Lohnt sich das denn?

Iris ist im Pott geboren, in der „aktiven Fanszene“ engagiert und jeder, der sie kennt, weiss, dass sie keine Zeit für irgendetwas anderes hat, wenn Schalke spielt.

Das Pokalfinale 2005. Heiß war’s, Außenseiter war man, schwächer auch, aber doch brauchten die anderen ein irreguläres Tor zum Sieg. Und, hat sich die Fahrt nach Berlin trotzdem gelohnt?


„Ihr seid doch bekloppt“, war noch das harmloseste, was ich mir anhören konnte, kaum dass ich erwähnte, wir würden am Samstag zum Pokal-Finale unserer Schalker gegen die Bayern nach Berlin fahren. Wir hatten die Karten in allerletzter Sekunde und nur durch Aktivierung der dunkelsten Kanäle ergattert und waren total happy. „In welchem Hotel steigt ihr denn ab?“ Kein Hotel – keine Zeit für lange Ausflüge – wir fahren da hin, knallen die weg, feiern und fahren wieder zurück – oder so.

Zugegeben, die Voraussetzungen für eine Fahrt nach Berlin hätten besser sein können, erholsam wird das nicht, aber Karten fürs Finale sind nun mal irgendwie fast einzigartig und ich hab schon viel beklopptere Sachen gemacht… Zum Beispiel in der Saison 99/00, als mein Göttergatte für eine dieser ungezählten Brauereien in der verbotenen Stadt gearbeitet hat. Die betrieb in diesem hässlichen Stadion in der Nähe von Lüdenscheid den Erlebnispark Nord, den Businessbereich unter der Nordtribüne und dafür gab es Karten, um Kunden einzuladen. Ich bin also in dieser unheilvollen Saison zehn Mal, ohne Rücksicht auf körperliche Unversehrtheit insbesondere meines Augenlichts, dahin gegangen und die Fehlfarbenen haben in meiner Anwesenheit nicht ein einziges Spiel gewonnen! Alles richtig gemacht. Leider hat das irgendwann der Verkaufsdirektor der Brauerei spitz gekriegt und ich bekam sowas wie „Stadionverbot“, er wollte einfach dem personifizierten Unglück nicht Karte, Essen und Getränke bezahlen – Schade, wer weiß, wie es sonst ausgegangen wäre…

Also dagegen ist so ein Tagestrip nach Berlin doch Kindergeburtstag. Sowas machen andere dauernd. Weil wir mit dem Dienstwagen schon ein paar zu viele Privatkilometer gemacht hatten, entschieden wir uns für ein günstiges Leihwagenangebot und holten am Freitagabend eine königsblaue Passat-Limousine mit Münchener Kennzeichen ab. Wir haben uns totgelacht. Sogar das Auto vereinigt den sportlichen Wettkampf auf sich. Das ist doch ein Zeichen – nur, was soll es bloß bedeuten? Unentschieden? Geht doch nicht…

Samstag, 28.05.2005, 6.00 Uhr, 27°C, das wird ein heißer Tag. Wir schmeißen uns in Bottrop auf die A2, immer Richtung Osten und überholen gleich hinter Gelsenkirchen die ersten blauen Busse. Die Raststätten, die wir anfahren sind fest in Schalker Hand. Völlig fremde Menschen tauschen untereinander Brot und Bier oder Zigaretten, wünschen sich gegenseitig einen Sieg und „Glück auf“. Runter vonner Bahn und schon sind wir da. Tür auf, Hitzschlag, aus den 27°C vom Morgen sind in den Straßenschluchten der Hauptstadt 47°C geworden. Nicht auszuhalten. Und Berlin stinkt bei Hitze, das ist nicht schön, also von wegen, bei uns im Pott sei die Luft schlecht…

Sightseeing, Kulturprogramm und Flanieren unter freiem Himmel fällt wegen der widrigen äußeren Umstände aus, wir suchen uns was Klimatisiertes. KaDeWe ganz oben, Möwenpick, wo die vielen anderen auch sind. Nur wirklich kühl ist es unter der Glaskuppel nicht. Aber auch hier spontane Verbrüderungsszenen. Die meisten gesprochenen Sätze fangen mit den Worten an: „Weißt du noch, damals – in Brügge; Mailand; Kaiserslautern; das 6:6; Lüdenscheid; Uerdingen; 2001?“ Selbstverständlich versiegt relativ schnell der erste Pilshahn, was den völlig unschuldigen Damen an der Kasse schlechte Kritiken einbringt. Wir warten das Happy End nicht ab, sondern starten den aussichtsreichen Versuch diesem riesigen Konsumtempel unser Geld aufzuzwingen, eine Disziplin, bei der ich zu Höchstleistungen fähig bin, so auch heute.

Hochzufrieden verlassen wir irgendwann dieses Wünsch-dir-was-Haus, um meine Beute zum Auto zu schleppen, als direkt vor dem Eingang ein blauer Transit anhält. Die Schiebetür geht auf, zwei Gestalten mit nacktem Oberkörper springen raus und zerren an einem blauen Sofa, von drinnen schiebt noch einer, dann haben sie es rausgehoben und auf den Bürgersteig gestellt. Als nächstes kommt ein Hocker, dann ein Partyfässchen Veltins und die fröhliche Gang lässt sich auf dem Sofa nieder und zapft sich erst Mal ein kühles Blondes. Ja, genauso sind se, die Schalker. In Sekunden bildet sich ein Menschenauflauf, weil jeder stehen bleibt und sich über die ungewöhnliche Szenerie – beömmelt, aufregt, wundert – je nach Charakter. Der Verkehr auf dem Kuhdamm kommt zeitweise zum Erliegen. Das Fäßchen ist schnell leer, der ein oder andere Passant bekommt schließlich auch was ab und dann packen die Jungs ihr Sofa wieder ein, fahren weiter und hinterlassen ein mehrheitlich fröhliches Menschenknäuel, das jetzt wieder seiner Wege geht.

Ich glaube, inzwischen ist es noch wärmer geworden. Wir beschließen, uns dem ganz großen Trubel zu entziehen und wollen uns ein schattiges Plätzchen irgendwo am See suchen, um uns angemessen auf die Anstrengungen des Abends vorzubereiten. Stunden später müssen wir einsehen, dass das wohl nicht geht, ohne in fremde Gärten einzubrechen, Mitglied in einem Yachtclub zu werden oder sich in ein überfülltes Freibad zu begeben. Na gut, dann eben nicht. Wir landen irgendwie in Spandau. Direkt am S-Bahnhof ist ein neues Einkaufszentrum, dessen Klimaanlage noch nicht resigniert hat und hier lassen wir uns bei leckerem Essen und kalten Getränken noch zwei Stunden nieder, natürlich nicht ohne neue Bekanntschaften mit Gleichgesinnten zu machen. Wir Schalker sind ja relativ leicht zu erkennen. Wer nicht sowieso schon im Trikot unterwegs ist, trägt unser Wappen halt auf irgendeine andere Weise stolz am Körper. Am Nebentisch fragt einer: „Habt ihr heute schon einen Bauern gesehen?“ Nein! Stimmt, heute Abend erwartet uns ja noch ein Gegner. Die haben sich aber entweder geschickt getarnt und wollen nicht auffallen, oder scheuen einen Sonnenbrand und sind deshalb gleich zu Hause geblieben (Hoffnung kommt auf). Also bislang war Berlin eine rot-befreite Zone, vermisst hat sie keiner.

Wir lassen unser Auto im angrenzenden Wohngebiet stehen und steigen in die gut blau gefüllte S-Bahn zum Stadion. Gesprächsthema Nr.1: Wo werden wir heute Abend feiern… häufigste Anwort: Anne kaputte Kirche, wie immer… Der Punkt ist also abgehakt. „Tschüß, bis gleich!“ Vor der Einlasskontrolle müssen wir feststellen, dass alles Hoffen nichts genützt hat, die Nordtiroler haben sich doch hier hin gebeamt – Schade eigentlich. Die Kontrollen sind gründlich, aber schnell, so dass wir uns flott in den steinernen Schatten des imposanten Olympiastadions flüchten können. Im Damenfinale zwischen dem FFC Turbine Potsdam und dem FFC Frankfurt steht es bereits 3:0 und die Potsdamen werden die Neuauflage des letztjährigen Finales mit dem gleichen Ergebnis gewinnen. Unsere Plätze mitten in der „Schalker Kurve“ liegen leider noch in der prallen Sonne, so dass wir dankend davon Abstand nehmen, den Mädels beim Siegen zuzuschauen. Lieber verbringen wir noch eine Stunde im Schatten und versuchen vergeblich an etwas Trinkbares zu kommen.

Gleich geht’s los. Endlich. Das Kribbeln lässt sich jetzt nicht mehr ignorieren und der Druck im Magen verstärkt sich. Als die blauen Helden erstmals den Platz betreten, werden sie sogleich stimmgewaltig empfangen und sofort lautstark zum Kämpfen und Siegen aufgefordert. Boah, Gänsehaut, wir sitzen im Block neben den Ultras, das werden meine Stimmbänder nicht überleben – ich freu mich. Obwohl wir uns ja immer gerne einbilden, dass mindestens siebenachtel des Publikums aus Schalkern besteht, stimmt das heute wohl nicht so ganz, aber die akustische Herrschaft haben wir bereits eindeutig an uns gerissen. Die letzte halbe Stunde bis zum Anpfiff vergeht wie im Flug und dann stehen sie auf dem Feld und wollen loslegen. Rost im Tor, davor unsere beste Viererkette mit Niels Oude Kamphuis, Marcelo Bordon, Mladen Kristajic und Levan Kobiashvili hinter Christian Poulsen, Sven Vermant und Lincoln. Unsere Torhoffnungen verteilen sich mal wieder auf Ebbe Sand, Gerald Asamoah und kleines dickes Ailton.

Bereits nach den ersten 10 Minuten ist klar, dass das hier und heute ein ganz schweres Stück Arbeit wird. Es gibt eine frühe gelbe Karte für Ballack, eine „eindeutige Kopfballabwehr“ von Vermant, einige ziemlich rüde Attacken gegen den Gegner auf beiden Seiten, daraus resultierende gefährliche Freistöße, jede Menge Schüsse auf unser Tor und großartige Reflexe unseres Keepers. Die Schalker haben sich eingesungen und harmonieren inzwischen prächtig, da bleibt uns eines unserer unzähligen „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ im Halse stecken. Ze Roberto an den Pfosten, Makaay zunächst an den Bordon und dann ist der Ball drin – Scheiße. Zum ersten Mal hört man, dass im Stadion auch Weibs- äh Bayernvolk anwesend ist. Nur noch Sekunden bis zur Pause und dann haut der Sagnol den Ailton im Strafraum dermaßen weg, dass die gesamte blaue Kurve in zutiefst mitempfundenem Schmerz ein wahres Triumphgeheul wegen des nun fälligen Elfmeters anstimmt. Lincoln läuft an, Kahn fliegt in die falsche Ecke – Ausgleich – und totale Begeisterung.

Wildfremde Menschen liegen sich die gesamte Halbzeit lang in den Armen, denn den Weg zu den Getränkeständen braucht man gar nicht erst anzutreten, wenn man von der zweiten Halbzeit noch etwas mitkriegen will. Eine derart schlechte Versorgungssituation erwarte ich ansonsten höchstens noch in der Sahelzone. Egal, trinken können wir später noch genug, jetzt gilt es erst einmal, alle Energie in den Support zu legen, denn die Münchener kommen wieder besser aus der Kabine als wir. Von der 46. bis zur 60. Minute findet Schalke fast ausnahmslos im Rückwärtsgang statt. Und dann, ein Zeichen der Stadiontechnik – die Rasensprenger gehen an und versuchen die Schalker Spieler mit einer kühlen Dusche zu wecken. Unsere Offensivabteilung macht sich kollektiv nass und es folgt der erste ernstzunehmende Angriff durch Lincoln und Ailton. Die Kurve singt. Ein Leben lang – Blau und Weiß ein Leben lang! Irgendwer hat angefangen und es greift um sich. Immer mehr Schalker fallen ein, recken die Arme in die Höhe – ein Leben lang – wieder und wieder – Blau und Weiß ein Leben lang – Makaay überlistet auf Höhe der Mittellinie die Schalker Abseitsfalle, spielt den Ball zu Salihamidzic, welcher aber eindeutig abseits ist und den Ball aus fünf Metern in unser Tor schießt. Die Fahne des Linienrichters bleibt unten. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Der Spielzug wird auf der Videowand wiederholt, das Abseits ist eindeutig zu erkennen, der blaue Anhang tobt, aber das Tor zählt. Die Kurve sammelt sich wieder und macht weiter, singt weiter, feuert weiter an. Der Abwehrverbund wird aufgelöst und Marcelo und Kris rücken ins Sturmzentrum, doch alle Bemühungen bleiben vergebens, alle Chancen werden zunichte gemacht. Die Mannschaft versucht alles, die Fans geben alles – Ein Leben lang, Blau und Weiß ein Leben lang! Abpfiff – wir haben verloren.

Die nun folgende Siegerehrungszeremonie geht uns gepflegt irgendwo vorbei. Die Schalker Spieler holen sich lustlos ihre Medaillen ab und kommen dann in unsere Kurve. Der Empfang wäre einer Weltmeistermannschaft würdig. Jeder einzelne Spieler wird bejubelt und bedankt sich auf seine Weise für die unermüdliche Unterstützung. Frank Rost schenkt dem Capo seine Medaille. Ich meine zu erkennen, dass der vor Freude heult, jedenfalls ein bisschen. Die Enttäuschung über die Niederlage weicht der Begeisterung für uns selber und die Jubelstürme wollen kein Ende nehmen. Die Sieger, die eigentlich keine sind, haben inzwischen von uns unbeachtet das Pokalhochstemmen, den Konfettiregen und das unvermeidliche „We are the champions“ hinter sich gebracht und verlassen den Platz, wir feiern uns immer noch, unverdrossen, unermüdlich, trotzig. Schalke ist der geilste Club der Welt. Bayern München gewinnt keinen Titel gegen Schalke ohne die Hilfe der Schiedsrichter. Dann ist es vorbei und das Stadion leert sich.

Mit dem Absinken des Adrenalinspiegels schwindet unsere Lust auf eine Verliererparty und wir zwei beschließen einstimmig, den Heimweg sofort anzutreten. Wir sind nahezu die einzigen, die nicht die S-Bahn Richtung Mitte nehmen wollen und brauchen deshalb nur einige wenige Minuten bis zu unserem blauen Auto mit dem M auf dem Nummernschild. Also irgendwie ist es ja dann doch unentschieden ausgegangen, jedenfalls nach Schalker Definition. Die Rückfahrt ist langweilig. Wir versuchen auf irgendeinem Rastplatz eine Mütze voll Schlaf zu nehmen, werden aber freundlicherweise von jedem ankommenden und abfahrenden Auto mit fröhlichem Hupen begrüßt bzw. verabschiedet und geben unser Ansinnen relativ schnell auf.

Sonntag, 29.05.2005, 5.00 Uhr, 27°, wir stehen wieder vor unserer Haustür.
Das war eine geile Aktion. Auch wenn wir verloren haben.
„Na, das hat sich ja wohl nicht gelohnt, dafür nach Berlin zu fahren“, hab ich an diesem Sonntag mindestens fünf Mal gesagt bekommen.
Oh doch, mit Schalke und diesen ganzen positiv Bekloppten unterwegs zu sein lohnt sich immer! Jeder der es schon gemacht hat, weiß genau was ich meine.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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3 Antworten zu “Lohnt sich das denn?

  1. „Na, das hat sich ja wohl nicht gelohnt, dafür nach … zu fahren“ hab ich auch schon gefühlte 1000mal gesagt bekommen; das letzte mal letzte Woche nach meinem Manchester-Trip. Und was soll ich sagen, noch NIE hatte ich das Gefühl, dass es sich NICHT gelohnt hätte mit Schalke auf Tour zu sein!
    Schöne, witzige und kurzweilige GEschichte! Danke.

  2. Wie treffend, komme ich doch auch erst gerade aus Manchester zurück und habe diese Frage auch einige mal gehört!

    1:4? Na und?
    War richtig geil unter all den Königsblauen!
    Ich hoffe, es wird immer so bleiben!!!

    Glückauf, Enatz

  3. Schöne Geschichte; ich frage mich übrigens bis heute, ob der Stadion-Regisseur noch im Olympiastadion arbeitet? Die Wiederholung des Abseitstores auf der Leinwand, komplett mit der Einblendung der Abseitslinie aus der TV-Übertragung war durchaus ein veritabler Fail… aber trotzdem – oder gerade darum – ein Detail, das ich bei keiner Erzählung vom Finale 05 auslasse…

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