Zwischen Blau und Azzurro

Marino Castiglione weiss noch nicht recht, wie er sich vorstellen soll.

In der heutigen Geschichte erzählt uns Marino Castiglione von seinen Abenteuern mit zwei Blautönen…


Wie wird man Schalke-Fan? Ja, guuut, sagen viele, der Vatter hat mich schon damals in die Schüssel mitgenommen, und seitdem…. Da sach ich nur: Das ist die Standardnummer, sozusagen der verwandelte Elfmeter, nicht gerade ungewöhnlich. Aber wie isses mit all denen, die nicht direkt im Dunstkreis von Glückauf-Kampfbahn und Parkstadion aufgewachsen sind? Wie haben die den Virus bekommen? Und warum haben sie ihn immer noch?

Ja, die Sache mit dem Vatter ist schon völlig richtig. Meiner hat mich „natürlich“ auch mit auf Schalke genommen. Weil wir aber nicht in GE, sondern im etwa 120 km entfernten Sauerland gewohnt haben, waren die Besuche eher sporadisch und wurden erst dann häufiger, als wir unser erstes Auto bekamen (Nein, das war NICHT 1955, sondern in der zweiten Hälfte der 70er).

Warum aber nahm mich mein zweifelsfrei fußballverrückter Vater auf Schalke mit und nicht woanders hin?
These 1: Das Sauerland ist großflächig blauweiß unterfüttert. Der eine oder andere Arbeitskollege – auch wenn es nicht unter Tage ist – könnte meinen Daddy infiziert haben mit diesem legendären Virus.
These 2: Wie mein / unser Name es verrät, stammen meine Eltern aus Italien. Die Nationalmannschaft trägt dort ihre blauen Trikots seit über 100 Jahren mit Stolz zur Schau.

Ob das „azzurro“ der „azzurri“ und das Königsblau bei meinem Vater eine gewisse kausale Verbindung zueinander haben?
Meine erste bewusste Erinnerung in Sachen Fußball hat nichts mit den Blauen zu tun, d. h. sorry, blau war sie schon, aber nicht königsblau: Fußball-Weltmeisterschaft in Mexico 1970. Das legendäre „Jahrhundertspiel“ im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien. Ich war sechs Jahre alt und lag bereits mehr oder weniger schlafend im Bett. Zu nachtschlafender Zeit wurde das Spiel (Zeitverschiebung!) übertragen. In unserem Wohnzimmer hatte sich die Hälfte der italienischen Einwohnerschaft unseres Ortes versammelt. Ein lautes Ächzen und Stöhnen macht mich wach und Klein-Marino tippelt im Schlafanzug, barfuß ins Wohnzimmer – gerade rechzeitig, um die psychischen Folgen des Schnellinger-Tores auf meinen Vater und dessen Freunde zu erleben. Das Ganze wird dann noch getoppt von Müllers 2:1 in der Verlängerung. Der Himmel scheint auf die stolzen italienischen Häupter einzustürzen. Mein Vater flüchtet in den Garten. Und da ist meine große Stunde gekommen: „Papi“, sage ich, „Papi, keine Angst, das gewinnen WIR noch.“ Damit ist ja wohl genug über meinen fußballerischen Sachverstand gesagt. 4:3. Klassisch antizipiert.

Am Rande: Im internationalen Fußball schlägt mein Herz auch heute eindeutig pro-Italien. Als zum Beispiel Parma mit seinem B-Team vor einigen Jahren den VfB locker rausgekegelt hat, hat mich das sogar etwas über das schlechte Spiel unserer Jungs gegen Donezk hinweggetröstet.
Schwieriger war es im UEFA-Cup beim Finale gegen Inter. Da ging zum ersten Mal ein Riss quer durch unsere Familie: Mein Vater, alter Interista, verharrte bei schwarz-blau – ich konnte mich (natürlich) nicht von den Eurofightern abwenden – nicht zuletzt, weil bei Inter gerade mal drei Italiener im Team waren.

Im Gegensatz zu den meisten anderen Schalkern habe ich einen Vorteil, nennen wir ihn mal Titelerfahrung; Weltmeister 1982 und 2006 mit Italien. Ein rauschhaftes Erlebnis.

Jetzt zum eigentlichen Thema: dem blauweißen Virus und besonderen Ausprägungen desselben.
Während meines Studiums in Bonn habe ich am ersten (!) Tag an der Uni einen ebenso flammenden S04-Fan kennengelernt, mit dem ich während der nächsten fünf Jahre das Parkstadion immer wieder unsicher gemacht habe. Danach begann die (berufliche) Reise durch Deutschland: Mülheim/Ruhr, Bielefeld, Frankfurt (immer gern gesehen: die erfolgreichen Auswärtsspiele unserer Helden im Waldstadion), seit 1999 Rhein-Ruhr-Gebiet. Dauerkarte seit 2002. 2004 mit dabei in Liberec, wo der UI-Cup-Gewinn mit einem derben Magen-Darm-Virus „bezahlt“ werden musste.

Die Fast-Meister-Saison 2000/2001 bietet viel Stoff für Erzählungen. „Angefixt“ vom 5:1-Sieg unserer Jungs gegen Lautern und eingestimmt von den „Zieht den Bayern die Lederhosen aus“-Gesängen, beschloss ich spontan, am Ostersamstag nach München zu fahren. Das Ticket wurde Hals über Kopf zum doppelten Preis „organisiert“ und ab in die Olympiaschüssel. Mein Studienkollege (der S04-Fan) wohnte inzwischen, logistisch gesehen optimal, 10 Minuten (Fußweg) vom Olympiastadion entfernt. Wir rein in die Kiste. Das 1:0 von Jancker (würg!) mit angesehen und dann die, so glaube ich, genialste Stunde blauweißen Fußballs der Neuzeit (auf jeden Fall emotional gesehen) erleben dürfen: Drei Tore von Ebbe, drei Vorlagen von Emile.

Besser konnte es nicht werden, das musste ich danach erleben: Beim 1:1 in Bochum habe ich im Ruhrstadion, einmal mehr fest in Schalker Hand, Blut und Wasser geschwitzt. Danach ging es für eine Woche nach Italien. Kurzurlaub mit Freunden in der Toskana. Am Samstag brach der 33. Spieltag an: Schalke in Stuttgart – ich hatte Tickets. Der Urlaub musste um einen Tag verkürzt werden, um das Daimler-Stadion rechtzeitig zu erreichen. Abfahrt schon am Samstag, statt wie geplant am Sonntag. Eine mittlere Beziehungskrise bricht aus. Mit allem, was dazu gehört. „Du hast nur Fußball im Kopf!“ etc, pp.

Ich setze auf den Dickkopf-Faktor und wir brechen Samstag früh(st) gen Schwaben auf. Aus der mittleren Beziehungskrise wird ein Psychokrieg. Obwohl ich zwei Karten habe, will meine (inzwischen ehemalige) Freundin partout nicht mit ins Stadion. Es geht wohl darum, das Gesicht nicht zu verlieren. Also trennen wir uns am Bahnhof – im Hintergrund die Fans der Blauen: „Wollt ihr Verlängerung? – NEIN!; Wollt ihr Elfmeterschießen? – NEIN!; Was wollt ihr denn? MEISTERSCHAFT – Klatsch-Klatsch-Klatsch!. Ich auf den letzten Drücker ins Stadion. Karte vertickt und im Galopp zu meinem Platz. Das Spiel: unterirdisch. Stets unterbrochen von SMS-Nachrichten meiner Freundin, die Schlimmes verheißen. Dann die berühmt gewordene 90. Minute: Flatterschuß von Balakov – 1:0. Sechs Sekunden später machen die Bazis durch Zickler (!) das 2:1 gegen Lautern. Ade, Du Meistertitel. Die Rückfahrt nach Hause gerät zum doppelten Eisschrank. 0 Grad Kelvin. Brrr.

Aber selbst das kann getoppt werden.

Der noch legendärere 34. Spieltag: HSV – Bayern; S04 – Unterhaching. An Tickets ist nicht zu denken, zudem geht es mir (gesundheitlich) alles andere als gut. Das Radio, ein geliebtes Medium, v.a. in Kombination mit dem Videotext, muss herhalten.
1:0 Haching. 2:0 Haching. MvH verstolpert als letzter Mann einen Ball. Ohne das heldenhafte Herausstürzen von Olli Reck hätten wir das 0:3 gehabt und sogar der Vizemeistertitel wäre ernsthaft in Gefahr geraten. Ich bin völlig bedient. Doch das Blatt wendet sich: NvK und Asa (per Hacke) gleichen noch vor der Pause zum 2:2 aus.
Und dann geschieht das eigentliche Wunder: Meine Freundin (ja, genau die von Stuttgart) steht plötzlich im schicken schwarzen Auswärtstrikot vor mir und sagt: „So, zieh‘ Dir Dein Trikot an, wir fahren jetzt nach GE!“ Ich stammele irgendetwas von „Wir haben doch keine Karten“ oder so, aber Ihr wisst ja wie Frauen sind: Widerstand ist zwecklos. Aufgrund meines gesundheitlich angegriffenen Zustands übernimmt sie das Steuer. WDR2 begleitet uns auf unserer Fahrt von Düdorf Richtung GE. Auf Höhe „Oberhausen Neue Mitte“ fällt das 3:2 für Haching. Ich insistiere: „Nächste Ausfahrt raus,
U-Turn und zurück!“ Bevor aber die nächste Ausfahrt (Essen) in Sichtweite kommt, hat Jörch das 3:3 markiert. Kurz danach wieder Jörch zum 4:3. Manni Breuckmann überschlägt sich. Unsere Expedition geht weiter. Wir sind da.
Willy-Brandt-Allee. Ebbe netzt ein, ist in diesem Moment alleiniger Torschützenkönig der Liga – ein Tor vor Barbarez vom HSV. Ob Ihr es glaubt oder nicht: In diesem Moment denke ich, könnte der Barbarez nicht trotzdem ein Tor machen? Weniger als eine Minute später ist es soweit. Marek Heinz flankt von links, Barbarez schraubt sich hoch, trifft. 1:0 im Volksparkstadion. Schalke ist Meister. Meister? Wie, Schalke ist Meister, denke ich. Das geht doch gar nicht. Dieser Verein, der dreimal in Liga 2 abgestiegen ist, zu meinen Lebzeiten nie wirklich oben etwas zu sagen hatte, ist Meister? Diese Gedanken gehen in sekundenschnelle durch den Kopf. Der Körper hat sich inzwischen selbständig gemacht. Ich springe wie aufgedreht aus dem Auto, jubele, schreie. Aus dem Parkstadion steigen Böller und Raketen. Ein vorbeifahrender Fahrradfahrer erkundigt sich nach dem warum? Und plötzlich ruft meine Freundin aus dem Auto: „Freistoß in Hamburg.“ Nur diese drei Worte. „Freistoß in Hamburg.“ Und ich muss an meinen Vater denken, der immer sagt: „Die Bayern haben immer CULO.“ Das ist Calabresisch und bedeutet „A***h“ – gemeint ist damit unverschämtes Glück in unendlicher Menge – die Nummer gegen Manchester im Champions League-Finale mal ausgenommen. Andersson läuft an und… Leere, unfassbare Leere.

Fast das Schlimmste an diesem Tag dann die Laudatio von Schott in WDR2 auf die Bazis. „Glück hat nur der, der es sich verdient…“

Mehr als neun Jahre sind seitdem vergangen. Einiges hat sich verändert, aber ich beharre darauf: Auf die Erfüllung eines Traums!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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