Kurt

Werner R.Weiss wurde kurz nach dem Krieg in unmittelbarer Nähe der GAK geboren und von Opa Edi und Papa Rudi mit dem blau-weißen Virus infiziert, hat unheimlich viel schon erlebt und immer noch Spaß an „seinem Verein“, auch wenn er ihm immer mehr fremd wird.

Jetzt erinnert er an die Sechziger Jahre und dabei ganz besonders an einen wirklichen Schalker.


Nein,
dies wird kein Bericht über mein erstes Spiel im Jahre 1958, kein Bericht über ein besonders außergewöhnliches Spiel in der Zeit danach, keine Ode an einen bestimmten Akteur in unserer Mannschaft und auch keine Hymne an die angeblich besten Fans der Welt.

Mir ist es einfach ein grosses Bedürfnis, an Kurt erinnern zu wollen.

Wer ist oder wer war Kurt? Die jüngeren unter uns werden mit diesem Namen nicht viel in Verbindung bringen, aber für die älteren unter uns wird Kurt hoffentlich unvergesslich bleiben.

Die 60er Jahre.
Glückauf-Kampfbahn.
Es ist Samstag, 15.30, an einem gewöhnlichen Spieltag.

Der Stadionsprecher:
„Guten Tag meine Damen und Herren, liebe Sportsfreunde. Der FC Schalke 04 begrüsst sie im Namen des Vorstandes zum heutigen Bundesligaspiels gegen den XXX.
Unser besonderer Gruss gilt unseren Gästen aus XXX, den zahlreich mitgereisten Anhängern und der offiziellen Vertretung des Vereins.
Ebenfalls begrüssen wir die Vertreter der Stadt Gelsenkirchen sowie die Mitarbeiter von Presse, Funk und Fernsehen. Ein ganz besonderer Gruss geht an unseren Nationaltrainer XXX, der sich diese Meisterschaftsspiel nicht entgehen lassen will.
Das Spiel steht unter der Leitung von Sportskamerad XXX.
Es folgen die Mannschaftsaufstellungen.
Wir wünschen dem Spiel einen spannenden und fairen Verlauf.
Bitte erheben sie sich nun von ihren Sitzen, es folgt unser Vereinslied ‚Blau und weiß‘.“

Nach dem letzten Akkord des Liedes erschien Kurt. Kurt war zu diesem Zeitpunkt zwischen 30 und 40 Jahre alt. Kurt war gewandet in einen dunklen Mantel mit großem Gürtel, einen schwarzen Hut und meistens zu lange Hosen.
Und Kurt hatte eine große, blau-weiße Fahne.

Also begab sich Kurt auf die Aschenbahn der Gegengerade und lief unter dem tosenden Beifall der Zuschauer mit wehender Fahne und wehendem Mantel Richtung Nordkurve, bremste in Höhe der Eckfahne ab, betrat den Rasen, stellte sich ins Tor, zog seinen Mantel aus, legte die Fahne sorgsam zusammen gerollt ins Netz und ließ sich von den Spielern der 2.Mannschaft die Bälle um die Ohren schießen.
Kein Ordner dachte auch nur im Traum daran, Kurt seinen Spaß zu verderben. Sobald er dann ein Zeichen bekam, nahm Kurt seine Sachen auf und schlenderte mit glücklichem Lächeln auf seinen Platz in der ersten Sitzplatzreihe vor der Nordkurve.

Er fehlte selten und wenn doch, machten wir uns Sorgen. Aber er hielt dieses Ritual durch bis zum Umzug 1973 ins Parkstadion.

Kurt war plötzlich nicht mehr zu sehen. Durch Zufall traf ich ihn Mitte der 70er Jahre nach einem Spiel auf der Üchtingstraße in Schalke, wo er bei seiner Mutter wohnte. Ich sprach ihn an und wollte wissen, wie es im ginge.

„Das ist nicht mehr mein Schalke“, antwortete er mir. „Die lassen mich nicht mehr auf die Laufbahn und ins Tor darf ich auch nicht.“ Aber plötzlich lächelte er wieder und informierte mich darüber, dass am Sonntag in der GAK ja morgens die A1 Jugend und mittags die Amateure spielen würden. Und da würden ja der Willy, der Pitter, der Lothar und der Heinz spielen und er freue sich schon riesig und ob ich denn auch da wäre.
Ja, ich war da und sah Kurt wieder in seinem Element. Bis heute kann und will ich sein glückliches Lächeln nicht vergessen, wenn er von „seinem“ Schalke sprach.

Mitte der 80er Jahre verstarb Kurt. Er liegt begraben in unmittelbarer Nähe von Ernst und Fritz, von Spöller und Willy auf einem kleinen Friedhof in der Nähe seiner Glückauf-Kampfbahn.

Er wird es mit seinem unvergleichlichen Lächeln zur Kenntnis genommen haben.


„1904 Geschichten“.
Die Bitte geht an Alle: wenn ihr etwas habt aus über 100 königsblauen Jahren, etwas Wahres über Schalke, das ihr teilen wollt, Erlebnisse die erinnernswert sind oder ganz einfach Schilderungen, wie es war, wie man sich Eintrittskarten besorgte, wo in der Glückaufkampfbahn, dem Parkstadion oder der Arena man „daheim“ war, wie man dahin kam und wie es da zuging, oder was auch immer vielleicht jemand, der Schalke nur vom Fernsehen oder aus der Zeitung kennt, nie oder niemals wirklich wissen kann – aber vielleicht sollte – schickt mir (matthias.berghoefer[at]web.de) einfach eure Texte, Dreizeiler oder halbe Romane und egal wie’s mit Rechtschreibung aussieht. Hauptsache das, was ihr erzählt, ist wirklich wahr, man erkennt um welches Jahr es geht (wenigstens ungefähr) und ihr habt kein Problem damit, dass es hier, und vielleicht auch irgendwann mal in einem Buch, veröffentlicht wird – natürlich unter eurem Namen, oder einem „Pseudonym“ falls euch das aus irgendeinem Grund lieber ist.
1904 Geschichten sind eine Menge Holz. Ich bin mal gespannt.

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