Das leise Wow

Karin Nagel ist schon eine Weile Vereinsmitglied beim S04, inzwischen nicht mehr so oft auf Schalke, aber auswärts überall südlich von Frankfurt dabei.

Karin Nagel schreibt über „alt“ und „neu“ und ganz besonders über „ihr“ Schalke.


Ich kann nichts berichten von Spielen in der Glückauf-Kampfbahn oder im Parkstadion, ich kann nicht über Meisterspieler schreiben oder Zeiten in der zweiten Fußballbundesliga. Ich habe die entscheidenden Daten der jüngsten Schalker Geschichte (1997 und 2001) nicht miterlebt und ich weiß nicht, ob ich das „alte Schalke“ überhaupt kenne.

Als ich das erste Mal auf Schalke bin, schreiben wir das Jahr 2003, mein damaliger Freund aus Mülheim/Ruhr meint, ich müsse mir unbedingt das Berger Feld anschauen, wenn ich schon einmal den Weg ins Ruhrgebiet gefunden habe. Und so fahren wir an einem trüben Märztag nach Gelsenkirchen. Ich glaube, es gibt magische Momente am Beginn eines Fantums – einer dieser magischen Momente war das erste Betreten der Arena, das tiefe Einatmen, das leise Wow und das Grinsen auf dem Gesicht meines Freundes. Wohlgemerkt, die Arena war an diesem Tag völlig leer, wir waren mit einer Führung unterwegs. Wenig später betraten wir das Parkstadion, das zu dieser Zeit immerhin noch vollständig stand – nur der Schriftzug über der Stadioneinfahrt hatte wirklich schon bessere Tage gesehen. Beim Training sehe ich das erste Mal die Schalker Mannschaft und kenne niemanden außer Andreas Möller, was mein Freund mit einem Aufseufzen quittiert. Er wird mir in den folgenden Tagen Namen und Nummern der Mannschaft beibringen, wird mir von `97 im Parkstadion und ´01 erzählen, als der Sektkorken schon geknallt hatte, wird mir ein Stück alten Parkstadionrasen auf dem Balkon zeigen und seine Augen werden dabei leuchten.

Ein weiterer magischer Moment an diesem Beginn einer wunderbaren Liebe ist ein Spiel, an das sich andere vermutlich nur mit einem Augenverdrehen erinnern. Es ist der 26.August 2003 und wir spielen im Finale des UI-Cups in der Arena gegen Pasching. Das Spiel geht 0-0 aus, aber in meinem Herzen hat Schalke an diesem Abend sämtliche Torchancen verwandelt. Keine Ahnung, was an diesem Abend passiert ist, aber ich stehe mit leuchtenden Augen und klopfendem Herzen in der Nordkurve und bekomme den Mund gar nicht mehr zu. Ich singe noch auf der Heimfahrt mit der Straßenbahn und keiner versteht, warum. Das Spiel war wirklich grottenschlecht, aber es hat mich fußballtechnisch zu dem gemacht, was ich heute bin: zu einem leidenschaftlichen Schalke-Fan.

Und so kann ich immerhin von einer Zeit berichten, in der die Arena noch nicht den Namen einer Brauerei trug, in der Frank Rost auf seiner Homepage noch flammende Worte über Schalkefans schrieb, in der Charly noch lebte und Rudi Assauer noch Manager war. Ich kann berichten von einer 100-Jahr-Feier, bei der ich Tränen in den Augen hatte, als 80.000 das Vereinslied sangen, von etlichen Auswärtsfahrten, bei denen ich die blau-weißen Farben mit Stolz durch eine fremde Stadt trug, und vom Grinsen in meinem Gesicht, wenn jemand, den nun ich mitnehme, beim Betreten der Arena genau so staunt, wie ich es damals tat. Berichten kann ich von einigen lieben Schalkern, die mich seit 2003 begleiten und in deren Mitte ich herzlich aufgenommen wurde, von netten Zugbekanntschaften und einem Zusammengehörigkeitsgefühl, das mich immer noch durchströmt, wenn ich in Gelsenkirchen ankomme. Berichten kann ich vom Unverständnis in den Blicken meiner bayrischen Mitmenschen, wenn ich mit Begeisterung vom Ruhrgebiet spreche, vom Stöhnen meines neuen Freundes, wenn er Samstags schon wieder mit in die Kneipe muss, weil ein wichtiges Spiel ansteht und von den Sorgen meiner Eltern, wenn sich mein Auto mit mir „schon wieder“ auf den weiten Weg nach Gelsenkirchen macht. Ja, berichten kann ich von einer Leidenschaft, die weit geht, mir so viel gibt und hoffentlich niemals endet.

Für viele mag das schon das neue Schalke sein, für mich ist es das erste Schalke, das ich kenne, das Schalke, in dass ich mich verliebt habe. Es ist nicht alles schlecht geworden, glaube ich.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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