Flutlichtmasten suchte man schon länger vergeblich. Nun stand die zweite, wenn nicht sogar letzte, große Abrissphase bevor. „Das darf nicht ohne ein weiteres „Tschüss sagen“ passieren!“, dachte man sich. Wie oft hat man das schon getan, und trotzdem zieht es einen immer wieder ins angenagte, verlassene Rund.

„Unbefugten ist das Betreten der Baustelle strengstens untersagt“ – So steht es auf einem Schild in schäbigen Farben, die man früher sonst nur in Form eines brennenden Schals am Lautsprechermast im Block 5 sah. „Unbefugten ist…“ Ach, aber heute mal nicht.

Und so ging es direkt hinauf in Block Q. In wenigen Tagen sollte dies nicht mehr möglich sein. Hier oben genoss man fast alle Heimspiele der Eurofighter auf dem Weg nach San Siro. Den Platz, auf dem man sah, wie schon eine Hand den Pott festhielt, gibt es schon lange nicht mehr. So auch meinen Stammplatz in der Nordkurve, die mittlerweile einem Garten gleicht und Fasanen als Nistplatz dient. „Immer noch besser, als dat Ding ganz platt zu machen.“ sage ich mir immer. Und schließlich soll in der Nordkurve ja auch mal die neue Tribüne für unser Amateurstadion entstehen. Aber die Gedanken schweifen weniger in die Zukunft als in die Vergangenheit.

Angefangen vom Ende der Zweitligazeit, dem Aufstieg gegen Darmstadt 98, bis hin zum Ende des Spielbetriebs, das schnell wieder verdrängt wird. Ich denke daran, während ich auf das Grün der Nordkurve blicke, wie mich diese damals lebendige Kurve früher fasziniert hat, als man als kleiner Schalker die ersten Schritte in die königsblaue Welt setzte und immer wieder „erwischt“ wurde, wie man lieber die ganzen Verrückten mit ihren Fahnen und Schlägermützen mit seinen Augen aufgesogen hat, als das Fußballspiel auf dem Rasen zu verfolgen.

Am Tag darauf ging’s dann los. Ließen sich Teile des Daches noch leicht entfernen, hatte die Abrissbirne mit den Trägern ganz schön zu kämpfen. Im Juli sollten nur noch Reste des schwarzen Waschberges zu sehen sein, auf dem man die Haupttribüne errichtet hat. Schnell kam die Vermutung auf, dass dieser Zeitplan ein Ding der Unmöglichkeit zu sein schien. Nicht ohne ein zufriedenes Schmunzeln. „Es wehrt sich.“ hörte man hier und da, und so war es. Den Eindruck, dass die Abrissarbeiten ein „Klacks“ sind, hatte man nicht. „Schön! Die Wiege meines Lebens als Schalke-Fan bleibt also doch noch eine Weile stehen.“

Regelmäßige Besuche der Baustelle standen ab sofort auf dem Programm.
Man hörte schon aus der Ferne, wie die Birne immer und immer wieder gegen die Träger der Tribüne schlug. Ab und zu mal ein Klirren, das Geräusch herabfallender Dachteile. Nicht sehr oft, und wäre ich die Abrissbirne gewesen, ich wäre aufgrund der Standhaftigkeit dieses Stadions verzweifelt.
Auch der Abriss des Kabinen- und Bürotraktes gestaltete sich schwieriger, als gedacht. So erschien es zumindest dem regelmäßigen Beobachter der Abrissarbeiten.
Standhaft war auch unsere berühmte, nun aber von den Trümmern gezeichnete Rolltreppe, die den Anschein entstehen ließ, ihr Zuhause bis zum bitteren Ende nicht verlassen zu wollen.

In den nächsten Wochen sollten noch viele weitere Besuche anstehen, und nicht selten traf man bekannte Gesichter, die wie ich das Stadion auf seinem nächsten Weg zu frischem Stahl und potentiellem Straßenbaumaterial begleiteten.

„TRADITION VERSCHROTTET – ERINNERUNGEN BLEIBEN!“ hatte jemand oben an die Wand in Q gesprüht.
Treffender hätte man es nicht formulieren können.
Warten wir ab, wie viele „letzte“ Spiele wir noch auf den unbequemen grünen Bänken der Gegengerade verfolgen dürfen, bis auch diese den beiden Kurven ähnelt.

„Und wenn ich von einer Reise zurückkehrte und die Flutlichtmasten des Parkstadions erblickte, wusste ich, ich bin zu Hause und alles ist in Ordnung!“ steht auf der Rückseite des T-Shirts, das ich beim Schreiben dieses Textes trage.
Dies wird auch in Zukunft so sein. Zwar stehen nur noch die beiden Flutlichtmasten im Norden, aber sie bleiben. Wie auch die Erinnerungen.

Das Gebäude, was man nebenan, nur wenige Freistöße entfernt, errichtet hat, wird mir niemals so viel bedeuten wie unsere alte Schüssel. Kein reines Fußballstadion, weitläufig und größtenteils unüberdacht, aber ein Teil von dem Schalke, mit dem ich aufgewachsen bin, ein Stadion, in dem ich Klamotten erlebt habe, die man nur auf Schalke erleben kann, ein Stadion, das einem den Mythos Schalke zu einem wesentlichen Teil seines Lebens hat werden lassen.

Mach’s gut, Parkstadion! Tribünen kann man zerstören. Erinnerungen nicht!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Parkstadion

  1. Ach ja, die gute alte Schüssel. Ich hätte nicht beim Abriss zugucken wollen…

  2. Danke ….

  3. Danke Bastian, ich empfinde ganz genauso und das wird auch wohl immer so bleiben – zumindest hält es jetzt so schon 10 Jahre an :(……das Gebäude nebenan – eigentlich hatte ich mich damals sehr drauf gefreut…….

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