Darmstadt, mein Schalke, und mehr

Daniel Heupel ist als gebürtiger „Fischkopp“ mittlerweile zum Rheinländer mutiert und seit über 20 Jahren im schönen Bonn verwurzelt. Mit dem Schalke-Fieber einst von Papa, Opa und dem Rest der GE-Family infiziert, hat er heute seine Schalkefamilie um einen Fanclub aus Köln erweitert und reist mit diesem durch Land und Liga.

Heute nimmt uns Daniel Heupel mit auf eine Zeitreise, die beim Heimspiel gegen Darmstadt 1991 beginnt und bis in die Arena führt…


Vielleicht erstmal was zu mir. Ich heiße Daniel, bin 28 Jahre alt und wohne seit über 20 Jahren in Bonn. Fahre jede Saison zu 25 bis 30 Spielen und kann mich, trotz aller Veränderungen, nicht von diesem Virus losreißen. Will ich aber auch gar nicht! Es macht einfach zuviel Spaß mit den Jungs und Mädels von unserem Kölner Fanclub „Rheinpott-Kanaken“ durch die Weltgeschichte zu reisen.

Geboren und zunächst aufgewachsen bin ich jedenfalls in Wilhelmshaven, also nicht zwingend einer Schalke-Hochburg. Wie komme ich also auf Schalke? Eigentlich ganz einfach: mein Vater ist gebürtiger Gelsenkirchener und ebenso heißblütiger Anhänger des ortsansässigen Vereins. Genauso wie Opa und Oma, Tante und Onkel, die allesamt in GE wohnen bzw es zu Lebzeiten getan haben.

Ich durfte mir schon als kleines Kind immer Geschichten über Schalke anhören. Mein Vater hatte großen Spaß daran seinem Sohn von all seinen Erlebnissen rund um den S04 zu berichten. Von Spielen in der Glückaufkampfbahn, die er, mangels Geld für eine Eintrittkarte, auf dem Bauch liegend vor einem Zaun verfolgte, um so trotzdem live dabei zu sein. Oder von einer Tour zu einem Spiel in Holland, wofür er die Schule schwänzte, um dann im Block seinen Lehrer zu treffen. Oder Spiele in Köln, die immer „sehr gefährlich“ waren. Oder einfach von dem Ärger, den er oftmals mit Oma und Opa hatte, weil er lieber auf Schalke fuhr als sich um die Schule zu kümmern. Aber dafür müsste mein Vater mal „auspacken“… 😉

Mich packte also schon früh die Neugier, was genau diesen Mythos Schalke ausmacht. Ich wollte immer mal mit … und dann sollte es irgendwann Wirklichkeit werden. Ich sollte endlich mit auf Schalke und es sollte nicht irgend ein Spiel werden – Nein, es wurde unser bisher letztes Zweitliga-Spiel. Schalke gegen Darmstadt 98. Es war der 16.06.1991, ich war acht Jahre jung und voller Vorfreude. Was ich dann aber erleben durfte, hätte ich mir vorher niemals ausmalen können.

Wir fuhren also, wie so oft, nach GE zu meinen Großeltern. Es gab lecker Essen von Oma und ich ließ mich wie immer von meinen Großeltern verwöhnen. Aber ich wurde immer kribbeliger, nervöser … Und dann ging es los. Mein Vater rief mich aus „meinem“ Zimmer und wartet schon in voller Montur im Flur des Hauses. Es sollte endlich losgehen. Wir fuhren mit dem „82er“ in die Stadt. Die Tour kannte ich schon, bloß fuhren wir sonst zum Einkaufsbummel in die Fußgängerzone. Heute aber sollte ich das erste Spiel meiner Helden sehen. Also war alles anders … Wir trafen auf dem Weg immer mehr Schalker, viele, die mein Vater seit Jahren auf Schalke kannte. Also wurde an jeder Ecke ein Schwätzchen gehalten und mir wurde von allen viel Spaß gewünscht. Ich würde schon sehen, dass Schalke was ganz Großes ist, sagte man mir. Dann ging es in die Straßenbahn. Rappelvoll. Der kleine Daniel bekam Angst. Diese wich aber schnell eher einer Faszination. So viele erwachsene Menschen, die sich so für eine Fußballmannschaft begeistern, wie ich als kleiner Junge das tat. Das fand ich einfach toll. Es wurde das damals noch aktuelle „Wir wollen wippen …“ gesungen und die Bahn schwankte Richtung Parkstadion. Wahnsinn. Dann raus aus der Bahn und ich konnte schon die Flutlichtmasten sehen. Meine Vorfreude stieg ins Unermessliche. Wir kamen an den Kassenhäuschen vorbei und standen dann vor den Zugangskontrollen. Alles war so riesig für mich, so weitläufig … Dann standen wir auf dem Platz vor der Südkurve, ich sollte meine erste eigene Schalkefahne bekommen. Ich war stolz. Dann ging es mit Papa auf unsere Plätze, Gegengerade! Ich war baff … Was für eine riesen Schüssel, und schon fast voll besetzt mit lauter verrückten Fußballfans.

An das Spiel selber habe ich gar nicht mehr so viele Erinnerungen. Ich war wohl vielmehr damit beschäftigt, die ganzen Eindrücke aufzusaugen. Bis kurz vor Ende, als das Stadion explodieren sollte. In der 78. Minute machte Borodjuk das 1:0. Erwachsene Männer lagen sich in den Armen und mein Vater wirbelte mich durch die Luft. Spätestens in dieser Sekunde war es um mich geschehen. Einfach ein geiles Gefühl, ein Teil dieses Schalke zu sein. Die Menschen stiegen auf die Zäune und feierten den Aufstieg. Ich stand auf der Sitzbank und machte nur noch große Augen, hatte Gänsehaut. Das Spiel war noch nicht zu Ende und die ersten Menschen überwanden die Zäune und standen dann im Innenraum an der Torauslinie. Es war einfach ein riesen Fest. Und eben dieses war mein erstes Spiel. Ich war stolz! Ich wollte gar nicht mehr nach Hause und nervte meinen Vater permanent mit der Frage „Wann gehen wir wieder auf Schalke?“

Fortan nahm mein Vater mich öfter mit, vor allem wenn wir in GE die Großeltern besuchten. Man ging einfach ans Kassenhäuschen und es gab ne Karte für 8 Mark. Alles unkompliziert! Keine wochenlangen Planungen notwendig, so wie es heute ist.

In den folgenden Jahren entwickelte sich meine Liebe zum Verein so halt immer weiter. Das Schalkegefühl war irgendwie eng gebunden an das Parkstadion, an meinen späteren Stammplatz in der Nordkurve, an die Menschen um mich rum und im ganzen Stadion, die mit Leidenschaft und Hingabe für Schalke lebten.

Spätere Highlights waren beispielsweise das Spiel gegen die Bayern, in dem wir das erste mal seit Ewigkeiten den Einzug in den Uefa-Cup gefeiert haben. Andi Müller köpfte uns nach Europa. Unvergessen! Was für eine Party.

Ebenso wie die legendären Spiele in eben diesem Uefa-Cup, 96/97. Highlights wie z.B. das Spiel gegen Teneriffa, in dem das heute überall gesungene „Steht auf wenn ihr Schalker seid“ geboren wurde. Die Menschen waren einfach mit Leidenschaft dabei und die Truppe auf dem Platz lebte diese ebenso … Es war einfach die geilste Zeit. Das Finale erlebte ich, zunächst im strömenden Regen, im Parkstadion vor der Leinwand. Zig tausende Menschen in einem Stadion, in dem gar kein Spiel stattfand. Wahnsinn! Schalke eben!

Ein unvergessliches Erlebnis war auch das Spiel gegen Inter Mailand eine Saison später. Goossens schoss uns in der 93. Minute in die Verlängerung. Ich weiß nicht, ob ich danach jemals nochmal so eine Gänsehautstimmung erlebt habe. Bei Youtube gibts von diesem Spiel ein Video „UefaCup. SCHALKE-MAILAND. unglaubliches Tor. HAMER FANS“. Dieses Video habe ich mir wohl schon unzählige Mal angesehen und dabei immer wieder feuchte Augen. Ein Traum – bis auf das Ende des Spiels 😉

Oder dann das in allen Belangen krasse Spiel gegen Unterhaching. Letztes Spiel in meiner geliebten Schüssel und die Vierminuten-Meisterschaft. Trotz des miesen Endes, ein Spiel, das ich nicht missen möchte. Danach wurde man zwar von allen anderen ausgelacht und verarscht, aber wen interessierte das schon? Das machte mich nur noch stolzer: Wir sind Schalker, keiner mag uns, scheiß egal! Außerdem waren die anderen alle nur so fernsehguckende Fußballfans. Die habe ich zu der Zeit eh nicht für voll genommen 😉

Das war irgendwie mein Schalke. Diese Leidenschaft, diese Hingabe mit der die Leute sich gefreut und für unseren S04 gelebt haben. Die Atmosphäre im Parkstadion. Einfach genial …

Mit dem Umzug in die Arena wurde das alles irgendwie schrittweise anders, emotionsloser. Es mag mit den vielen Touristen zusammenhängen, aber das wird dem Ganzen wohl nicht hundertpro gerecht. Es ist einfach zu einem Event geworden, zum Fußball zu gehen und die Verantwortlichen treiben es immer weiter voran. Europacupspiele in der Arena sind ganz selten auch nur ansatzweise vergleichbar mit meinen Erinnerungen aus dem Parkstadion. Es sind nicht mehr diese emotionalen Erlebnisse wie damals. Bei Buli-Spielen ist es meistens anders. Volle Nordkurve, Gedrängel … vielleicht trägt das seinen Teil zu diesem Gefühl bei. Oder Spiele gegen die DOofen oder dergleichen, die sorgen natürlich nach wie vor für schlaflose Nächte, für Emotion und riesen Vorfreude. Aber trotzdem irgendwie anders als „damals“. Es ist eben nicht mehr dieser pure Fußball, wie ich ihn damals zumindest so empfand.

Vielleicht auch aus diesem Grund sind mir Auswärtsspiele heute am liebsten. Da sind am ehesten die Leute dabei, die vielleicht auch früher bei Wind und Regen im Parkstadion ihre Helden anfeuerten. Die Stimmung ist besser und es macht mir irgendwie einfach viel mehr Spaß! Umso schöner, dass wir diese Saison auch wieder durch Europa touren dürfen!


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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