Fremde Freunde

Enrico, Baujahr 77, lebt in Magdeburg, ist fußballbegeistert seit Italia ’90 und entdeckte kurz darauf sein Schalke 04. Sah sein erstes Spiel im Parkstadion 1995, wurde später Dauerkarteninhaber, ist Mitglied im Supporters Club e.V. und schreibt für „Auswärtssieg!“ und SCHALKE UNSER.

Eine abenteuerliche Reise führt ihn und uns nach Spanien, eine Reise, bei der ganz viel Schalke dabei ist – obwohl Schalke gar nicht dabei ist…


Irgendwann, es muss wohl Anfang 2001 gewesen sein, hatte ich im Kreisel gelesen, dass eine illustere Gruppe Schalker im März nach Valencia zu den Fallas fährt. Wer will noch mit? Äh, ich natürlich. Ein Spiel bei Valencia CF war wohl angedacht. Prima. Einige Leute vom Supporters Club hatten so etwas wie eine Freundschaft zu einer Gruppe Valencianos aufgebaut und fuhren nach unserem Auftritt im UEFA-Cup schon öfters dort hin. Per E-Mail hatte ich dann Kontakt zu Detlef aufgenommen. Gekannt, geschweige denn gesehen, hatte ich ihn bis dato noch nicht. Da die Reise und die Unterkunft in Cullera organisiert werden musste, musste vorab natürlich auch ein Entgelt entrichtet werden. Brav, wie es sich für einen naiven Schalker gehört, habe ich dieses natürlich getan und das Geld überwiesen. An irgendeinen Fremden. Einen Schalker. Wie Du und ich. Ich glaube, ich hatte Detlef vorher nur einmal angerufen, um zu klären, wann und wo wir uns treffen. Ach ja, eine Karte für unser Auswärtsspiel in Frankfurt habe ich natürlich auch noch bestellt.

Und so fuhr ich dann mit Sack und Pack eines Samstagmorgens mit dem Zug nach Gelsenkirchen. Treffpunkt war der Busbahnhof. Auf wen oder was sollte ich eigentlich warten? Keine Ahnung. Irgendwann habe ich einen – man sagt wohl Van dazu – entdeckt. Fahrt ihr nach Valencia? Jupps. Aha, meine Reisegruppe. Bingo, alles wird gut. Auf was habe ich mich hier nur eingelassen? Ich muss doch bekloppt sein. Detlef und Evi aus Westfalen, Jörg und Winter-Botten von der Nordsee, Hermann aus Berlin (eigentlich auch aus Westfalen), Stephan aus Gelsenkirchen und das Zebra aus Oberhausen – mit dieser Truppe sollte ich nun die nächsten zehn Tage verbringen? Na gut. Bezahlt ist bezahlt. Ein Zurück gibt es nun nicht mehr. Schnell wurde noch Proviant für die lange Fahrt besorgt und schon machten wir uns auf den Weg nach Frankfurt. Dort sollte am Abend unser FC Schalke bei der SG Eintracht antreten. So richtig bekannt gemacht hatten wir uns die Fahrt über noch nicht. Aber dazu blieb ja noch genug Zeit.

Am Stadion, es war nun schon ziemlich dunkel, stolperten wir vom Parkplatz durch das Unterholz zum Stadion. Wenn wir uns verlieren, finde ich doch nie wieder zurück zum Auto. Das war eigentlich meine größte Sorge. Im Stadion traf ich dann noch ein paar Bekannte aus unserer eigentlichen Schalke-Truppe, mit denen ich dann das Spiel sah. Ich glaube, es war ein Grottenkick (0:0). Du fährst heute noch nach Valencia? Wahnsinn. Gegen Ende des Spiels gesellte ich mich dann mal zu meiner neuen Reisegruppe, um den Anschluss nicht zu verlieren. Den Parkplatz hätte ich doch nie im Leben gefunden. Meine neuen Leute verabschiedeten sich von den bekannten Supportern, die mit am Start waren. Gute Reise und viel Spaß. Nur Mutter meinte, dass wir ihm Anis-Schnaps mitbringen sollten. Soviel dazu.

Nach stundenlanger Fahrt, wenig Schlaf und lauen Getränken kamen wir dann irgendwann in unserem Domizil südlich von Valencia an. Das Meer direkt vor dem Appartement-Haus, Apfelsinenbäume dahinter und die März-Sonne am Himmel. Was für ein Geschenk. Die mitgebrachten Zaunfahnen wurden schnell am Haus angebracht und schon fühlten wir uns heimisch. Und heimisch fühlte ich mich auch gleich bei meinen neuen Bekannten. Wir haben viel gequatscht, über Schalke, Gott und die Welt, haben viel gegessen und getrunken und kaum geschlafen. Irgendwann kamen auch noch Leute von einem befreundeten Nürnberger Fanclub dazu und die große Familie war nun komplett. Richtig gerockt wurde nun natürlich auch. Mann, was hatten wir für Spaß.

Am Dienstag sind wir dann alle zum Champions-League-Spiel Valencia CF – Panathinaikos AO Athen (2:1) gefahren. Vor dem Spiel kehrten wir in Manolos Kneipe ein, hissten unsere Fahnen und waren irgendwie die Helden. Damals, beim UEFA-Cup-Spiel unserer Blauen in Valencia, gab es wohl hier Ärger mit einigen Valencianos. Letztere zogen wohl den Kürzeren und so ist etwas wie eine Freundschaft mit den Ultra Yomus entstanden. Nun waren wir so etwas wie deren Gäste. Inzwischen sind auch die beiden Schalker „Zwillinge“ da, die Familie war nun vollends komplett. Im Stadion haben wir noch den original Supporters-Club-Lappen aufgehängt. Heldenhaft. Der Chef der Yomus gab mir im Stadion gegen Ende des Spiels zu verstehen, dass er meinen Schalke-Pullover haben wollte. Da ich mich verbal nicht wehren konnte, rannte er von nun an in blau-weiß rum.

In den nächsten Tagen ging das in Valencia dann mit den Fallas so richtig los und wir trafen uns öfters zum Mittag- oder Abendessen mit einigen der Yomus-Führungs-etage. Die Nächte wurden zum Tag. An Schlafen war an diesen Festtagen gar nicht zu denken. Am Samstag sind Stephan, Zebra und ich dann noch ins Hinterland nach Alzira gefahren und haben uns UD Alzira – CD Castellon (2:0) in der dritten Liga angesehen. Die Gäste haben uns als Schalker, und damit als Valencianos, erkannt und waren nicht wirklich unsere Freunde. Nun ja.

Irgendwann geht jede Reise einmal zu Ende und auch wir mussten wieder nach Hause. An einer spanischen Autobahnraststätte haben wir mit den Nürnbergern noch einmal Mittag gegessen, ehe sich unsere Wege trennten. Am nächsten Vormittag kamen wir dann zu Hause bei Detlef und Evi an, wo sich unsere Reisegruppe in Wohlgefallen auflöste. Sehr angetan war ich ja dann, als ich von der Truppe einen Batzen Geld bekam, weil ich doch meinen Pullover hergab und mir dann einen von VCF gekauft hatte. Hatten die doch für mich gesammelt. Da war ich sprachlos. Weil ich jetzt keine Lust mehr hatte noch vier Stunden mit dem Zug nach Hause zu fahren, luden mich Detlef und Evi zu sich ein, um bei ihnen zu übernachten. Auch da war ich wieder sprachlos.

Noch heute denke ich oft an diese Reise zurück. Eine Reise, die für mich eine riesige Erfahrung und sehr intensive Zeit darstellte. Es war eine der schönsten Tage, die ich mit Schalke je erlebt habe. Ich war mit wildfremden Leuten unterwegs, habe Geld an „unbekannt“ überwiesen und habe dafür Freude und Freunde gefunden. Diese Reise hatte mir gezeigt bzw. zeigt es mir heute noch, dass Schalke eben mehr, viel mehr ist, als nur Fußball. Mit Schalke kann ich halt mehr erleben, als nur ein Spiel der Profimannschaft sehen. Schalke existiert eben auch neben dem Fußballplatz. Schalke verbindet. Damit kann ich mich identifizieren. Das ist mein, das ist das wahre Schalke. Jedenfalls für mich. Und darauf bin ich stolz.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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